„Nachverdichtung ist das Gebot der Stunde“

Das Interview:CIB-Fraktionschef Lutz-Dietrich Schweizer hält Kitas bei der Kinderbetreuung nur für die zweitbeste Lösung

Sitzt Dr. Lutz-Dietrich Schweizer auf seiner Dachterrasse im Zwischenäckerle, dann thront er geradezu über der Stadt. Die Aussicht ist herrlich und perfekt für jemanden, der das Motto „Suchet der Stadt Bestes“ lebt. Und Ansatzpunkte für Verbesserungen sieht der Vorsitzende der zweiköpfigen Fraktion der Christlichen Initiative Backnang (CIB) einige.

Über den Dächern der Stadt, aber nicht abgehoben: Lutz-Dietrich Schweizer liebt den Ausblick von seiner Dachterrasse.Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

Die CIB ist die zweite Liste mit dem C im Namen. Warum haben Sie Ihre Heimat nicht in der CDU gefunden?

Das ist lange her. Mein erstes politisches Engagement geht auf die Zeit der Friedensbewegung zurück, und damals war die CDU durch und durch die Regierung. Ich habe mich damals bei Menschenketten engagiert, und das war keine CDU-Angelegenheit.

Die meisten Fraktionen feiern sich, dass sie auf dem Gebiet der Kinderbetreuung zuletzt viel erreicht haben. Stichwort Ausbau der Kitas. Für Sie ist das kein Grund zum Jubeln?

Vollkommen richtig. An Kitas ist zwar das meiste gut, und eine Kita, die gut funktioniert, ist auch ein Grund zum Feiern. Aber es ist einfach das Zweitbeste. Das Beste ist eine feste Bindung bis zum dritten Lebensjahr in der Familie.

Liege ich richtig, wenn ich Sie als erzkonservativ bezeichne?

Das müssen andere beurteilen, ich denke nicht. Laut Definition würde das bedeuten, dass alles, was früher war, viel besser war, und das, was heute gilt, alles schlechter ist. Aber das ist natürlich nicht der Fall.

Die mögliche Bebauung des Kaelble-Areals bewegt die Stadt derzeit sehr. Sie haben als einer der ersten angedeutet, dass auch ein Hochhaus für Sie nichts Undenkbares wäre.

Ja klar, denn in einem Hochhaus gibt es viele Wohnungen und da können viele Leute wohnen und es verbraucht gleichzeitig nicht einen Haufen Fläche.

Aber diese Wohnungen werden nicht günstig sein.

Das ist im Prinzip egal. Denn irgendwer wird drin wohnen und der geht irgendwo raus. Und dann können die nächsten dort rein. Zudem gehen, wenn es mehr Wohnungen gibt, auch die Preise ein wenig runter. Die frei werdenden Wohnungen stehen dem Markt dann zur Verfügung, die werden ja nicht abgerissen.

Und welche Höhe wäre denkbar, oder ist das sogar egal? Sind auch 100 Meter möglich?

Auf jeden Fall halte ich nichts von der Vorgabe, dass das Hochhaus nicht höher werden darf als der Stadtturm. Da muss man sich einmal Pläne zeigen lassen.

Was könnten Sie sich in dem Areal vorstellen?

Also wenn die Moschee für das Parkhaus abgerissen werden soll, dann brauchen wir auf jeden Fall eine neue. Die könnte dann auch in diesem Gebiet gebaut werden. Oder inwiefern soll eine Moschee in diesem Gebiet stören? Eine Moschee benötigt einen Parkplatz und produziert etwas Verkehr, aber das tut sie an anderer Stelle doch auch. Ein Neubau etwa in einem Industriegebiet kommt für mich nicht infrage. Sollen wir mit den Türken so umgehen, wie in der Türkei mit den Christen umgegangen wird? Das ist nicht angebracht, das ist nicht christlich.

Der Turmbau zu Babel scheiterte laut Bibel daran, dass die Bauherren am Ende in verschiedenen Sprachen sprachen. Warum erinnert mich das ganz arg an Backnang?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Es ist völlig unverständlich, was da passiert. Was manchmal in nicht öffentlicher Sitzung in Anwesenheit der Protagonisten abläuft, versteht man nicht. Viele sind darüber sehr irritiert. Aber die Fehler liegen auf beiden Seiten.

Warum stimmt die Chemie zwischen Investor und Stadtverwaltung so gar nicht?

Darüber habe ich mir schon viele Gedanken gemacht, aber ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, an was es hakt. Auf jeden Fall ist es so, dass Hermann Püttmer und Frank Nopper relativ viel gemeinsam haben. Ein Mediator wäre dringend angebracht. Und Stimmen, die dies fordern, wurden im Gemeinderat auch schon laut.

Sie haben sich persönlich bei der Flüchtlingsunterbringung engagiert und ein Haus zu diesen Zwecken vermietet. Das hat Ihnen nicht nur Lob eingebracht. Stört Sie der Vorwurf, an den Flüchtlingen zu verdienen?

Nachdem derselbe, der diesen Vorwurf geäußert hat, mir gleichzeitig auch die Pleite vorausgesagt hat, kann mich dieser Vorwurf eigentlich nicht mehr arg stören. Die Investition war viel größer, als am Anfang veranschlagt.

Jesus hat zu den Geschäftemachern ein gespaltenes Verhältnis, siehe die Szene mit den Händlern im Tempel. Ich glaube, Sie können Glaube und Gewinnstreben gut miteinander verbinden, für Sie ist das kein Widerspruch?

Gewinnstreben, das anderen schadet, muss man natürlich hinterfragen. Das ist bei diesem Beispiel ja nicht der Fall. Ich halte es eher mit der Bibelstelle: „Fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.“ Und bezogen auf die gesamte Welt, sind wir doch alle reich.

Sind Sie mit dem sozialen Wohnungsbau in der Stadt zufrieden, oder engagiert sich die Stadt auf diesem Sektor zu spät und zu wenig?

Ich bin extrem unzufrieden. Wohnungsbau ist total dringend. Ich werde in der Sprechstunde und außerhalb täglich mit Wohnungsnot-Problemen konfrontiert. Das wirkt sich bis auf die Gesundheit aus. Und wenn es ganz selten einmal eine Wohnung gibt, dann stehen Flüchtlinge zum Teil in Konkurrenz mit einem Teil meiner Patienten, schließlich werden in der Praxis 107 Menschen in Substitution betreut. Diese Drogenabhängigen sind oft Menschen, die auch ganz dringend eine Wohnung brauchen. Und weil die Wohnungen so teuer wurden, gibt es noch sehr viel andere Menschen, auch Berufstätige, die günstigen Wohnraum brauchen. Familien mit mehreren Kindern etwa, oder Paare in Trennung, das ist auch ein häufiger Grund.

Unter diesem Aspekt: Ist die Nachverdichtung in der Stadt noch in einem verträglichen Maß?

Nachverdichtung ist das Gebot der Stunde und muss verstärkt werden. Für die Nachbarn ist das nicht immer schön, und für die Menschen, die dort einziehen, auch nicht. Vielleicht ist die Art von Wohnungsbau, die Herr Püttmer anstrebt, dann doch besser. Dann haben die Bewohner immerhin noch ein bisschen Luft vor dem Fenster. Es ist klar: Den Platz vermehren können wir nicht, aber es werden mehr Leute. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum das letzte Stockwerk beim Projekt Kronenhöfe gestrichen wurde, das hätte man bauen sollen.

Etwas in Vergessenheit geraten ist zuletzt die Obere Walke. Sie blicken von Ihrem Haus direkt aufs Gelände. Sind Sie in gewisser Weise froh, dass sich die Bebauung noch hinzieht?

Was das reine Eigenwohl betrifft, könnte man das so sagen. Aber auch hier könnten Wohnungen entstehen. Deshalb: Als Stadtrat kann ich nicht froh sein.

Mit etlichen Jahren Abstand die Frage an einen Backnanger: War der Winnender Klinikneubau die richtige Entscheidung, oder könnte das Backnanger Haus heute noch funktionieren?

Das war ganz klar die falsche Entscheidung, das sieht man an allen Ecken und Enden. Und natürlich würde das Krankenhaus Backnang, wenn richtig investiert worden wäre, heute noch funktionieren. Aber das Jammern hilft jetzt nichts. Wir müssen schauen, wie wir mit der aktuellen Situation klar kommen.

Als Ultraläufer haben Sie einen langen Atem. Auf welchem Gebiet wünscht sich der CIB-Stadtrat von der Stadt etwas mehr Ausdauer?

Kinder, Flüchtlinge und Wohnungen.

Die CIB ist mit zwei Stadträten die kleinste Fraktion, de facto sind Sie in der Wahrnehmung sogar ein Einzelkämpfer. Stört Sie das?

Das ist so, das nehme ich als gegeben hin. Ich bin aber unheimlich froh, dass mir mein Stadtratskollege Volker Bäßler sehr viel abnimmt. So vertritt er etwa die CIB in den beiden großen Ausschüssen und bereitet viel für mich vor.

Werden Sie nächstes Jahr nochmals antreten?

Ja.

Wie viele Mitstreiter haben Sie bereits?

Wir haben noch gar nicht mit der Suche angefangen. Unser Ziel sind trotzdem 26 Kandidaten, und dieses Ziel haben wir – mit Ausnahme der ersten Wahl – bislang immer erreicht.