Handy: Ablenkung ist Hauptunfallursache

Mit einer Kontrollaktion hat die Polizei gestern bundesweit auf Gefahrenquellen im Straßenverkehr aufmerksam gemacht

Kurz das Handy checken oder etwas ins Navi eingeben: Für die Polizei kein unbekanntes Bild. Mit bundesweiten Kontrollen unter dem Motto „sicher.mobil.leben“ machten die Beamten gestern auf die Gefahren von Ablenkung am Steuer aufmerksam. An 660 Orten in Baden-Württemberg wurden Verkehrsteilnehmer besonders im Auge behalten. Unter anderem in Schorndorf.

Die meisten Verwarnungen hat die Polizei gestern in Schorndorf wegen eines Gurtverstoßes ausgesprochen: Der Fahrer war nicht angeschnallt. Handysünder waren zum Kontrollzeitpunkt nicht unterwegs. Foto: B. Büttner

Von Yvonne Weirauch

 

SCHORNDORF. Handy am Steuer – das wird teuer: Dass man beim Autofahren nicht telefonieren, geschweige denn eine WhatsApp-Nachricht oder Ähnliches schreiben sollte, wissen wir alle. Aber ganz ehrlich – wir erwischen uns doch selbst, wenn wir beim kleinsten Pieps einen Blick auf das Handy riskieren – und genau das ist gefährlich. „Uns geht es in erster Linie darum, die Verkehrsteilnehmer aufzuklären und weniger um eine Bestrafung“, so Polizeipressesprecher Ronald Krötz. Das Polizeipräsidium (PP) Aalen beteiligte sich gestern in allen drei Landkreisen – Ostalbkreis, Rems-Murr-Kreis und Schwäbisch Hall – mit zahlreichen Verkehrskontrollen.

Positioniert hatten sich Beamte beispielsweise zwischen Schorndorf und Haubersbronn, auf dem P+M-Parkplatz unter der Brücke der B29. Die Nachricht, dass bundesweit Kontrollaktionen stattfinden, wurde seit dem frühen Morgen über das Radio kundgetan – ähnlich, wie der Blitzmarathon angekündigt wird. Versehentlich wurde über SWR4 sogar vermeldet, dass auch Innenminister Thomas Strobl (CDU) in Schorndorf vor Ort sein würde. „Das war eine Fake-News“, so Krötz. Keiner wüsste, wie diese Nachricht aufgekommen sei.

Aktion richtet sich auch an

Radfahrer und Fußgänger

 

Fakt war: Strobl war nicht dabei, er hatte sich aber schon einen Tag zuvor zu der Aktion geäußert: „Der kurze Blick auf das Handy bei voller Fahrt ist ein gefährlicher, unter Umständen tödlicher Blindflug.“ Die Aktion solle der Prävention dienen und richte sich nicht nur an Autofahrer, sondern auch an Radler und Fußgänger. Tatsächlich erlebe man auch häufiger Motorrad- und Radfahrer, die ein Handy am Ohr hätten, so Krötz: „Manchen ist es gänzlich unbekannt, dass auch das Telefonieren mit dem Fahrrad mit einem Bußgeld bestraft wird.“ Bei Fußgängern werde das zwar nicht reglementiert, sei aber deshalb nicht weniger gefährlich.

In Schorndorf gilt’s, den Rundumblick zu haben: Die Polizisten Friedrich Dreher und Thomas Pittner haben sich einen Standpunkt ausgewählt, von dem aus sie mit Argusaugen den vorbeifahrenden Verkehr beobachten: Neben einem großen Betonpfeiler unter der Bundesstraßenbrücke. „Hier sehen wir die Autos direkt, wenn sie in die Kurve fahren, haben dann den direkten Blick auf den Fahrer und können dann, wenn er vorbeigefahren ist, auch noch mal von hinten ins Auto schauen“, beschreibt Pittner. Wenige Meter weiter haben sich noch mehr mit gelben Warnwesten bekleidete Beamte aufgestellt. Sie bekommen via Funkgerät von den Kollegen Pittner und Dreher mitgeteilt, wenn Auffälligkeiten zu beobachten sind, und die Verkehrsteilnehmer herausgewunken werden sollen.

„Achtung, der silberne Audi. Das Cabrio. Fahrer nicht angeschnallt“, lautet eine der knappen Ansagen über Funk. Schon weisen die Kollegen mit der roten Kelle den Fahrer auf den Haltepunkt in der Parkbucht. Während eine Beamtin die Fahrzeugpapiere und den Führerschein prüft, blicken Friedrich Dreher und Thomas Pittner weiter mit wachen Augen auf die Autofahrer. Nach einiger Zeit schauen sie sich beide an: „Das ist ungewöhnlich, dass nichts los ist.“ Warum kein Fahrer ein Handy am Ohr hat? „Schwer zu sagen“, Pittner kann nur spekulieren, warum gerade an diesem Tag, zu diesem Zeitpunkt keiner einen Handyverstoß begeht. „Die Fahrer kommen aus dem Kreisverkehr, da ist es schier unmöglich, mit dem Handy zu hantieren. Das machen nur die Lebensmüden.“ Oder – und das wäre wünschenswert – man hat „die Ankündigung im Radio gehört und achtet darauf“. Auch wenn es für die Beamten bei dieser Aktion in Schorndorf ungewöhnlich war, so einen „ruhigen Kontrollablauf“ zu haben, sagen sie aus ihrer Erfahrung: „Handy ist die Volkskrankheit Nummer eins am Steuer.“

Nochmals wird eine Autofahrerin herausgewunken, wieder nicht angeschnallt, wieder kein Handysünder. „Eigentlich können wir froh sein, wenn es so läuft. Dann hat die Aktion schon etwas gebracht“, lobt Ronald Krötz. Man sei „keinesfalls beleidigt, dass man an diesem Tag, für diese Kontrollzeit, wenig zu tun hatte“. Aber Krötz vermutet: „Trotzdem werden die Unfallzahlen wegen Ablenkung am Steuer unterm Strich nicht sinken.“ Zudem gehe man von einer hohen Dunkelziffer aus. Etwa die Hälfte aller Autofahrer benutzten ihr Mobiltelefon während der Fahrt ohne Freisprecheinrichtung. Jeder fünfte Verkehrstote sterbe durch Ablenkung. Im vergangenen Jahr waren in Baden-Württemberg laut Innenministerium 73 tödliche Verkehrsunfälle auf Ablenkung zurückzuführen. Das sind 17 Prozent aller tödlichen Unfälle und bedeutet einen Anstieg von fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2016.

Im vergangenen Jahr wurden laut Krötz rund 72000 Verstöße registriert: „Sie blieben zwar folgenlos, wurden aber festgestellt.“ 2016 seien es noch 58000 Verstöße gewesen. Allein das PP Aalen hat für seinen Bereich mehr als 4300 Verstöße im vergangenen Jahr festgehalten – „eine Verdopplung zum Vorjahr“. Oft sei es nicht mal das Telefonieren mit dem Handy am Ohr, sondern eher das Nutzen technischer Geräte: „Manche haben sogar einen Laptop auf dem Beifahrersitz liegen und schreiben während des Fahrens“, so Krötz und schildert weitere Fälle: Vor ein paar Monaten habe es einen Unfall auf der A7 bei Ellwangen gegeben, bei dem eine Frau auf einen Laster aufgefahren ist. „Zeugen sagten aus, dass die Frau zuvor aufgeregt mit dem Handy telefoniert hatte.“

Tödlich ging ein Unfall vor einiger Zeit in Schwäbisch Hall aus: Ein junger Mann war gegen einen Baum gefahren – das Handy lag noch in seinem Schoß. Krötz rät: „Aus Eigenschutz sollte man das Handy in den Flugmodus stellen oder es in den Kofferraum legen, dass man gar nicht in die Versuchung kommt, drauf zu schauen, wenn es klingelt.“

Das Telefonieren am Steuer kann teuer werden: 100 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg drohen mittlerweile. Wer dabei den Verkehr gefährdet, muss 150 Euro berappen und kassiert zwei Punkte plus einen Monat Fahrverbot. Auch das Nutzen von Tablets ist unter Strafe gestellt. Wie viele Handysünder und Verstöße es am gestrigen Tag bei der bundesweiten Aktion gegeben hat, will die Polizei heute bekannt geben.