Wenn das süße Gold zu Beton wird

Mancher Imker im Schwäbischen Wald hat mit dem sogenannten Zementhonig in den Waben der Bienenvölker zu kämpfen

„Der Wald honigt!“ ist normalerweise eine frohe Botschaft, die jeden Bienenbesitzer jubeln lässt. Die aromatischen, meist dunklen Honige aus den Wäldern sind bei Verbrauchern heiß begehrt und werden auch finanziell honoriert, im Falle des seltenen Weißtannenhonigs mit bis zum doppelten Preis im Vergleich zum heimischen Blütenhonig. Leider gibt es diese Spezialitäten – kaum berechenbar und nicht zu steuern – nur alle paar Jahre. Ein spezielles Problem, das dabei auftreten kann und vor dem es die Imker graust: Zementhonig.

Imker Daniel Heim hat sich den berüchtigten Zementhonig eingefangen. Fotos: U. Gruber

Von Ute Gruber

MURRHARDT. Nachdem dieses Jahr die Obstbaumblüte durch den schlagartigen Frühlingsausbruch mit über 20 Grad in nur wenigen Tagen vorbei war, hatten die völlig überrumpelten Bienen nicht allzu viel Blütenhonig eintragen können. Umso mehr freute man sich, als Mitte Juni die Bienenstockwaagen plötzlich stetig steigende Gewichte anzeigten: Jawoll – Waldtracht!

Statt Feiertagslaune gab es beim genaueren Blick in den Bienenstock allerdings lange Gesichter: Die Massen an Honigtau, den die Sammlerinnen heuer schon innerhalb von wenigen Tagen angeschleppt hatten, manche Völker bis zu zehn Kilo am Tag – steckten als kristallisierte Masse in den Waben fest. „Zementhonig“ lautet die bittersüße Diagnose.

Jungimker Daniel Heim aus Benningen am Neckar war im Juli mit ein paar Völkern aus dem Neckartal in den Schwäbischen Wald aufgewandert, wie der Imker sagt. „Bei uns am Neckar gibt es im Sommer nichts mehr für die Bienen. Ich hätte sonst füttern müssen“, berichtet er. In der Vielfalt der Vegetation der hiesigen Wälder finde sich dagegen immer etwas, zumindest für den Eigenbedarf des Bienenvolkes. Die Zunahmen waren dann sogar erfreulich hoch, der Honig in den Waben aber war verdächtig krisselig, wie Sand. „Ich hab die schweren Honigwaben mit noch leicht flüssigem Honig aus dem warmen Bienenstock ins kühle Auto geladen“, beschreibt er das Fiasko, „als ich sie daheim zum Schleudern rausgeholt hab, war der fest.“

Erstes Anzeichen: Der Honig wirkt krisselig wie Sand

Schuld am Desaster ist ein ganz kleines Tier: die Schwarze Fichtenrindenlaus, Cinara piceae, etwa fünf Millimeter groß. Sie ist eine der vielen Blattlausarten an Bäumen, die im Frühjahr deren Siebröhrensaft anzapfen, um für sich und ihre Nachkommen vor allem Proteine und Mineralstoffe herauszufiltern. Den maßlosen Überschuss an Zuckern im Pflanzensaft scheiden sie über ihre Siphonröhrchen als klare Siruptröpfchen aus – den sogenannten Honigtau. Diese Tröpfchen wiederum sammeln die fleißigen Bienen ein und verarbeiten ihn im Bienenstock zu Honig. Soweit alles gut. Nur, dass Cinara piceae – die Letzte in der Sukzession (zeitlichen Abfolge) von honigtaubildenden Läusen an der Fichte – aus unerfindlichen Gründen den Zucker zu einem Großteil als Melezitose abgibt. Dieser Dreifachzucker freilich löst sich viel schlechter als etwa Haushaltszucker (Saccharose) oder Traubenzucker (Glukose) in Wasser und kristallisiert bei entsprechender Witterung sogar bereits auf dem Baum, spätestens aber in den Waben des Bienenstocks. Sehr zum Verdruss des Imkers, der ihn da nicht mehr herausbekommt. Durch Erhitzen würde der Honig wohl wieder flüssig – das Wachs der Waben aber auch. Ein Honig-Wachs-Brei wäre die Folge.

„Dieses Jahr ist das eine einzige Katastrophe“, sagt Dr. Annette Schröder, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart Hohenheim, mit einem Seufzer. Dort stehen derzeit die Telefone nicht mehr still. Viele ratlose, Hilfe suchende Imker melden sich bei ihnen. „Und wir haben noch nicht mal die Laus gefunden“, stellt sie fest. Will heißen: Die übliche Verdächtige, nämlich Cinara piceae, ist heuer am Ende sogar unschuldig an der Misere. „Wir haben Proben ins Labor geschickt. Das ist möglicherweise gar keine Melezitose, sondern Raffinose.“ Auch ein Dreifachzucker, der unter anderem von Leguminosen gebildet wird und für die bekannten Blähungen beim Genuss von Hülsenfrüchten verantwortlich ist. Der Aufruf aus Hohenheim: Falls jemand eine passende Laus gefunden hat, bitte bei der Landesanstalt melden!

Für den Imker mache das freilich keinen Unterschied, stellt die Wissenschaftlerin fest. Und zählt auf, was es für Lösungsmöglichkeiten für den Zementhonig gibt: „Ableger, also Jungvölker, füttern, aber nur während der Saison.“ Als Winterfutter sei der Honig wegen seiner Trockenheit und abführenden Wirkung ungeeignet. „Am besten ist: Umtragen lassen. Das funktioniert aber erst nach Tracht-Ende.“ Sprich, wenn es draußen nichts mehr zu holen gibt. Die aufwendige Konstruktion mit dunkler Folie über dem Volk, Leerzarge, darüber Zementhonigwaben mit Plexiglas hell abgedeckt, sei von Imker-Fachberater Armin Spürgin sehr gut beschrieben und im Internet abrufbar. Die Bienen nehmen den Honig aus den – zuvor gut gewässerten – Waben im Licht wieder auf, versetzen ihn mit spaltenden Enzymen und tragen ihn schnell ins dunkle Nest. „Dann sollte er aber alsbald geschleudert werden.“ Ein material- und zeitaufwendiges Verfahren.

Imker im Oberen Murrtal sehr unterschiedlich stark betroffen

Während manche Berufsimker mit Hunderten Völkern derzeit auf tatsächlich Tonnen von zuzementierten Waben festsitzen und sich mit dem Gedanken tragen, das Ganze mit warmem Wasser auszulösen und der Biogasanlage zu verkaufen, sind die Hobbyimker im Schwäbischen Wald sehr unterschiedlich betroffen. Karl Angelbauer aus Murrhardt hatte von 120 geernteten Wabenrähmchen nur drei verkleisterte, „beim Vereinskollegen auf der anderen Murrseite waren es alle“, berichtet er. Vielleicht sei der schattigere Nordhang hier von Vorteil gewesen.

Martin Karpf hatte unlängst mit übrig gebliebenem Blütenhonig herumexperimentiert und daraus Met hergestellt. „Dazu muss man den Honig ohnehin verdünnen, das würde sich anbieten“, sinniert er, „Met aus Melezitose soll auch sehr aromatisch sein.“ Allerdings hätte er bei diesen Dimensionen das nötige Equipment nicht: „Das ginge ja in den Bereich von Hektolitern! Ich hab nur ein Zehn-Liter-Fässle.“ Vereinskollege Boris Schieber hat die meisten seiner 150 Zementwaben eingeschmolzen und die Honigbrühe anschließend weggeworfen. „Das tat mir in der Seele weh, aber ich brauche doch das Wachs wieder!“

Laut Fritz Sanzenbacher (91) aus Oppenweiler-Reichenberg, der seit bald 70 Jahren Bienen hält, sei alle paar Jahre mit Melezitose zu rechnen, „wenn auch nicht so extrem wie zurzeit“. Nach dem kalten März, sonnig-warmen April und kühl-feuchten Mai sei erfahrungsgemäß auf Waldtracht zu hoffen gewesen. „Aber ich hab keine einzige Laus gesehen“, wundert sich auch der Praktiker.

Daniel Heim hatte Glück: Seine hungrigen Bienen am Neckarstrand haben sich gierig auf den zementierten Honig gestürzt und ihn fleißig umgetragen. Freilich mit „mindestens 50 Prozent Schwund für Spesen“, sprich Eigenbedarf. Den Sammlerinnen im Schwäbischen Wald hat er seine letzten leeren Waben in die Kästen gehängt. Die haben sie ihm jetzt dankbar mit köstlich-kostbarem Weißtannenhonig gefüllt. Man darf auch mal Glück haben.