„Man braucht einen neuen, frischen Blick“

Das Interview:Felix Gottlieb über Ziele und Besonderheiten der Internationalen Klavierakademie und die Liebe zur Musik

Als Felix Gottlieb 1990 aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland kam, hat sich vieles grundlegend verändert. Der äußerst erfolgreiche Konzertpianist hat das Leben auf der Bühne zunächst gegen große Unsicherheit eingetauscht, dann folgte eine Professur an der Stuttgarter Hochschule für Musik. Auch die Gründung der Internationalen Klavierakademie Murrhardt steht letztlich in dieser Tradition.

In der Kunst gibt es kein Richtig oder Falsch, auch die Dozenten interpretieren die Werke unterschiedlich. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Sichtweisen gleich dreier Professoren liegt für Felix Gottlieb der besondere Gewinn der Klavierakademie für die Teilnehmer. Hier arbeitet er gerade mit Rachel Kudo aus den USA, die dieses Jahr den Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig gewonnen hat. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Die Internationale Klavierakademie hat die Besonderheit, dass die Schüler in den Genuss von drei Professoren kommen, mit denen sie arbeiten. Wie kam es zu dieser Konzeption?

Wir sind nicht die Einzigen, die Meisterkurse anbieten, aber diese Form ist relativ selten. Es gibt viele Akademien, bei denen auch mehrere Dozenten unterrichten. Die jungen Pianisten kommen, um bei diesem oder jenem Professor zu spielen. Bei uns müssen sie aber mit jedem der drei Lehrer vorliebnehmen. Für mich ist das sehr wichtig. Dabei gibt es verschiedene Varianten. Entweder der Teilnehmer spielt ein bestimmtes Werk bei allen drei, um verschiedene Meinungen zu hören, oder er sucht jeweils eine Komposition aus, die er gezielt mit einem bestimmten Professor bearbeiten möchte. Außerdem gibt es eine Reihe von Konzerten. Sie sind genauso wichtig wie der Unterricht.

Wie ist das für die Studenten, von drei Dozenten unterrichtet zu werden?

Es passiert schon öfters, dass ein Student, den beispielsweise ich unterrichte, dann kommt und sagt: „Herr Gottlieb, ich war gestern bei ihrem Kollegen und der hat mir etwas völlig anderes zum Stück und Spiel gesagt.“ Und dann antworte ich, wären wir alle der gleichen Meinung, dann bräuchten wir die Kollegen ja gar nicht, könnten alles alleine machen. Es existiert bei manchen auch die Vorstellung, dass die Professoren wissen, wie man ein bestimmtes Stück richtig spielt. Aber in der Kunst gibt es kein Richtig oder Falsch. Das ist auch eine philosophische Frage.

Das heißt, jeder Professor hat eine eigene Vorstellung von musikalischer Richtigkeit oder Wahrheit.

Genau, und das ist für mich der große Gewinn für die Teilnehmer. Viele haben ja lange Unterricht bei nur einem Professor, manchmal auch während des gesamten Studiums. Man gewöhnt sich daran und das ist nicht immer gut. Man braucht einen neuen, frischen Blick.

Gibt es auch Nachteile des Konzepts?

Ich sehe keine, ehrlich gesagt.

Ich habe mich gefragt, ob sehr junge Studenten mit dieser Herausforderung klarkommen. Man muss ja auch selbstbewusst sein, um diese verschiedenen Sichtweisen aufzunehmen und zu verarbeiten.

Nicht jeder ist dazu fähig, aber das ist normal. Viele sind ja Anfänger, und das muss man auch respektieren. Eine Reihe von Teilnehmern kommt auch mit Werken, bei denen sie ganz am Anfang stehen und in ihrem Spiel technisch noch nicht ganz ausgereift sind. Bei solchen Problemen können wir auch behilflich sein, das hängt von den Zielen der Teilnehmer ab. Die ganze Geschichte ist so vielseitig und komplex.

In den klassischen Werken, mit denen sich die oft jungen Pianisten beschäftigen, steckt ja ein reicher Emotionsschatz. Gibt es eine Verbindung von Alter, Interpretationsfähigkeiten und gutem Spiel? Und wenn ja, wie setzen Sie die jungen Menschen auf die Spur?

Bei den Meisterkursen begleite ich ja überwiegend nicht meine eigenen Schüler und deshalb muss man bei der Betreuung auch vorsichtig sein.

Warum?

Manche Leiter von Meisterkursen nehmen auf die Beziehung des Schülers zu seinem festen, ständigen Lehrer kaum Rücksicht und verhalten sich bis zu einem gewissen Grad unkollegial. Umgekehrt sind wir auch mit Einschätzungen einiger dieser ständigen Begleiter konfrontiert, die eine gewisse Begrenztheit spiegeln, aber das ist normal. Die Erfahrungen, die die Teilnehmer bei den Meisterkursen machen, wirken sich auf die Beziehungen zum Lehrer aus. Sie vergleichen, die Wahrnehmung wird erweitert. Man muss als Dozent aber auch überlegen, ob der Schüler die Anregungen und Ideen realisieren kann. Zum einen mit Blick auf die Technik, zum anderen wegen des Stücks, wie er es hört, wenn es ein begabter Mensch ist.

Wenn Sie auf die 18 Jahre als Dozent der Klavierakademie in Murrhardt zurückblicken, gab es besondere Erlebnisse mit Schülern?

Ja. Sehr oft, öfters als man denkt. Es gibt immer sehr begabte Studenten.

Gab es Ereignisse, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Die beste Überraschung ist, wenn der Schüler auf der Bühne besser spielt als im Unterricht, und sie dann merken, ja, er hat die Anregungen richtig verstanden, er kann das sehr gut umsetzen. Leider passiert auch das Gegenteil. Sie haben intensiv gearbeitet, alles genau erklärt, und dann kommt der Teilnehmer auf die Bühne und spielt das Stück genauso wie am Anfang. Ein Grund kann sein, dass er es schon sehr lange übt, alles automatisch abläuft, ohne dass der Kopf sich einmischt. Das ist bedauerlich, passiert aber auch bei eigenen Studenten, nicht nur im Meisterkurs.

Wie schafft man es, sie doch ein Stück weit in eine Entwicklung zu bringen?

Ich weiß nicht, ob man das in einem Meisterkurs wirklich kann. Vielleicht eher, wenn man dort einen Lehrer kennenlernt und dann diese Anstöße gemeinsam weiterverfolgt. Also wenn man sich gefunden hat und in einem kontinuierlichen Unterricht weiterarbeitet.

Zu jeder Akademie gehören immer zwei Kollegen. Wie wählen Sie die beiden Teamplayer aus? Überlegen Sie sich, wer wie zusammenpasst?

Zusammenpassen sollte man menschlich, aber im Grunde genommen ist das keine zwingende Voraussetzung. Ganz entscheidend ist, dass es Musiker auf höchstem Niveau sind. Die pianistische und pädagogische Qualität muss stimmen, das ist für mich das Wichtigste. Es geht um eine gute Arbeit mit den Studenten und auch darum, sie nicht zu entmutigen.

Wir haben vorher davon gesprochen, dass die Schüler von den Meisterkursen auch Impulse und Neues erfahren sollen. Wer hat Sie persönlich als Lehrer am meisten beeinflusst?

Ich habe in meinem Leben das größte Glück gehabt, ich hatte fantastische Lehrer seit meiner Kindheit – Professor Alexander Goldenweiser, Theodor Gutman und Emil Gilels, einer der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts.

Nicht jeder der Teilnehmer wird später einmal ein erfolgreicher Pianist. Die Branche ist hart umkämpft. Was ist für Sie ein Kriterium dafür, zu sagen, jemand ist trotzdem erfolgreich beziehungsweise hat eine gute Entwicklung gemacht?

Das ist schwer zu sagen. Einige meiner Schüler sind Professoren geworden, da kann man von deren Erfolg sprechen. Das ist nur ein Beispiel. Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist es letztlich, dass der Schüler eine intensive Beziehung zum Spiel und zur Musik entwickelt, sozusagen nicht mehr ohne sie leben kann. Er kann einen ganz anderen Beruf ausüben, sollte aber eben immer den Bezug zur Musik behalten.

Sie sind ja bereits im Ruhestand. Wieso bieten Sie weiterhin die Meisterkurse in Murrhardt an?

Ja, ich bin seit sieben oder acht Jahren im Ruhestand und nicht mehr an der Musikhochschule tätig. Die Meisterkurse sind eine Tradition und privat unterrichte ich auch noch. Die Klavierakademie begleite ich einfach sehr gerne, ich fühle mich hier wirklich wie zu Hause. Die erste Akademie hat ja vor so vielen Jahren stattgefunden, 2001. Ich bin sehr glücklich, dass sie schon so lange währt.