Virtuose Klangfantasien

Abschlusskonzert der 18. Internationalen Klavierakademie: Sieben Pianisten präsentieren sich

Die 18. Internationale Klavierakademie ist beendet. Beim Gala-Abschlusskonzert kreierten sieben Pianisten ein bunt schillerndes Mosaik aus wunderschönen Klangfarben und Stimmungen, kunstvoll ausgearbeiteten Details und virtuosen Effekten in hochkarätigen Werken vom Barock bis zum 20. Jahrhundert. Drei Pianisten gewannen ein Stipendium.

Gruppenfoto der Mitwirkenden (hinten von links): Jion Nakamura (Stipendium-Gewinner), Nika Afazel, Rachel Kudo, Albertina Eunju Song (Publikumspreis-Gewinnerin), Alexander Breitenbach; vorne (von links): Kyoko Kohno und Hyelim Kim (Stipendium-Gewinnerin). Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Die Mitwirkenden faszinieren mit hingebungsvollem, detailgenauem und emotionalem Spiel. Anmutig und ausdrucksstark zugleich bringen sie das überaus vielfältige Spektrum der musikalischen Ideen und Gedanken in den verschiedenartigen, zum Teil kontrastreichen Melodien, Harmonien und Rhythmen in voller Pracht zur Entfaltung.

Die US-Amerikanerin Rachel Kudo trägt elegant vier Sätze vor aus der Französischen Ouvertüre Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) in h-Moll (Bach-Werke-Verzeichnis 831). Klangschön stellt sie den prägenden, graziös-galanten Charakter der französischen Barockmusik dar. Vergnügt lächelnd gestaltet Kudo tänzerisch beschwingt den reich verzierten 1. Satz, zart und leise die poetische, klagende Sarabande im 5. Satz, charmant die reizvoll figurierte Melodik und Rhythmik der Gigue im 7. Satz und das heiter verspielte Echo im 8. Satz.

Stilvoll präsentiert der Japaner Jion Nakamura Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) zweisätzige Klaviersonate Nr. 27 in e-Moll Opus 90. Präzise, schwungvoll und klar bietet er den 1. Satz „Mit Lebhaftigkeit und durchaus mit Empfindung und Ausdruck“ dar. Energisch arbeitet Nakamura die dramatisch wirkenden Kadenzen und Läufe mit innovativen Formen zur Überwindung harmonischer Widerstände heraus. Im 2. Satz „Nicht zu geschwind und sehr singbar vorgetragen“ gestaltet der japanische Pianist klangschön die liedhafte Melodik.

Mit großer Empathie bietet die US-Amerikanerin Kyoko Kohno Frédéric Chopins (1810 bis 1849) Ballade Nr. 3 in As-Dur Opus 47 mit drei Themen dar, die abwechslungsreich variiert werden. Verspielt lässt sie die Finger über die Tastatur tanzen und bringt vollendet die Vielfalt leidenschaftlicher und unruhiger Passagen zum Ausdruck, ebenso die nuancenreichen Klänge, Verzierungen, Figurationen und Läufe sowie die abschließende grandiose Modulation mit prächtigen gebrochenen Oktavakkorden.

Behutsam, aber auch mit sprühender Virtuosität trägt die Südkoreanerin Hyelim Kim drei Stücke aus dem Zyklus „Spiegel“ von Maurice Ravel (1875 bis 1937) vor. In 2. „Traurige Vögel“ verziert sie schwermütige Klänge mit hellen, perlenden melodischen Figuren. In der idyllisch-atmosphärischen Impression 3. „Eine Barke auf dem Ozean“ malt sie feinsinnig die Wellenbewegungen mit klangprächtigen Modulationen. Im rhythmisch und melodisch komplexen 4. „Morgenständchen eines Narren“ veranschaulicht sie mit quirlig über die Tasten tanzenden Händen den Auftritt des spanischen Possenreißers.

Harmonisch feinsinnig gestaltet die Iranerin Nika Afazel den 1. Satz Allegro aus Franz Schuberts (1797 bis 1828) Klaviersonate A-Dur (Deutsch-Verzeichnis 959). Klangschön bringt sie die idyllische Melodik mit Zitaten aus früheren Liedkompositionen zur Entfaltung, die eine düster-fatalistische Stimmung trübt, und temperamentvoll eine pathetisch wirkende Akkordkaskade.

Mit Verve präsentiert Alexander Breitenbach aus Siegen das Allegro con fuoco aus der Sonate Opus 1 des in der NS-Zeit verfemten Ernst Bachrich (1892 bis 1942). Leidenschaftlich bringt er die vielschichtige Klangfantasie zum Ausdruck mit einer schnellen Abfolge verschiedenster Harmonien, Dissonanzen und Stimmungen, unruhig aufgewühlten, teils bedrohlichen dunklen Kadenzen, aber auch atmosphärischen Passagen mit reizvoller, impressionistisch wirkender Melodik. Ästhetisch trägt die Südkoreanerin Albertina Eunju Song die drei Charakterstücke der sinfonischen Impression „Venedig und Neapel“ vor aus Franz Liszts (1811 bis 1886) „Pilgerjahre – Zweites Jahr, Italien, Ergänzungsband“. Spielerisch leicht gestaltet sie die 1. Gondoliera, in der ein fröhliches venezianisches Volkslied eine romantische Gondelfahrt und gebrochene Akkorde die Wellenbewegungen illustrieren. Dramatisch düster wirkt die 2. Canzone mit einem Zitat aus Gioacchino Rossinis Oper „Othello“. In der virtuosen 3. Tarantella nach Themen von Guillaume-Louis Cottrau und einer verträumten neapolitanischen Volksweise im Zentrum gestaltet Song souverän schwierigste Figurationen und imitiert den Klang einer Mandoline.

Ob der Spitzenqualität aller Beiträge fällt den Zuhörern im vollbesetzten Saal der Festhalle die Wahl des Lieblingspianisten äußerst schwer. Klavierakademie-Vorsitzender Professor Felix Gottlieb überreicht den mit 300 Euro dotierten Publikumspreis an Albertina Eunju Song. Wegen des außerordentlich hohen Niveaus werden noch zwei weitere Stipendien in gleicher Höhe an Hyelim Kim und Jion Nakamura vergeben.

Treffend charakterisiert Klavierakademie-Geschäftsführer Uwe Matti das Galakonzert als „großartig“ dank hervorragender Leistungen und beeindruckender Spielfreude der Mitwirkenden. Seit der Gründung 2001 besuchten über 600 Teilnehmer aus fast 50 Ländern den Meisterkurs, und die Zuhörerzahl wuchs von anfangs etwa 50 auf weit über 1000. Darum sei die Klavierakademie „ein wichtiger Baustein für den Ruf Murrhardts als Kulturstadt“.

Mit Präsenten und Blumen dankt Geschäftsführer Matti den Professoren Felix Gottlieb, Robert Levin und John Perry, den Betreuerinnen und Dolmetscherinnen Anna Krause und Julia Kirschbaum, Detlef Neumann, der die Info-Tafeln mit Biografien und Fotos der Teilnehmer im Festhallen-Foyer gestaltet und die Flaggen ihrer Heimatländer protokollgerecht vor der Bühne aufhängt, sowie Gisela Fleschmann-Becker, die nun ihre Tätigkeit als Schatzmeisterin im Vorstand des Klavierakademie-Vereins beendet.