Chaos war früher – jetzt flutscht es

Die Rems-Murr-Kliniken sind, gutachterlich bestätigt per DIN-Zertifikat, organisatorisch mittlerweile gut aufgestellt

Die Nachricht klingt entsetzlich sperrig, aber was dahintersteckt, lässt sich ganz einfach ausdrücken: Die Kliniken Schorndorf und Winnenden haben sich erfolgreich einer „Gesamthauszertifikation“ nach DINENISO9001 unterzogen – sprich, der Betrieb funktioniert gut, von der Parkplatzbeschilderung bis zum OP-Management. Wer hätte das vor zwei, drei Jahren zu hoffen gewagt?

Geschafft, die Rems-Murr-Kliniken sind zertifiziert nach DINENISO9001. Auf dem Weg dorthin war Brigitte Strätker-Klumpp, Leiterin der Stabsstelle Qualitäts- und klinisches Risikomanagement, eine Schlüsselakteurin. Foto: G. Habermann

Von Peter Schwarz

WINNENDEN/SCHORNDORF. Ein Betrieb, der zertifiziert ist nach DINENISO9001, hat all seine Abläufe, gutachterlich beglaubigt, nach systematischen Qualitätsstandards durchorganisiert – aber ist es nicht selbstverständlich, dass ein Krankenhaus nachweislich auf solch hohem Niveau arbeitet, zu arbeiten hat?

Es gibt darauf zwei Antworten; eine allgemeine und eine spezielle.

Die allgemeine: Dass eine Klinik sich dermaßen gründlich auf Herz und Nieren abklopfen lässt, vom Dokumentenmanagement bis zur Hygiene, von der Haustechnik im Keller bis zur Station unterm Dach, ist keine gesetzliche Pflicht, sondern eine freiwillige Entscheidung. Manche Häuser tun es, andere sparen sich den Aufwand und lassen nur einzelne, prestigeträchtige Abteilungen werbewirksam zertifizieren.

Die spezielle: Dass die Rems-Murr-Kliniken sich das nicht nur angetan, sondern die strenge Prüfung durch externe Gutachter auch noch bestanden haben, mutet wie ein mittleres Wunder an, wenn man die Vorgeschichte bedenkt.

Qualitätsmanagement

wird so zum Dauerthema

Als 2014 das neue Haus in Winnenden in Betrieb ging, beschlich viele Beobachter der Eindruck: Ach herrje, jetzt haben die zwar ein wunderschönes Gebäude, aber keinen Plan, wie es darin zugehen soll. Es knirschte hinten, knarzte vorne, rappelte oben, rumste unten. Chaos in der Notaufnahme. Fast täglich bei der Zeitung anrufende Leute, die sich über das Essen beschwerten. Streit zwischen den Winnender Chefärzten und ihren Schorndorfer Kollegen.

Ja, räumt Monique Michaelis ein, Pressesprecherin der Rems-Murr-Kliniken, es habe „organisatorische Kinderkrankheiten“ gegeben. Das ist etwas putzig ausgedrückt. Der Patient kratzte sich die Windpockenbläschen wund, während der mumpsdick aufgeschwollene Hals unter Keuchhustenkrämpfen bebte.

Und jetzt das: Notaufnahme umgebaut, Speisenkonzept überarbeitet und alle Abläufe in zwei Häusern, Winnenden wie Schorndorf, mit insgesamt 2300 Beschäftigten DIN-gerecht durchgewienert.

Die Prüfer waren kaum angekommen, da machten sie sich schon Notizen: Sind die Parkplätze vernünftig ausgeschildert? Ist das Wegweisersystem am Empfang nachvollziehbar? Weiter in die Küche: Wie wird gesichert, dass jeder das richtige Essen und nicht aus Versehen der Schonkostpatient Schweinebraten kriegt? Sind die Mahlzeiten warm? Werden sie pünktlich serviert?

Die Operationssäle: Welche Kontrollen gibt es, damit nicht aus Versehen Patient X, dem das linke Knie zwackt, eine künstliche rechte Hüfte eingebaut kriegt, weil das Personal ihn mit Patient Y verwechselt? Blick in den Konferenzraum: Wenn sich Ärzte vom Pathologen über den Onkologen bis zum Hämatologen wegen eines komplexen Falls zu einer interdisziplinären Besprechung treffen, werden die Erkenntnisse dann auch sauber dokumentiert, damit nicht nachher jeder wieder unabgestimmt vor sich hin wurschtelt? Tür auf zum Krankenzimmer: Werden Patientenbeschwerden ernst genommen, ausgewertet und abgearbeitet? Runter zum Ausgang: Bekommt der Patient vor der Entlassung alle Unterlagen mit, die er braucht? Weiß er Bescheid, welche Medikamente er nehmen muss? Hat es ein Abschlussgespräch gegeben? Ist die Heimfahrt organisiert, falls ein Genesender noch nicht wieder mobil ist? Ein Pflegedienst informiert, falls häusliche Nachbetreuung nötig ist? Und, und, und.

In keinem Bereich beanstandeten die Prüfer Grundlegendes. Und hört, hört: Ausdrückliches Lob spendeten sie für das Medizinkonzept, die Strategie der Kliniken, die Zusammenarbeit zwischen Winnenden und Schorndorf. Erinnern wir uns: Noch vor gut zwei Jahren bezweifelten die Winnender Chefärzte, ob das Schorndorfer Haus überhaupt eine Zukunft habe, und die Kollegen in der Daimlerstadt kochten.

Solch ein Zertifikat zu erringen, ist mit einem Haufen Arbeit verbunden: Jede einzelne Abteilung muss jeden einzelnen alltäglichen Arbeitsschritt überdenken und nachjustieren. Oder medizinisch ausgedrückt: Eine schwere Geburt; und Brigitte Strätker-Klumpp, bei den Rems-Murr-Kliniken Leiterin der Stabsstelle Qualitäts- und klinisches Risikomanagement, war sozusagen die Hebamme. Die DIN-Prüfung, räumt Strätker-Klumpp ein, diene auch dazu, sich „Wettbewerbsvorteile“ zu verschaffen. Aber es gehe um mehr. Alljährlich werden nun Prüfer zur Rezertifizierung kommen: Sind die Empfehlungen vom letzten Mal mittlerweile umgesetzt? Wer sich so regelmäßig dem kritischen Expertenblick von außen stellt, macht Qualitätsmanagement zum Dauerthema. Strätker-Klumpp: „Was haben wir erreicht? Und wo wollen wir hin? Wir sind gut und wollen noch besser werden.“

Doch, „wir sind ein bisschen stolz drauf“, dass jetzt die DIN-Urkunde an der Wand hängt. Brigitte Strätker-Klumpp arbeitet erst seit gut anderthalb Jahren bei den Rems-Murr-Kliniken; hätte sie die vogelwilden Anfangszeiten miterlebt, müsste sie eigentlich sagen: Stolz wie Bolle.