Bayern mit allen Stars an Bord in Backnang

Serie: Bewegende Sportmomente (3) Beckenbauer und Co. locken 1971 Massen in die Etzwiesen und schlagen die TSG mit 11:1

Weil seine Tante in Backnang lebte, war’s für den Kaiser fast ein Heimspiel, als die Bayern am 7. Februar 1971 zum Freundschaftsspiel in den Etzwiesen gastierten. Für die TSG-Fußballer zählt das Duell mit den Münchnern, die mit allen Stars angereist waren, zu den Höhepunkten der inzwischen 99-jährigen Vereinsgeschichte. Über 8000 Zuschauer sahen, wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier und Co. die Roten mit 11:1 abfertigten.

Kurz vor dem Anpfiff im mit über 8000 Zuschauern brechend vollen Etzwiesenstadion: Die Fußballer der TSG Backnang freuen sich auf das Duell mit den Stars des FC Bayern München um Franz Beckenbauer, Torwart Sepp Maier, Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, Franz „Bulle“ Roth und Gerd Müller (weiße Trikots, von links). Für die Roten sind am Ball: Martin Haas, Gerhard Rieger, Werner Weingärtner, Alfred Zwickl, Uli Einmüllner, Kurt Rieger, Wolfgang Hammel, Roland Weiß, Ernst Werner, Manfred Klumpner und Klaus Köngeter (von links). Oskar Karsch und Dieter Weiß wurden eingewechselt. Fotos: L. Fügner, privat

Von Steffen Grün

Für Magdalene Belz war ein Ehrenplatz auf der Tribüne im Etzwiesenstadion reserviert, damit sie sich vom Können ihres damals 25 Jahre alten Neffen bei trübem Winterwetter im Trockenen überzeugen konnte. Dem Kaiser ein Treffen mit der Tante zu ermöglichen, war aber nicht die Hauptintention der Organisatoren, zumal Franz Beckenbauer ohnehin ab und zu bei den Verwandten an der Murr vorbeiguckte, zu der auch sein Vetter und Ex-TSG-Jugendleiter Rolf Belz sowie dessen Söhne Michael und Andreas gehören, die später für die Roten und Allmersbach kickten.

Vielmehr war Manfred Bergmüller, der Vorsitzende des Etzwiesenvereins, auf die Idee gekommen, „dass wir eine Sondereinnahme brauchen“. Er hatte sich 1970 breitschlagen lassen, Ernst Schleicher zu beerben. „Obwohl ich eigentlich nicht wollte.“ Nach drei, vier Monaten hat er festgestellt, dass im Spielbetrieb rote Zahlen geschrieben wurden. Das lag daran, dass die Zahl der Zuschauer nach dem einjährigen Regionalliga-Abenteuer (1967/1968) und dem Abstieg in die Erste Amateurliga wieder aufs Normalmaß zurückgegangen war. Was tun, fragte sich Bergmüller und zeigte Spontaneität: „Ich habe auf der Geschäftsstelle von Bayern München angerufen und nach Robert Schwan gefragt.“ Was heute wohl undenkbar wäre, war damals völlig „unkompliziert“. Der Anrufer wurde sofort zu dem Manager des Bundesligisten und Beckenbauer-Berater durchgestellt. „Seine erste Frage lautete, ob ich wüsste, was die Bayern verlangen“, erinnert sich Manfred Bergmüller, der durchaus eine ungefähre Vorstellung hatte. 15000 Mark sollten es bitte schön sein, fuhr Robert Schwan fort und dachte vielleicht, damit habe sich die Reise in die schwäbische Provinz erledigt. Denkste! Der Mann am anderen Ende der Leitung signalisierte Interesse, hatte aber keine alleinige Entscheidungsgewalt. „Ich habe in den Gremien eine klare Abfuhr kassiert“, verrät der 1998 zum Ehrenvorsitzenden der TSG-Fußballer ernannte Funktionär, „das hatte ich aber nicht anders erwartet.“ Er wusste vor allem seinen Stellvertreter Kurt Stockburger auf seiner Seite und überzeugte den Rest der Runde mit einem Argument, das bei Schwaben immer zieht: „Ich habe gesagt, das Spiel findet trotzdem statt und wir beide stehen für ein eventuelles Defizit gerade.“ Das Duell wurde im September 1970 vereinbart und der Vorverkauf sofort eingeleitet, damit Tickets als Präsent unter den Weihnachtsbaum gelegt werden konnten.

Etwa 4000 Eintrittskarten waren weg und damit die 15000 Mark schon wieder drin, als bei Manfred Bergmüller ein paar Tage vor dem Spiel das Telefon klingelte: „Robert Schwan wollte absagen, weil ihm das Wetter zu schlecht war.“ Der konsternierte Macher der Roten hielt dagegen: „Sie kommen, und wenn sie fliegen.“ Wäre für den geschäftstüchtigen Bayern-Manager ein Deal gewesen, aber die TSG sollte zahlen. Das war für den nicht minder kühl kalkulierenden Verhandlungspartner kein Thema, der Gesprächsfaden riss ab. „Ich wurde plötzlich nicht mehr durchgestellt, er hatte alle möglichen Ausreden“, erzählt Bergmüller und kann mit über 47 Jahren Abstand darüber schmunzeln. Damals war ihm jedoch angst und bange und er setzte alle Hebel in Bewegung, um das Spiel zu retten: „Ich rief Verbandsfunktionär Franz Kronenbitter an und habe ihm mein Problem geschildert. Er sagte, das kriegen wir hin.“ Es muss ein kurzer Draht gewesen sein, denn bald meldete sich Schwan wieder und verkündete: „Wir kommen doch.“

Weil die Lufthansa streikte, mussten die Bayern-Stars aber mit dem Bus anreisen. „Ich habe es erst geglaubt, als er auf den Parkplatz gefahren ist“, konnte Bergmüller aufgrund der Vorgeschichte seine Skepsis nicht verbergen: „Robert Schwan und ich haben uns nicht gerade umarmt, aber ansonsten war es ein sympathischer Auftritt der Bayern.“ Und das Wichtigste: Sie kamen mit allen Stars, die nach der tags zuvor wegen des Tribünenbrands abgesagten Bundesliga-Partie Spielpraxis sammelten. Nach dem Anpfiff von Schiedsrichter Fritz Seiler spielte Backnangs OB Martin Dietrich, der sich als Anhänger von Eintracht Frankfurt outete, den Ball beim symbolischen Anstoß zu seinen Backnangern. Es war ihnen gegönnt, denn danach hatte das Team von Hermann Sanzenbacher selten das Leder. Gerd Müller (2), schon damals der Bomber der Nation, Dieter Brenninger (2), Franz Roth (2), Paul Breitner, Uli Hoeneß, Rainer Zobel, Karl-Heinz Mrosko und Edgar Schneider schossen für die von Udo Lattek trainierte Elf einen 11:1-Sieg heraus, den Ehrentreffer erzielte Haas, dem es damit als einzigem Backnanger vergönnt war, Sepp Maier zu überwinden.

Die Hausherren trugen das Debakel mit Fassung. „Wir wussten ja vorher, gegen den wir spielen“, erzählt der damalige Spieler Ernst Werner, „wir sind vor Ehrfurcht fast erstarrt.“ Die Bayern waren zwar längst nicht Rekordmeister, doch sie hatten 1969 ihren ersten deutschen Meistertitel nach 1932 und dazu das Double mit dem insgesamt vierten DFB-Pokal-Erfolg gewonnen sowie 1967 im Europapokal der Pokalsieger ihren ersten internationalen Titel geholt. Außerdem prägten die Jungs von der Säbener Straße auch schon das Nationalteam, wenngleich Deutschland erst 1972 Europa- und 1974 Weltmeister wurde.

Ernst Werner hatte die Aufgabe,

den Bomber der Nation zu decken

„Es war die einzige Möglichkeit, knallharte Manndeckung zu spielen“, erinnert sich Ernst Werner, der es selbst mit Gerd Müller aufnahm: „Wenn er den Ball angenommen hatte, hattest du kaum noch eine Chance. Er war kaum auszurechnen. Wenn man Glück hatte, hat man den Ball mal erwischt.“ Der Respekt und die Begeisterung für das, was die Bayern auf den Platz unter dem Viadukt zauberten, ist ihm heute noch anzuhören, auch wenn er stets Nürnberg die Daumen drückte. „Sie haben sich blind verstanden“, sagt der 74-Jährige und lobt zugleich auch das Verhalten von Beckenbauer und dessen Mitstreitern: „Sie hatten die Nase kein bisschen oben, das war eine einwandfreie Truppe.“

Insgesamt sei das Spiel eine „Supersache“ gewesen. Ein Fazit, dem sich Manfred Bergmüller anschließt, da zu dem Fußballfest über 8000 Zuschauer pilgerten. Darunter 7589 zahlende, wie unsere Zeitung berichtete. „Es war brechend voll“, berichtet der bis 1975 amtierende Vorsitzende, der von 1983 bis 1998 an der Spitze des TSG-Verwaltungrats stand. Kassier Herbert Fritz löste seinen Wetteinsatz ein: Da mehr als 6000 Leute gekommen waren, drehte er in der Halbzeit barfuß eine Ehrenrunde, bejubelt von den Massen. Er tat es gern, denn die Roten hatten etwa 15000 Mark übrig. „Rote Zahlen hatten wir trotzdem noch“, verrät Bergmüller, der daher weitere Spiele organisierte. Das Duell mit den Bayern blieb aber bis heute der Höhepunkt. Mal schauen, was 2019 passiert, wenn die TSG-Kicker 100 werden.

  In dieser Serie geht es um Sportereignisse, die im Murrtal und über die Region hinaus bedeutend waren. Zu denen die Zuschauer strömten oder die länger ein fester Teil der Sportszene waren. Wer Vorschläge hat, darf sich per E-Mail (sportredaktion@bkz.de) oder Telefon (07191/808-123) an uns wenden.