Brücke zwischen den beiden Welten

Architektonische Geheimnisse der Michaelkirche: Pfarrerin Ursula Hausen führt durch das Gotteshaus und erläutert Hintergründe

Die vor 50 Jahren erbaute Michaelkirche der Christengemeinschaft Murrhardt folgt den Grundprinzipien einer neuen Architektur, die sich an den Lehren des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861 bis 1925), orientiere, verdeutlicht Pfarrerin Ursula Hausen.

„Hauptmerkmale sind organische und gerundete, lebendig und bewegt wirkende Formen sowie kristalline Elemente.“ Pfarrerin Ursula Hausen

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT.„Steiner wollte einen neuen Baustil für die moderne Zeit“, wozu ihn verschiedene Elemente historischer Architekturformen, des Jugendstils und Expressionismus inspirierten, erläutert Ursula Hausen etwa 25 Besuchern bei einer Kirchenführung am Tag des offenen Denkmals. Hauptmerkmale seien organische und gerundete, lebendig und bewegt wirkende Formen sowie kristalline Elemente nach dem Vorbild natürlich gewachsener Mineralkristalle. Zugleich werde bewusst auf rechte Winkel verzichtet, die das Bauprinzip in der dreidimensionalen irdischen Welt bestimmten, erläutert die Theologin.

Den Bau der Michaelkirche plante Architekt Helmuth Lauer (1901 bis 1979), selbst Anthroposoph und Mitglied der Christengemeinschaft. „Lauer nahm die Gedanken Rudolf Steiners auf und verwandelte sie kreativ in zahlreichen Bauwerken“, betont Ursula Hausen. Sie geht davon aus, dass der Architekt, der hauptsächlich in Stuttgart arbeitete, auch die Gestaltung und Ausstattung des Innenraums entwarf und die Umsetzung begleitete.

Die Konzeption des Baus folge dem von Rudolf Steiner selbst geplanten ersten Goetheanum, ein Gebäude für anthroposophische Veranstaltungen in Dornach (Schweiz). Es besaß eine große und eine kleinere Kuppel, diese basierten auf zwei sich gegenseitig durchdringenden runden Räumen für Bühne und Besucher.

Helmuth Lauer, der dort Anfang der 1920er-Jahre tätig war, habe davon einzelne Proportionen übernommen, ebenso das etwas abgewandelte Grundbauprinzip. Der symmetrische Grundriss der Michaelkirche beinhaltet das Kreuz und erinnert an den Rumpf eines menschlichen Körpers, Sinnbild für die Gemeinde als Leib Jesu Christi. Der Raum setzt sich zusammen aus einem kleineren Kreis als Kopf für den Altarraum, den ein größerer Kreis als Körper für den Gemeinderaum durchdringt. Der Innenraum weist keinerlei Dekorationen auf, sondern ist ganz auf den Altarraum und Jesus Christus als Zentrum des christlichen Glaubens ausgerichtet. „Der Weg durchs Gebäude führt zugleich durch die geistige Entwicklung des Menschen, das Ziel ist der Altar“, betont die Pfarrerin.

Das Altarbild aus Holz veranschaulicht die wichtigsten Ereignisse: Es zeigt groß Christi Auferstehung in sphärischer Lichtaura, darunter ist klein noch Jesu Kreuzigung zu erkennen. Das Gemälde schuf der anthroposophische Kunstmaler Peter-Andreas Mothes (1935 bis 2008), Kunstlehrer an der Freien Waldorfschule Engelberg, deren Räume er mit fantasievollen Wandbildern schmückte. Der Altar steht auf drei Stufen als Sinnbild für die Dreieinigkeit und Hinweis darauf, dass sich das Bewusstsein zu Gott erheben müsse, erklärt Ursula Hausen.

Auf dem Altar stehen sieben einzelne Leuchter, was sich auf den Beginn der Offenbarung des Johannes beziehe: „Er hörte die Stimme des Auferstandenen und sah sieben goldene Leuchter“, die für sieben frühchristliche Gemeinden in Kleinasien stehen, so die Theologin. Links unterhalb des Altarraums steht eine schlichte, nicht erhöhte Kanzel aus Eschenholz.

Die kleinen, schmalen und hohen Fenster zeigen keine bunten Glasbilder, dafür ganz zarte Pastelltöne: kühle Blau- und Grünnuancen in nördlicher Richtung, warme Rot- und Gelbtöne in südlicher Richtung. Die Wand ist in zartem Violett getüncht: Diese Farbe bedeute die Balance zwischen dem aktivierenden Rot und dem beruhigenden, andächtigen Blau.

Der Kirchenbau bildet laut Ursula Hausen eine Brücke zwischen der irdischen und der geistigen Welt und soll die Glaubensinhalte der Christengemeinschaft als religiöser Erneuerungsbewegung sichtbar machen. „Alle Christen dürfen sich vereinigt fühlen in der Glaubensgemeinschaft der einen Kirche, der alle angehören, die die Heil bringende Macht von Jesus Christus empfinden“, zitiert die Pfarrerin aus dem Glaubensbekenntnis der Christengemeinschaft. Alle Menschen seien trotz ihrer vielfältigen Unterschiede gleichwertig. Darum sollten sie sich als Geschwister verstehen, zusammenfinden und einander helfen. Ebenso gelte es, die Elemente der verschiedenen Konfessionen zur Ökumene zusammenzuführen, betont die Theologin. Der Name Michaelkirche, die bewusst am Michaelstag, 29. September, 1968 eingeweiht wurde, weist hin auf den Erzengel Michael. Hinter dem Bau ist er dargestellt als „Michaelische Gestalt“, eine abstrakt-lebendige Skulptur der 1944 geborenen Künstlerin Astrid Oellsner. Laut der Offenbarung des Johannes „überwindet Michael den Drachen als Symbol für das Böse und unterstützt die Menschen dabei, die geistige Welt zu verstehen“. Damit gemeint seien das Jenseits und die Ewigkeit sowie spirituelle Wesen wie Engel und die Seelen der Verstorbenen, so Ursula Hausen.