Unzuverlässige Erinnerungen

Kai Wieland liest im Bandhaus-Theater in Backnang aus seinem Debütroman „Amerika“

„Letztlich sind Erinnerungen, genau wie das Wetter, stets wechselhaft.“ Dieser Satz aus dem Roman „Amerika“ von Kai Wieland bringt auf den Punkt, worum es in dem Buch hauptsächlich geht: Um den Widerspruch zwischen persönlicher Erinnerung und Geschichtsschreibung. Und dies verpackt in die Geschichten der Bewohner des Dorfes Rillingsbach. Kai Wieland liest morgen auf Einladung der Buchhandlung Osiander im Bandhaus-Theater in Backnang.

Kai Wieland hat mit „Amerika“ einen bemerkenswerten Roman vorgelegt. In Backnang hält er seine zweite Lesung. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

BACKNANG/ALLMERSBACH IM TAL. Rillingsbach ist ein fiktives Dorf, irgendwo im Schwäbischen Wald, nicht weit weg von Murrhardt. Im Schippen, der Kneipe, die einmal ein Hotel war, treffen die Dorfbewohner auf einen Chronisten, der ein Buch über sie schreiben will. Das ist ein geschickter Schachzug des 29-jährigen Autors, der mit „Amerika“ sein Erstlingswerk vorlegt. Kai Wieland befindet sich praktisch eine Ebene über dem jungen Chronisten und schafft dadurch Distanz zur Kerngeschichte. Er kann beide Seiten betrachten und unterschiedliche Wahrnehmungen aufeinanderprallen lassen. „Ich finde es spannend, wie ein jüngerer Mensch die Erfahrungen von älteren Menschen hinterfragt“, sagt Wieland. Der Chronist ist für ihn allerdings eine etwas dubiose, nicht sehr sympathische Figur. Eigentlich will dieser nicht werten, bleibt aber dann doch seinen eigenen Maßstäben nicht treu. Zum Beispiel, wenn er sich einmal dafür entscheidet, etwas, was ihm da zu Ohren gekommen ist, dann doch nicht zu notieren.

Das ganze Dilemma, das Historiker immer wieder thematisieren, wird hier offenkundig: Nicht nur die Erinnerungen der Zeitzeugen sind unzuverlässig, sondern auch den Chroniken kann man nicht 100-prozentig trauen. In einem Artikel im „Tagesspiegel“ machte dies beispielsweise Wolfgang Wippermann, Historiker an der Freien Universität Berlin, deutlich: „Zeitzeugen können den Historikern bei der Vermittlung und Darstellung der Geschichte helfen. Zeitzeugenberichte sind jedoch subjektiv gefärbt und verändern sich im Laufe der Zeit. Sie können die Vermittlung von Wissen ergänzen, aber keineswegs ersetzen“, wird da resümiert. Doch in Wahrheit ist es ja noch viel schlimmer. Wir können uns sogar an Dinge erinnern, die wir gar nicht erlebt haben. Da spielt uns unser Gehirn einen Streich. Dies ist nicht erst bekannt, seit die Rechtspsychologin Julia Shaw über „das trügerische Gedächtnis“ geschrieben hat.

Kai Wieland nimmt den Leser also mit in die „Geschichte einer Dorferinnerung“, in der der Autor auch sein Faible für die Sprache voll auslebt. Literaturkritiker Denis Scheck attestierte Wieland einen eigenen Ton, „eine eigene Weltsicht, ein schwäbischer William Faulkner, der zur Entdeckung einlädt“. Scheck war genauso wie Tom Kraushaar, verlegerischer Geschäftsführer des Klett-Cotta-Verlags, in der Jury beim Preis der Literaturblogger 2017, bei dem Wieland Finalist wurde. Sein Roman lag da erst als Manuskript vor und hieß noch schwäbisch angehaucht „Ameehrikah“. Als er von Klett-Cotta verlegt wurde, bekam er den Titel „Amerika“. Denn selbst Schwaben taten sich laut Wieland schwer mit dem Wort „Ameehrikah“.

Unheilvolles

wird ausgegraben

Wenn die Dorfbewohner zusammen mit dem Chronisten am Stammtisch im Schippen sitzen und sich von Wirtin Martha bedienen lassen, wird so manche unheilvolle Erinnerung ausgegraben. Ganz am Anfang gibt es auch einen Toten, wie er aber umgekommen ist, erfährt man – wenn man dem Glauben schenkt – erst ganz am Ende des Buchs. Die erzählten Entwicklungen und Verstrickungen im Dorf reichen zurück bis in die Zeit der Besatzung und der Entnazifizierung. Auch die Landrätekonferenz in der Sonne-Post in Murrhardt ist Thema. Die Vergangenheit erklärt dabei die Gegenwart.

Je mehr man als Leser in die Welt der Rillingsbacher hineingezogen wird, desto mehr im Grunde verstörende Einzelheiten erfährt man. Selbst die wilde Hilde, die in ihrer Jugend ausbrach aus den engen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, lebt jetzt wieder im Dorf.

Amerika ist dazu der krasse Gegensatz, Bezugspunkte zu dem Land ziehen sich durch alle Kapitel. Da sind etwa die Besatzungssoldaten, die Reise von Alfred und Erna nach Amerika, das Amerikahaus in Murrhardt, aber auch kleinere Einschübe wie ein Liedtitel oder ein Gedicht über Micky Maus. Jeder Rillingsbacher hat sein eigenes Amerikabild, sein eigenes Schicksal – und doch betrifft das, was im Dorf passiert, sämtliche Bewohner. Hilde sagt einmal: „Das ist es, was ich an diesem Kaff so hasse. Es gibt einfach keinen Abstand. Es gibt nur das Dorf und die Welt, und was im Dorf passiert, passiert euch allen.“ Kai Wieland ist ein Beobachter. Charakterzüge und Eigenheiten, die er bei anderen Menschen sieht, fügt er zu Figuren zusammen, die in sich stringent sind.

Die Veranstaltung morgen in Backnang ist Wielands „zweite richtige Lesung“. Die erste war am deutsch-amerikanischen Institut in Tübingen.