Kampf für ein plastikfreies Straßenfest

Anna Bauer, Kathrin Frank und Maya Wochner sind Aktivistinnen und engagieren sich in Sachen Umweltschutz

Drei junge Frauen aus Backnang stören sich am Plastikmüll, der während des Straßenfestes anfällt. Sie wollen etwas daran ändern und wenden sich direkt an die Stadtverwaltung. Ihr Ziel: Beim Straßenfest 2019 sollen weder Teller noch Besteck, Strohhalme oder Becher aus Plastik sein.

Überquellende Mülleimer mit Plastik machten die jungen Frauen besonders wütend.Foto: Fotolia

Von Silke Latzel

BACKNANG. Das Backnanger Straßenfest ist für viele Bürger das Highlight des Jahres. So auch für Anna Bauer, Kathrin Frank und Maya Wochner. Die jungen Frauen kommen alle aus Backnang und Umgebung und obwohl sie durch Studium und Beruf mittlerweile in alle Winde verstreut sind, bringt das Straßenfest sie immer wieder zurück in ihre Heimat.

Doch in diesem Jahr konnten sie das Fest nicht wirklich genießen. Maya Wochner erzählt: „Ich bin richtig erschrocken, als ich gesehen habe, wie viel Müll überall in den Straßen liegt. Vor allem Besteck, Strohhalme, Schälchen und Becher aus Plastik.“ Für die 20-Jährige besonders schlimm: „Keiner schien sich dafür zu interessieren, allen um mich herum war die Vermüllung egal.“ Wochner fotografiert den Müll, lädt die Bilder auf Instagram, einem Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos, hoch, um zu zeigen, was sie bewegt. „Mich hat das wirklich sehr beschäftigt, ich lag die ganze Nacht wach und konnte nicht schlafen, weil ich mir überlegt habe, wie es weitergehen soll, was ich gegen diese Situation machen kann.“

Eine E-Mail an Backnangs
Oberbürgermeister

Für Maya Wochner ist das Thema Abfall kein neues. Sie ist Aktivistin beim Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ und unterstützt dort die Bewegung „You move“, übersetzt etwa „Du bewegst“. Die junge Frau studiert seit einiger Zeit in Berlin und leitet dort die Lokalgruppe des Vereins. Auch beruflich soll es für sie in Richtung Umweltschutz gehen, ein Praktikum bei der Heinrich-Böll-Stiftung hat sie bereits absolviert. Auch ihre Freundinnen Kathrin Frank und Anna Bauer setzen sich aktiv für den Umweltschutz ein, leben vegetarisch oder sogar vegan, versuchen, privat kein Plastik, sondern Alternativen aus Glas oder Edelstahl zu verwenden.

Bauer und Frank werden über Instagram aufmerksam auf das Müllproblem, das ihrer Freundin schlaflose Nächte beschert. Sie beschließen, dass sie nicht die Hände in den Schoß legen, sondern etwas unternehmen möchten. Ihre Idee: Sie wollen sich für ein „Plastikfreies Straßenfest 2019“ starkmachen. Der erste Schritt: eine E-Mail an Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper, in der sie ihr Anliegen formulieren. „Wir haben ihm geschrieben, dass das Straßenfest immer ein Highlight für uns war, aber wir jetzt durch den ganzen Plastikmüll einen anderen Blick darauf haben und uns gerne einmal mit ihm zusammensetzen möchten, um über das Problem zu sprechen“, erzählt Wochner.

Nopper leitet die E-Mail an Martin Schick weiter, der Leiter des Kultur- und Sportamts ist für das Straßenfest zuständig. Es kommt zu einem Treffen. „Herr Schick hat uns dann gesagt, dass in den Verträgen mit den Beitreibern der Essens- und Getränkestände bereits seit Jahren steht, dass sie nur Mehrweggeschirr und -gläser anbieten dürfen“, erzählt Kathrin Frank. Das bestätigt der Amtsleiter auch auf Nachfrage unserer Zeitung: „Schon seit über zehn Jahren schreiben wir den Standbetreibern eine Pfandpflicht und Mehrweggeschirr vor. Das wird auch kontrolliert. Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass sich jemand nicht daran hält, aber das ist die Ausnahme. Oft kommt der Plastikmüll auch aus den umliegenden Cafés, da haben wir dann natürlich keinen Einfluss.“ Die Antwort von Martin Schick stellt die jungen Frauen zunächst nur halbwegs zufrieden, versöhnt werden sie aber durch ein Angebot des Amtsleiters: „Er würde nächstes Jahr einen Rundgang mit uns übers Straßenfest machen und dann mal schauen, wie es aussieht“, so Wochner. „Das finden wir richtig cool.“ Auch Schick ist dankbar für die Anregungen der drei Frauen. „Wir nehmen das Plastikmüllproblem ernst.“ Für das Straßenfest 2019 hat er sich schon mit Veranstalter Jürgen Häfner zusammengesetzt. Gemeinsam wollen sie an einem Verbot von Plastiktrinkhalmen arbeiten, unabhängig davon, wann die Entscheidung der EU zu diesem Thema umgesetzt wird. Was zunächst nur wie ein kleiner Schritt klingt, ist für die drei Aktivistinnen schon der Beginn von etwas ganz Großem. „Das muss ja nicht heißen, dass es gar keine Strohhalme mehr geben soll. Es gibt ja genug Alternativen zu Plastik, wie etwa ,Röhrle‘ aus Papier oder tatsächlich Stroh“, sagt die 21-jährige Kathrin Frank.

Frank, Wochner und Bauer sind überzeugt davon, dass viele Menschen gerne etwas ändern möchten, sich für die Umwelt und gegen deren Verschmutzung einsetzen wollen und einfach nicht wissen, wo sie beginnen können. „Man muss es den Leuten so einfach wie möglich machen, ihnen direkt Alternativen für bestehende Probleme aufzeigen und im Kleinen anfangen“, erläutert Wochner. Ihr Wunsch: ein plastikfreies Backnang. Für viele, die von dieser Idee hören, ist es ein utopischer Traum. Doch die Aktivistinnen sind sich sicher, dass immer mehr Menschen, vor allem Jugendlichen, die Umwelt wieder wichtiger wird, die Probleme präsenter sind als noch vor ein paar Jahren. Anna Bauer fände es „schön, wenn Backnang ein Vorbild für andere Gemeinden werden würde, die dann sehen, dass man Feste auch ohne Plastikmüll feiern kann“.

Da bis zum Straßenfest 2019 noch etwas Zeit vergehen muss, setzen die drei zunächst an anderer Stelle an: Sie wollen nun auch Cafés abklappern und mit den Besitzern über ihre Ideen sprechen – in der Hoffnung, dass diese bald zumindest auf Plastikstrohhalme verzichten. „Auch kleine Schritte sind wichtig, denn nur so kann das große Ganze verändert werden. Wenn jeder Mensch bei sich selbst mit der Veränderung beginnt, ist das eine große Chance für unsere Erde.“ Wochner und ihre Freundinnen wollen sich auch in Zukunft für eine besser Welt einsetzen, Anstöße, Pläne und Ideen werden ihnen sicher nicht ausgehen.