Aufbruchstimmung auf der Streuobstwiese

Nachfrage nach Bio-Apfelsaft stabilisiert den Preis für Fallobst – Landwirte investieren in moderne Auflesemaschinen

Aus der Not der Flächenknappheit wurde dereinst das Modell Streuobstwiese geboren: Neben allerlei Obstarten und Nüssen von den hochstämmigen Bäumen konnten Kleinbauern das Gras darunter als Futter für ihre Tiere nutzen. Und zwischen den Baumreihen pflanzten ganz Eifrige vielleicht sogar noch ein paar Reihen Kartoffeln.

Statt mühsam mit dem Schüttelhaken oder grob mit dem Seilschüttler, bringt Hermann Wahl die Äpfel sanft mit dem neuen Greifer zu Fall. Foto: U. Gruber

Von Ute Gruber

BACKNANG. Die schönsten Exemplare des aromatischen Jakob-Fischers, des knackigen Brettachers, des mürben Boskops, des säuerlichen Glockenapfels oder des lagerfähigen Winterramburs wurden hoch auf der Leiter stehend in den umgehängten Brechsack gepflückt und dann in der Stadt zu Geld gemacht. Der Rest wanderte in Kisten oder Mostfässer im Keller. Das war bis Mitte des letzten Jahrhunderts überall Usus.

Mit dem rasanten Fortschritt in der Landwirtschaft wurden derart handarbeitsintensive Praktiken unrentabel. Auch verlangen Verbraucher heute nach anderen Sorten: zuckersüße Golden Delicious, Gala, Elstar, Jonagold zum Beispiel werden in praktischen Plantagen angebaut. Das Obst der großen Bäume aus Urgroßvaters Zeiten ist zu Mostobst degradiert: Statt zwei Euro pro Kilo bei Direktverkauf an den Kunden, bekommt man heute sechs bis acht Euro für die Dezitonne als Fallobst, also sechs bis acht Cent pro Kilo. Nur eingefleischte Schwaben bücken sich noch für einen Stundenlohn von zwei bis sechs Euro – „Mer kann’s doch net verrecke lasse.“ Andere Menschen haben da weniger Skrupel. Der Hotspot der Biodiversität, das Biotop der Streuobstwiese, steht seit über zehn Jahren auf der Roten Liste und ist vom Aussterben bedroht.

Seit etwa zehn Jahren aber herrscht Aufbruchstimmung im Rems-Murr-Kreis: „Da gab es endlich die Möglichkeit, auch als konventioneller Betrieb meine fünf, sechs Hektar Streuobstflächen als biologisch anerkannt zu bekommen“, erinnert sich Milchviehhalter Thomas Körner aus Oberschöntal. Gespritzt habe er die mächtigen, alten Hochstämme sowieso nie. Wie auch. Um die Zertifizierung mit dem ganzen Schreibkram habe sich die BayWa gekümmert. „Meine Äpfel durfte ich dann nur denen liefern. Dafür bekam ich drei Euro mehr.“ Je 100 Kilo, versteht sich. Als die Annahmestelle in Backnang geschlossen wurde, musste er sich um die kostenpflichtige jährliche Zertifizierung selbst kümmern. Mit dem Vorteil, dass er seitdem dahin liefern kann, wo der Preis am besten ist.

Die gestiegenen Erlöse kommen

allen Streuobstwiesen zugute

Und da kam just vor drei Jahren ein Schreiben ins Haus geflattert: Im Nachbarort werde eine Annahmestelle für Biomostobst eingerichtet. Der Safthersteller, der dahintersteht, ein gewisser Dreher aus Stockach am Bodensee, garantiere einen Mindestpreis von 20 Euro – just vor der Rekordernte 2016. „Das war eine Revolution!“

Den Stein ins Rollen gebracht hat – eher unabsichtlich – Bernd Bollinger, seines Zeichens Biobauer in Kirschenhardthof. „Ich hab lange vergeblich nach einem Abnehmer für mein Naturland-Saftobst gesucht“, erzählt er. „2012 hat endlich der Dreher richtig angebissen.“ Offenbar ist die Nachfrage nach Bio-Apfelsaft bei dem international agierenden Familienbetrieb in den letzten Jahren deutlich gestiegen, denn als Bollinger 2015 ohnehin mit Bodenwaage und Lagerraum „baulich aufrüstete“, schlug ihm Dreher vor: „Mach doch eine Sammelstelle auf.“ Man lud alle biozertifizierten Produzenten der Umgebung zu einer gut besuchten Infoveranstaltung ein und setzte damit die vielen umliegenden Verarbeiter unter Zugzwang: „Dass das so eingeschlagen hat, hat mich schon gewundert“, stellt Bollinger im Nachhinein fest. Ihn freut besonders: „Das kommt doch alles den Streuobstwiesen zugute.“

Diese sind inzwischen offenbar fast flächendeckend biozertifiziert, zumindest nach EG-Öko-Verordnung. Man sieht es den Wiesen an: Die Leute mähen ihre Stückle wieder, entfernen die parasitischen Misteln von den Ästen, schneiden die Bäume und pflanzen nach, wenn einer der Veteranen ausfällt. Selten geworden ist der Anblick eines Teppichs faulender Äpfel unter alten Bäumen – es wird wieder aufgelesen.

Das Obstgeld wird reinvestiert in leistungsfähige Mäher, in motorisierte Schüttler und selbst fahrende Obstauflesemaschinen. „In Schöntal ist das inzwischen Standard“, stellt Thomas Körner fest. Er überlegt auch die Anschaffung eines Sortierbandes, dann müsste seine Renate nicht mehr auf den Wagen steigen und mühsam die fauligen Äpfel auslesen, die die Maschine natürlich auch mit aufsammelt. „Bei den ersten wöchentlichen Durchgängen ist das ja fast jeder zweite.“ Eine eklige Angelegenheit. Etwa 15000 Euro würde diese Arbeitserleichterung allerdings kosten. Ist der Wiesenboden dann endlich frei und sind die Äpfel reif, werden die Bäume geschüttelt und in Windeseile mit der Maschine aufgelesen.

„Früher kamen da zehn Frauen zu uns“, erinnert sich Körners Nachbar Hermann Wahl. Heute macht der 51-jährige Junggeselle die Arbeit mit dem Mostobst alleine. Nach Feierabend. „Moonlight-Farmer nennen die das in den USA“, hat er unlängst auf einer Reise gelernt. „Klingt jedenfalls romantischer als Nebenerwerbslandwirt“, meint er lachend. Wahl ist voll mechanisiert: Als schwäbischer Tüftler hat er aus einem alten Kartoffelroder seine Sortieranlage selbst gebastelt. Eine geländegängige Oma, welche die laufend fallenden Äpfel vorne-weg aufliest, bevor sie faulen, hat er schon lange nicht mehr. Und während sich der Bunker leert, wächst der matschig-braune Haufen vor seinen Füßen. Sein nagelneuer, hydraulischer Obstbaumschüttelarm am Schlepper packt die Bäume am Kragen und schüttelt sie kurz durch, dass die reifen Äpfel nur so herunterpurzeln. „Letzte Woche war sogar eine Delegation aus Brasilien da, die wollten das sehen“, erzählt er stolz.

Zuletzt fährt er sein größtes Geschütz auf: eine Mega-Auflesemaschine, die mehrere Meter breit einsammelt, an die zehn Tonnen Obst pro Stunde, und einen Bunker hat, der eine ganze Tonne fasst. „Das ist ein Prototyp, den soll ich für die Firma Krauß testen.“ Die Firma ist eine von drei Herstellern für solche Geräte rund um Backnang. Auch sie profitieren vom Aufschwung. Wahl erntet mit dem Gerät, das einmal rund 55000 Euro kosten soll, seine konventionellen Junganlagen. „Für den Streker in Aspach. Da bin ich seit 22 Jahren Vertragsanbauer.“

Endlich kann man sich die harte Arbeit erleichtern: „Da macht das doch auch Spaß, wenn die Arbeit so honoriert wird“, meint Bollinger, der dafür gerne in Vorleistung geht und die Lieferanten in bar zahlt, egal ob den Senior mit seinen zwei Säckchen im Kofferraum oder den Junglandwirt mit den zehn Tonnen.

Was Gemeinden und Naturschutzverbände mit ihren Programmen oder auch EU-Subventionen kaum zu erreichen vermochten – den Erhalt der Streuobstwiesen – hat sich jetzt ganz einfach geregelt: durch einen fairen Preis.