Sie sind sich in ihrem Ort über den Weg gelaufen

Eheleute Kircher aus Nassach begehen heute ihre eiserne Hochzeit – Arbeit war ihr Leben, in den Urlaub sind sie nie gefahren

Sind seit 65 Jahren verheiratet: Reinhold und Ella Kircher aus Nassach. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

SPIEGELBERG. Beide stammen sie aus Nassach. Reinhold Kircher und Ella Kircher geborene Kircher. Er ist Jahrgang 1923, sie sieben Jahre jünger. Ob sie einander, als die Zeit dafür gekommen war, wahrgenommen haben, wissen sie heute nicht mehr. Es war anders – damals. Vor allem wegen des Zweiten Weltkriegs. Reinhold Kircher wurde zur Wehrmacht eingezogen. Er war 19 Jahre alt.

Obwohl er in Russland die Schrecken des Krieges erlebte, kam der Jubilar unbescholten davon. Das Kriegsende erlebte der Soldat in Wien. Er wollte dann natürlich so schnell wie möglich nach Hause. Weil das Kriegsgeschehen auch die öffentlichen Verkehrsmittel in Mitleidenschaft gezogen hatte, blieb nichts anderes übrig, als zu laufen. Er brauchte drei Wochen bis Nassach.

Ella Kircher erlebte das Kriegsende in ihrem Heimatort. Soldaten, deren Sprache sie nicht verstand, beschlagnahmten das Haus der Familie. Während die Soldaten sich in den Zimmern einrichteten, mussten die Hausbesitzer im Keller schlafen. Zurückgekehrt, fand der gelernte Schreiner Reinhold Kircher schnell Arbeit bei einer kleinen Möbelfabrik in Spiegelberg. Den Arbeitsweg absolvierte er zu Fuß, wie damals üblich. Erst später setzte die Firma einen Kleinbus ein, der die Arbeiter am Wohnort abholte.

In dieser Zeit muss es gewesen sein, dass die beiden Kirchers sich wahrnahmen. Wie das mitunter so üblich war im Schwabenland, setzte das künftige Paar alle Energie darein, sich noch vor der Hochzeit eine eigene Heimstatt zu schaffen. So entstand das Haus in der Frankenbergstraße, das die Kirchers noch heute bewohnen. 1952 konnten beide Verlobung feiern, ein Jahr später wurde geheiratet, im Jahr darauf bezog man das gemeinsam erstellte Haus.

Nassach war und blieb die Welt der Kirchers. Urlaub, so sagen sie, haben sie nie gemacht. Reinhold Kircher verbrachte sein ganzes Berufsleben in der Möbelfabrik. Ella Kircher arbeitete, als es die beiden Kinder Birgit und Thomas zuließen, in einem Nassacher Versandhandel für Friseurutensilien.

Waren die Kirchers von ihrem Broterwerb wieder nach Hause zurückgekehrt, waren Garten, Felder oder Wald zu versorgen. Beide erzählen dies, als sei’s das Selbstverständlichste von der Welt. Arbeit, so sagen sie, sei ihr Leben gewesen. Dabei haben die Kirchers durchaus von den Annehmlichkeiten, die sich durch den Wiederaufbau ihres Heimatlandes einstellten, profitiert. Ein Motorrad war das Erste, mit dem Reinhold Kircher selbstbestimmt den Weg zur Arbeit zurücklegte. Jahre später war es dann das erste eigene Auto. Und den Kindern ging auch nichts ab. Während andere zum Skifahren erst in die Berge fahren müssen, hatten es die Kirchers vor dem Haus. Auf dem Steilhang, der dem Haus gegenüberliegt, haben Sohn und Tochter ihren Wintersport betrieben.

65 Jahre ist das nun her, dass die Kirchers sich das Jawort gaben. Goldene und diamantene Hochzeit haben sie mit der Familie, zu der mittlerweile sechs Enkel und sechs Urenkel zählen, gefeiert. Aber eine Feier zur eisernen Hochzeit wird es nicht geben. Irgendwie ist den Jubilaren nicht danach. Zudem feiert einer der Enkel zwei Tage nach Kirchers Jubiläumsdatum seine Hochzeit. Da ist man dann als Großfamilie wieder zusammen.

Nach dem Geheimnis ihrer langen Ehe befragt, sagt Ella Kircher, man müsse miteinander auskommen. „Ein jedes“, so erläutert sie, „muss ein wenig nachgeben.“ Dass sie mit ihrem Mann gestritten habe, weist sie von sich. Glücklich das Paar, das dies von sich behaupten kann.