Lebensaufgabe Leseförderung

Marianne Engelhardt, die Leiterin der Stadtbücherei Backnang, hört auf

Eigentlich wäre sie schon im Ruhestand: Marianne Engelhardt, die langjährige Leiterin der Stadtbücherei Backnang. Doch weil ihre Nachfolgerin Marion Busch erst Ende Oktober ihre neue Stelle in Backnang antritt, bekam sie noch einen Sondervertrag als Urlaubsvertretung. Engelhardts erster Arbeitstag in Backnang war der 19. Juni 1978.

Freundlicher Empfang an der Infotheke der Stadtbücherei: Die langjährige Büchereileiterin Marianne Engelhardt geht in den Ruhestand. Foto: J. Fiedler

Von Ingrid Knack

BACKNANG. An der Fachhochschule für Bibliothekswesen in Stuttgart, heute Hochschule der Medien, studierte Marianne Engelhardt von 1973 bis 1978 sechs Semester lang und schloss ihr Studium mit dem Diplom ab. „Damals gab es wenige oder keine Stellenangebote in der Branche.“ Auch deshalb war Engelhardts erste Station die Buchabteilung in einer Filiale einer Warenhauskette am Stuttgarter Hauptbahnhof. Die junge Bibliothekarin war mit dem Verkauf und der Pflege des Bestands und eigentlich mit „allem, was dazugehört“, betraut. Mit den Kunden umzugehen, fand sie interessant.

Von ihrer Großmutter erfuhr die gebürtige Backnangerin (Jahrgang 1954) und damals in Korb lebende Buchliebhaberin eines Tages, dass in der BKZ eine Stellenanzeige abgedruckt war, die genau auf sie zugeschnitten schien: Die Stelle als Leiterin der Backnanger Stadtbibliothek war ausgeschrieben. „Ich habe mich beworben und hatte das Riesenglück, genommen zu werden.“ Damals war Martin Dietrich Backnangs Oberbürgermeister, und der spätere Kulturamtsleiter Klaus Erlekamm Hauptamtsleiter – vor allem mit ihm hatte sie viel zu tun. Ab 19. Juni 1978 fuhr Engelhardt nun nicht mehr zur Arbeit nach Stuttgart, sondern nach Backnang.

„Meine Vorgängerin war bis Ende Juni da und hat mich eingearbeitet. Denn Verwaltungsdinge lernt man an der Hochschule nicht.“ Die Bücherei befand sich zu jener Zeit im Rathaus in der Marktstraße. Immer wieder gab es Neubau- und Umzugspläne, die allerdings erst Mitte der 1990er-Jahre konkret wurden: Die Bücherei zog 1995 in das ehemalige Zentralkaufhaus („mit der ersten Rolltreppe Backnangs“) neben dem Hotel Holzwarth in der Eduard-Breuninger-Straße. Schon im Vorfeld durfte Engelhardt über einen Aufbauetat verfügen: „Wir konnten tüchtig Medien kaufen.“ Mitte der 1990er-Jahre wurde außerdem ein Computersystem mit einer Bibliothekssoftware eingeführt. Das frühere Zentralkaufhaus diente jedoch nur als vorübergehende Bleibe für die Bibliothek. Die Stadtverwaltung und der Gemeinderat planten, im Biegel-Quartier, für das ein Architektenwettbewerb lief, ideale Räume für die Bücherei bauen zu lassen. „Dass wir da rein sollten, war ziemlich schnell klar, die Größe nicht.“

1998 stand der Umzug

in den Biegel an

Im Jahr 1998 erfolgte der Umzug in den Biegel. Die Bücherei hatte nun eine Fläche von 1000 statt der bisherigen 400 Quadratmeter zur Verfügung. Ziel war ein Bestand von 45000 Medien. „Das haben wir dann auch erreicht.“ Im Rathaus waren es noch 10000. Heute summiert sich der Bestand auf knapp 56500 Medien (Stand 2017). Mittlerweile gibt es keine Aufbauetats mehr, sondern Erhalteetats. „Dass man mindestens zehn Prozent erneuern kann pro Jahr – und zehn Prozent werden wieder aussortiert.“ Engelhardt hatte das Lektorat für Romane, Spielfilme und lange Zeit auch für Sachbücher übernommen. „Die Jüngeren machen unter anderem Konsolenspiele und Kinder-CDs.“ Neun Angestellte teilen sich fünf Vollzeitstellen.

Engelhardt hat schon manchen Trend in Sachen Medien kommen und gehen sehen. Zum Beispiel Musikkassetten und Videos. Die gibt es nicht mehr in der Stadtbücherei. 2012 war der Start der Onleihe, der E-Bibliothek Rems-Murr. „Seitdem fahren wir zweigleisig. Ein Teil unseres Etats wird dafür zur Verfügung gestellt.“ Der Berechnungsschlüssel: 15 Cent pro Einwohner. „Davon werden die elektronischen Medien zentral beschafft.“ Engelhardt hat sich beispielsweise bei der Werbung engagiert, andere wiederum beim Bestandsaufbau. Die Verantwortlichen treffen sich zweimal im Jahr. Dass die E-Book-Lizenzen für Bibliotheken sehr hoch sind, auch das spricht Engelhardt an. „Die E-Books sind fast genauso teuer wie die physischen Bücher.“

Etliche Leser, die in die Bücherei kommen, fahren ebenfalls zweigleisig, nutzen parallel zur Ausleihe von Büchern zum Anfassen die E-Bibliothek Rems-Murr. Freilich hat auch Marianne Engelhardt einen E-Book-Reader, „aber so richtig damit anfreunden konnte ich mich nie“, lässt sie wissen. Sie ist sich sicher: „Das physische Buch ist bestimmt nicht tot. Die Leute werden immer Bücher lieben – und Bibliotheken.“ Auch Spiele und andere (teure) Non-Book-Medien werden gerne mitgenommen. „Wir sind bestrebt, so 20 Prozent neue Medien zu haben.“

Dann die ganzen Kinderveranstaltungen, Lesungen, die Mitarbeit bei der LiteraTour von Anfang an, die Spielenachmittage und -abende für Erwachsene, die Ausstellungen zu aktuellen Themen zweimal im Jahr, das Lesecafé...: Marianne Engelhardt hinterlässt viele Spuren. Die Bücherei sieht sie nicht nur als Institution der Leseförderung, sondern auch als Treffpunkt. Besonders freute es sie, wenn sie Schülern für Referate bei der Literaturauswahl helfen konnte. Manchmal musste dafür sogar die Fernleihe bemüht werden. „Aber meistens brauchen sie es ja vorgestern.“ In der Bibliothek der Zukunft werde die „Infobereitstellung“ immer wichtiger, weiß Engelhardt.

Im Ruhestand wird es Marianne Engelhardt bestimmt nicht langweilig werden. Sie ist sportbegeistert, liebt Tennis und Fußball. „Aber nur passiv.“ Seit Juni ist sie Mitglied beim VfB Stuttgart und hat eine Dauerkarte. Ihr Großvater hatte sie schon früher zu den Spielen der Backnanger TSG-Fußballer mitgenommen. Ihre Tennisbegeisterung wuchs mit den Erfolgen von Steffi Graf und Boris Becker. Als sich Ralf Rangnick als Trainer im baden-württembergischen Amateurfußball beim SC Korb engagierte, war sie selbstverständlich unter den Zuschauern. Obendrein hat sie ein Faible für Städtereisen. Und ihre Lesekarte für die Stadtbibliothek Backnang wird sie behalten...