Eine Lehrstunde in Sachen Gerechtigkeit

Am Amtsgericht Backnang schlüpfen Kinder in Richterroben und urteilen wohlüberlegt

Kinder richten über Kinder: Zum Abschluss gibt’s ein Rollenspiel, bei dem Christian Veith assistiert. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

 

BACKNANG. Jochen Müller hat eine Justin- Bieber-CD gestohlen und wurde vom Kaufhausdetektiv erwischt. Dann schubste der 15-jährige Täter den Detektiv auch noch, sodass dieser verletzt wurde und zwei Wochen arbeitsunfähig war. Dies ist der Fall, der Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren am Amtsgericht vorlag. Bevor es aber zur Verhandlung kam, verfolgten die Kleinen einen Brief des Angeklagten vom Hausbriefkasten bis in die Akte und in den Gerichtssaal. Sie hatten Gelegenheit, den Amtsgerichtsdirektor Michael Lehmann und den Wachtmeister Olaf Bürtsch mit Fragen zu löchern, sich Handschließen anlegen zu lassen und durften die Zelle betreten. Im zweiten Stock des Gerichtsgebäudes lernten sie den Strafrichter Dr. Siever und zwei Justizfachangestellte kennen, die ihnen erläuterten, was mit dem Brief geschieht und wie so ein Gerichtsverfahren ablaufen kann. Eine Verurteilung auf schriftlichem Wege wurde in diesem Fall ausgeschlossen und eine Verhandlung anberaumt.

Christian Veith, Zeugen- und psychosozialer Prozessbegleiter von Prävent Sozial, einem freien Träger der Straffälligen- und Opferhilfe mit Sitz in Stuttgart, sowie seine Mitarbeiterinnen Bonita Fein und Renate Schmid hatten alles sorgfältig vorbereitet, damit die Kinder einmal hautnah erleben konnten, was eigentlich „zwischen Polizei und Gefängnis“ passiert. Es regnete unzählige Fragen, die die Gäste und Gastgeber einander stellten und beantworteten, und im dicken Gesetzbuch wurden die Paragrafen 242 (Diebstahl) und 223 (Körperverletzung) studiert, bevor der Weg in den Saal A führte, wo die Verhandlung stattfinden sollte.

Die Rollen waren schnell verteilt: Zwei Verteidiger, zwei Staatsanwälte, ein Prozessbegleiter, eine Protokollantin, zwei Zeugen, der Wachtmeister und drei Richter sowie der Angeklagte bekamen Gelegenheit, vorbereitete Unterlagen zu studieren, ihre Schlüsse zu ziehen und gern auch von den Vorschlägen abweichende Äußerungen zu machen. In seinem Schreiben an das Gericht, welches nun allen Prozessbeauftragten vorlag, hatte der Angeklagte die Umstände der Tat erläutert und um ein mildes Urteil gebeten. Er habe die CD einem Freund zum Geburtstag schenken wollen und sei im Angesicht des Kaufhausdetektivs in Panik geraten. Die jungen Juristen berieten den Fall ausführlich und absolvierten ihre Aufgabe zum Teil recht geschickt. Vom Aufstehen bei Erscheinen der Richter über das Verlesen der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft, die Befragung der Zeugen und des Angeklagten sowie die Plädoyers der Anwälte bis hin zur Urteilsfindung agierten die Kinder eifrig und mit wachem Interesse.

Das Strafmaß für Jochen Müller lag schließlich weit über dem von der Staatsanwaltschaft geforderten: 100 Arbeitsstunden in einem Altenheim muss der geständige Täter verrichten. Zudem will er freiwillig zwei Wochen im Garten des geschädigten Kaufhausdetektivs arbeiten. Laut Urteilsbegründung wäre eine Gefängnisstrafe zu hart gewesen und eine Geldstrafe aufgrund der finanziellen Situation des Angeklagten und seiner Familie ausgeschlossen. Das wohlüberlegte Urteil stieß jedoch im Gerichtssaal auf einige Empörung. Die Richter ließen sich davon nicht beeindrucken, sondern schlossen die Verhandlung routiniert.

Das Event fand im Rahmen des Ferienprogramms der Stadt Backnang statt und machte den Kindern so viel Spaß, dass sie ihr Rollenspiel in geänderter Besetzung gleich noch einmal inszenierten.