Schichtdienst zehrt an Körper und Geist

Gesund bleiben in stressigen Berufen (2) Für Polizeihauptkommissar Thomas Hartmann sind Sport und Schlaf sehr wichtig

Feierabend um 17 Uhr, danach zu Hause ein Bier trinken, ein deftiges Vesper essen und den Abend gemütlich auf dem Sofa verbringen: Für Thomas Hartmann nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht vorstellbar. Der 54-Jährige ist seit 36 Jahren im Polizeidienst. Und für seinen stressigen Beruf muss er gesund sein – körperlich wie mental.

Thomas Hartmann ist seit 36 Jahren im Polizeidienst. Der stressigste Arbeitsplatz ist übrigens der Wachtisch im Eingangsbereich. Dort muss der Beamte gleichzeitig das Telefon, den Funk, die Notrufe, E-Mails und die Anfragen der Bürger, die auf die Wache kommen, im Blick haben. Foto: A. Becher

Von Silke Latzel

BACKNANG. Schon allein die Arbeitszeiten wären für manche Menschen, die ihren gemütlichen Bürojob lieben, unvorstellbar: „Wir arbeiten im Wechselschichtdienst“, erklärt der Polizeihauptkommissar. Das bedeutet: Der erste Tag beginnt mit der Spätschicht, am zweiten steht dann eine Doppelschicht an – zuerst Früh- und dann Nachtdienst. Die drei folgenden Tage sind frei. Zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst wird innerhalb einer Schichtfolge regelmäßig gewechselt. Nach den drei Ruhetagen beginnt die Schicht wieder von vorne. Klingt zuerst locker und nach wenig Arbeit. Doch vor Tag eins und am dritten Tag werden sogenannte Zusatzschichten angekoppelt. Das kann eine zweite Nachtschicht oder ein Sondereinsatz der Alarmbereitschaft sein, wie etwa eine Demo oder ein Auswärtsfußballspiel. Dieser Zusatzdienst geht immer zulasten der freien Tage. „Und alle 14 Tage sind wir dann auch noch beim Heimspiel der SG Sonnenhof Großaspach“, ergänzt der Polizeihauptkommissar. 41 Stunden sind es offiziell, die die Polizeibeamten wöchentlich arbeiten, Überstunden lassen sich aber nicht vermeiden.

Allein auf die Stundenzahl darf man den Beruf keinesfalls reduzieren. „Der Schichtdienst ist das eine, mit dem der Körper fertig werden muss. Das andere ist der Stress, dem wir im Berufsalltag ausgesetzt sind, und die permanente Konzentration, die gefordert ist. Denn was die Schicht bringt, lässt sich nie vorhersagen. Und was dann nach einem Notruf wirklich los ist, erkennen wir oft erst vor Ort.“ Doch nicht der Einsatz im Streifenwagen ist der stressigste Bereich, sondern der Dienst am Wachtisch im Eingangsbereich. „Dort ist man für so viele Bereiche gleichzeitig verantwortlich: Telefon, Computer, Notrufe, Funk und die Bürger, die auf die Wache kommen.“ Für Hartmann und seine Kollegen gehört Stress also zum täglichen Arbeiten dazu. Deshalb spielen gleich mehrere Punkte eine wichtige Rolle bei der Gesundheitsvorsorge.

Schlaf: „Vor allem im Winter sind die Wechselschichten schwer für den Körper. Da fragt man sich manchmal, ob es jetzt 6 Uhr abends oder 6 Uhr morgens ist. Wichtig ist es, dass wir zwischen den Schichten ausreichend, aber nicht zu viel schlafen. Wenn ich beispielsweise eine Doppelschicht habe, beginne ich morgens um 6 Uhr mit der Arbeit und habe um 13Uhr erst einmal Feierabend. Bevor es dann um 20 Uhr abends wieder losgeht und ich bis 6 Uhr früh arbeite, habe ich sieben Stunden Freizeit. Wenn ich also nach Hause komme, lege ich mich für drei Stunden hin und schlafe, sonst würde ich die Nacht nicht überstehen. Das ist dann so eine Art Akku-Schnellladung. Länger zu schlafen wäre nämlich nicht so gut, da fällt es dann schwer, aufzustehen und fit zu sein.“ Hartmann schläft mit Ohrstöpseln, stellt sich den Wecker. Meistens wacht er allerdings von selbst auf. Wenn der Polizeihauptkommissar von der Nachtschicht nach Hause kommt, die um 6 Uhr endet, geht er direkt ins Bett und schläft bis etwa 10 Uhr. „Früher habe ich fast den ganzen Tag verschlafen und ich bin dann erst gegen 15 Uhr aufgewacht. Heute hat sich mein Körper daran gewöhnt und ich kann dann auch abends wieder zu einer normalen Zeit ins Bett und bin nicht bis mitten in der Nacht munter.“

Ernährung: „Schokolade geht immer“, sagt Hartmann lachend. „Natürlich achte ich auf meine Ernährung und es gibt auch nicht jeden Tag Schnitzel mit Pommes. Aber ab und zu muss das auf jeden Fall mal drin sein.“ Generell käme es gar nicht so sehr darauf an, was er esse, sondern vielmehr wann und wie viel. Nach einem „normalen“ Feierabend gibt es bei dem 54-jährigen Dienstgruppenleiter Schmalkost, einen Salat und Brot oder auch mal gar nichts. „Früher habe ich sehr viel gegessen und das lag mir dann ziemlich schwer im Magen und hat angesetzt.“ Nach seiner Frühschicht isst Hartmann gar nichts, sondern schläft lieber und bereitet sich dann vor der Abendschicht eine Kleinigkeit zu. „Über die Stränge schlagen ist ab und zu auch okay, aber man muss sich halt über die Konsequenzen bewusst sein“, sagt er.

Sport: „Sportlich gesehen bin ich ein Nachzügler. Ich war früher ab und an mal ein joggen, aber habe nicht ambitioniert trainiert.“ Dann die Wende: „Die Welzheimer Kollegen haben sich für einen Triathlon angemeldet und ich dachte, ich mach einfach mal mit. Die Kombination aus Laufen, Schwimmen und Radfahren war für mich dann ideal und da hat es mich richtig gepackt. Vom Volkstriathlon bis zum Ironman laufe ich in der Zwischenzeit alles.“ Zwischen 12 und 20 Stunden trainiert Hartmann wöchentlich. „Ich bin natürlich nicht das Maß der Dinge, das weiß ich. Und ich passe mich auch gerne den Kollegen an, die ich versuche, zu mehr Sport zu motivieren.“ Ihn persönlich habe der regelmäßige Sport ausgeglichener gemacht, so der 54-Jährige. „Ich kann richtig Dampf ablassen und mich auspowern. Danach komme ich dann zur Ruhe und bin im Dienst ruhiger und besser konzentriert.“

Betriebliche Gesundheitsvorsorge: Die Verantwortung für ein gesundes Leben wird bei der Polizei nicht nur dem Einzelnen selbst überlassen. Hilfe bietet auch die betriebliche Gesundheitsvorsorge. Vier Stunden Dienstsport wöchentlich werden den Polizisten auf ihre Dienstzeit angerechnet. Früher sei man gemeinsam in die Turnhalle gegangen und habe Fußball gespielt. „Polizeisport ist auch immer Mannschaftssport, das fördert einfach den Zusammenhalt der Gruppe“, so Hartmann. „Heute kicken wir aber nicht mehr, das Verletzungsrisiko dabei ist einfach zu hoch.“ Schwimmen und Ausdauerlauf sind stattdessen angesagt. Auch Volleyball und Hockey, Nordic Walking in Gruppen und Yoga werden angeboten. Zusätzlich gibt es auf der Wache in Backnang auch die Möglichkeit, an Fitnessgeräten zu trainieren. „Jeder hat seine Stärken und Schwächen, macht eine Sache lieber als die andere. Das ist ja auch völlig okay. Man sollte aber zumindest versuchen, irgendetwas zu machen.“ Körperstabilitätstraining sei vor allem für den Streifendienst sehr wichtig. „Wir tragen ja nicht nur schwere Schuhe, sondern auch unser Holstersystem und eine Schutzweste. Die Ausrüstung wiegt etwa acht Kilogramm, dazu kommen dann noch Pistole und Schlagstock, die immer dabei sind. Das ist schon eine Last, die da täglich auf den Körper und vor allem auf die Gelenke wirkt.“ Säße man dann noch zu viel am Schreibtisch und habe keinen sportlichen Ausgleich, könne es schnell zu Schäden an der Wirbelsäule kommen.

Wenn Bedarf besteht, kann jede Dienstgruppe sich für eine sogenannte Gesundheitsschicht anmelden. Dann kommt ein Trainer in die Schicht und referiert zu einem vorher gewählten Thema, etwa zur Ernährung im Schichtdienst, Entspannungsmethoden oder Schlaf. Auch Physiotherapeuten bieten Kurse an. Insgesamt gibt es zehn verschiedene Module, aus denen gewählt werden kann.

Psychologische Betreuung: „Im Streifendienst sind wir die Ersten, die an einen Einsatzort kommen. Dort kann uns alles erwarten, von einem kleinen Blechschaden am Auto bei einem Unfall über Schwerverletzte oder sogar Tote. Man sieht viel und nimmt dann vielleicht das Bild des Blutes, das an der Windschutzscheibe klebt, im Kopf mit nach Hause.“ Dies sei allerdings der schlechteste Fall: „Man sollte es schaffen, das, was man im Dienst erlebt hat, gedanklich auf der Wache zu lassen. Das schafft der eine besser, der andere weniger gut“, so Hartmann. Im schlimmsten Fall bleibt ein Trauma zurück.

Damit es gar nicht erst dazu kommt, wird bei der Polizei auch präventiv viel getan. „Bei uns sind die Teams so zusammengestellt, dass den neuen Kollegen immer ein Polizeibeamter mit viel Erfahrung zur Seite gestellt wird. Schwierige Einsätze werden oft gemeinsam in der Gruppe noch einmal erörtert und gegebenenfalls auch nachgespielt, damit jeder weiß, wie man sich das nächste Mal in einer ähnlichen Situation verhält“, sagt Hartmann. „Und nach Feierabend sitzen wir auch mal zusammen, und reden.“ Sollten diese Gespräche nicht ausreichend sein, besteht die Möglichkeit, mit speziell geschulten Polizeibeamten, die über eine zusätzliche psychologische Ausbildung verfügen, über Erlebnisse aus dem Dienst zu sprechen.

„Wir arbeiten in einer Gefahrengemeinschaft und wenn es im Einsatz gefährlich war, dann dürfen und sollen das auch die Kollegen wissen, die nicht dabei waren.“ Zur Gruppenbildung und Förderung der Gemeinschaft werden regelmäßig Veranstaltungen wie Bergwanderungen oder ein gemeinsamer Skiausflug organisiert. „Auch dabei sprechen wir natürlich über unsere Erlebnisse“, sagt Hartmann.

Freizeit und Familie: Nicht nur seinen Beruf sondern auch sein Hobby Triathlon nimmt Thomas Hartmann sehr ernst. In seiner Lebenspartnerin hat er auch eine Sportkameradin gefunden, mit der er diese Leidenschaft teilt. „Familie und Partner müssen mitziehen, egal ob in der Freizeit oder im Beruf. Und es gibt immer Licht und Schatten – nie nur eines.“