Es führt ein Radweg nach nirgendwo

Backnanger Radverkehr im Praxistest: Auf Tour mit Jürgen Ehrmann vom ADFC – Ortsgruppe erstellt Mängelliste mit 24 Punkten

Für Fahrradfahrer ist Backnang nicht besonders attraktiv. Eine Mängelliste, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) kürzlich zusammengestellt hat, umfasst 24 Punkte. Bei einer Rundfahrt durch die Stadt führt uns Jürgen Ehrmann vom ADFC zu den neuralgischen Punkten: Eine Tour über Schlaglochpisten, unüberwindbare Kreuzungen und Radwege, die im Nirgendwo enden.

Unterwegs zu den kritischen Stellen: Jürgen Ehrmann (links) testet zusammen mit Redakteur Kornelius Fritz das Backnanger Radwegenetz. Fotos: Becher (3), Fritz (2)

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Wir treffen Jürgen Ehrmann in Maubach. Der 64-Jährige ist leidenschaftlicher Radfahrer: Jedes Jahr legt er rund 25000 Kilometer im Sattel zurück. Im Frühjahr hat er eine Initiative zur Neugründung einer ADFC-Ortsgruppe Backnanger Bucht gestartet. Die Resonanz sei gigantisch gewesen, sagt Ehrmann. Zu einem Infoabend im Bürgerhaus kamen 25 Interessenten, zum ersten Stammtisch sogar 30. „Das zeigt, dass Bedarf da ist.“ Was die regelmäßigen Radfahrer in Backnang besonders stört, zeigt er uns heute vor Ort:

Verblasste Markierungen: Die Tour beginnt in der Kitzbüheler Straße. Von hier machen sich jeden Morgen zahlreiche Schüler aus Maubach mit dem Fahrrad auf den Weg zu den Schulen im Süden der Stadt. Dafür steht ihnen ein separater Radweg zur Verfügung, der durch einen Grünstreifen von der Fahrbahn abgetrennt ist. So weit, so gut. Kritisch wird es jedoch an den Einmündungen zur Oltener Straße und zur Züricher Straße. Für Autofahrer, die hier, aus Germannsweiler kommend, in die Kitzbüheler Straße einbiegen wollen, ist der Radweg nicht zu erkennen. Die weißen Linien, die ihn früher einmal markiert haben, sind so verblasst, dass man sie kaum noch erahnen kann, auch Warnschilder fehlen. Zu allem Überfluss versperren auch noch Werbeschilder der ansässigen Gärtnereien den Blick. Für Jürgen Ehrmann eine Gefahrenstelle, die sich ohne großen Aufwand beseitigen ließe: „Mit ein bisschen Farbe könnte man hier schon viel für die Sicherheit tun“, sagt er. Noch besser wäre ein roter Belag im Kreuzungsbereich: „Das wirkt für Autofahrer auch als optische Hürde.“

Schlaglochpiste: Nachdem wir die B14 dank Unterführung sicher gequert haben, geht es auf der Maubacher Straße bergab Richtung Innenstadt. Auf der Fahrt ins Tal verwandelt sich die Fahrbahn allerdings mehr und mehr in eine Schlaglochpiste. Für Autofahrer ein Ärgernis, für Radfahrer aber noch viel gefährlicher, denn es besteht akute Sturzgefahr. Was das Ganze noch erschwert: Autos dürften im unteren Teil eigentlich nur bergauf fahren, doch fast niemand hält sich daran: „Ich wurde hier schon mehrfach von hinten angehupt, als ich die Schlaglöcher umfahren wollte“, erzählt Jürgen Ehrmann.

Unüberwindbare Kreuzung: Durch das „Mauseloch“, wie Jürgen Ehrmann den engen Tunnel unter den Bahngleisen nennt, gelangen wir in die Obere Bahnhofstraße. Von hier wollen wir über die Eugen-Adolff-Straße hinunter zur Bleichwiese fahren, aber das ist gar nicht so einfach. Unter der Chelmsfordbrücke gibt es für Radfahrer und Fußgänger nämlich keine Möglichkeit, die Stuttgarter Straße zu queren. „Radfahrer existieren hier planmäßig überhaupt nicht“, kritisiert Ehrmann. Um trotzdem zur Eugen-Adolff-Straße zu kommen, müssen wir erst hinüber zum Adenauerplatz, um dann 50 Meter weiter dieselbe Straße erneut, diesmal in umgekehrter Richtung, zu überqueren. Insgesamt fünf Ampeln liegen auf diesem Weg: Für das Überqueren der Kreuzung sollte der Radfahrer also reichlich Zeit einplanen. Oder er stürzt sich todesmutig in den Strom der vorbeirauschenden Autos.

Fehlende Beschilderung: Nachdem wir die Abfahrt im dichten Autoverkehr gemeistert haben, wird es zum Glück idyllischer. Am Kreisverkehr beim Annonaygarten treffen wir auf den Stromberg-Murrtal-Radweg: Ein bei Radtouristen beliebter Fernweg, der über 152 Kilometer von Karlsruhe nach Gaildorf führt. Andere Städte nutzen die Chance, um mit Schildern entlang der Strecke auf ihre Sehenswürdigkeiten, gastronomische Angebote und Übernachtungsmöglichkeiten hinzuweisen. Backnang nicht. „Ich kann nicht verstehen, dass die Stadt daraus nichts macht“, sagt Jürgen Ehrmann kopfschüttelnd. Er vermutet, dass viele auswärtige Radtouristen Backnang deshalb einfach links liegen lassen.

Zugeparkte Radwege: Unsere Tour geht weiter über die Bleichwiese und durch die Grabenstraße, bei Tesat biegen wir in die Wilhelmstraße ab. Dort gibt es zwar einen rot markierten Radweg, aber wir können ihn nicht benutzen, weil er durch parkende Autos blockiert ist. Doch selbst wenn die Autos korrekt hinter der weißen Linie parken würden, wäre die Nutzung gefährlich. „Der Abstand müsste mindestens 70 Zentimeter betragen“, weiß Jürgen Ehrmann. In der Wilhelmstraße und auch an etlichen anderen Stellen in Backnang leben Radfahrer in ständiger Gefahr, gegen eine plötzlich geöffnete Beifahrertür zu prallen.

Abruptes Ende: Gleich mehrfach auf unserer Tour können wir auch dieses Phänomen beobachten: Ein Radweg endet plötzlich im Nichts. So hört die gestrichelte Linie etwa in der Aspacher Straße kurz vor dem Kreisverkehr einfach auf. Auch in der Gartenstraße ist den Straßenmalern offenbar die Farbe ausgegangen: Dort endet der Schutzstreifen ausgerechnet vor den Ausfahrten der großen Einkaufsmärkte. „Warum zieht man die Streifen da nicht einfach durch?“, wundert sich der ADFC-Experte. Dann wären auch die Autofahrer, die von den Parkplätzen kommen, gewarnt.

Gefährlicher Schwenk: Noch kritischer wird’s in der Talstraße. Dort gibt es einen Radweg, der zunächst auch vorbildlich parallel zur Fahrbahn verläuft. Doch dann, kurz vor der Bleichwiese, schwenkt er plötzlich unvermittelt auf die Fahrbahn. Für Ehrmann eine echte Gefahrenstelle: „Der Autofahrer sieht den Radfahrer neben sich und denkt sich nichts Böses.“ Dass dieser plötzlich seinen Weg kreuzt, sei von hinten kaum zu erkennen, zumal es auch kein Warnschild gibt. Ehrmann fragt sich, warum der Radweg nicht einfach weiter auf dem Bordstein geführt wird. Genug Platz wäre da.

Fazit: Nach rund zwei Stunden und einem Abstecher in die Plaisir, wo es ausgerechnet vor der Schule keinen Radweg gibt, endet unsere Tour, und wir können nun verstehen, warum die Teilnehmer am ADFC-Fahrradklimatest Backnang vor zwei Jahren die Note 4,5 gegeben haben. „Die meisten Probleme sind der Stadt bekannt, viele schon seit Jahren“, sagt Jürgen Ehrmann. In seiner Mängelliste hat der ADFC diese Kritikpunkte deshalb mit einer Schnecke markiert.