„Down By The Riverside“ als Köder

50 Jahre Kammerchor Stuttgart: Frieder Bernius spricht über Mozart und Beethoven und den Türöffner für internationale Beziehungen

1968 hat Frieder Bernius den Kammerchor Stuttgart als 20-jähriger Musikstudent gegründet und zu einem der bekanntesten Vokalensembles geformt. Jetzt im Herbst wird das 50-Jahr-Jubiläum in Stuttgart gefeiert. Gegenüber unserer Zeitung spricht der Wahlbacknanger Frieder Bernius über sein Musikerleben und die Geschichte des international renommierten Chors.

In der Kulturreihe des Backnanger Bürgerhauses „Bernius in Backnang“ trat der Kammerchor Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius bereits mehrmals auf. Fotos: A. Becher, E. Layher

Von Thomas Roth

BACKNANG. Schauplatz Stuttgart, genauer: Musikhochschule, Urbanstraße im Jahre 1968: junge Menschen, darunter viele Studenten, gehen auf die Straße, um gegen Verstaubtes, Unaufgearbeitetes und manches mehr in der deutschen Gesellschaft zu demonstrieren. Frieder Bernius ist damals gedanklich durchaus Sympathisant (und das übrigens bis heute: „Es war notwendig und hat viel bewirkt.“), geht aber statt auf die Demos dann doch lieber in die Übungsräume der Musikhochschule. Dort fühlt sich der Student des ersten Semesters wohl, denn gemäß des Spruchs „grau ist alle Theorie“ drängt es ihn, „auszuprobieren, was ich bis dahin gelernt habe, die Theorie gleich in die Praxis umzusetzen. Das hat sich bewährt.“

Die erste Probe startet mit „Down By The Riverside“. Bernius: „Das war als Köder gedacht. Es war damals ja ein Jugendchor.“ Von einem Gospel führt der künstlerische Weg Frieder Bernius’ zur Veröffentlichung von Ligetis „Requiem“ anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums. Diese Ligeti-Aufnahme mit dem Danubia-Sinfonieorchester Budapest ist 2006 entstanden. Der SWR wollte das aufzeichnen, „aber ich wollte das nicht“, erinnert sich Bernius genau. Es war, so Bernius, der Respekt vor dem Werk und die Erkenntnis, dass es eine enorme Herausforderung sein würde, dieses Opus mit seinen organisierten Clustern gut zu präsentieren. Mit „gut“ meint Bernius, die Ansprüche, die das Werk kompositorisch in sich birgt, qualitativ adäquat herauszuarbeiten. Erst als der SWR zustimmte, neben dem Konzert sowohl Haupt- als auch Generalprobe aufzuzeichnen, stimmte der Maestro zu. Über 30 Jahre, so erzählt er, habe die handgeschriebene Partitur über seinem Schreibtisch gehangen, und er habe immer gewusst: „Irgendwann mach ich das.“

Das erste Konzert 1991 im kurz zuvor von Saddam Husseins Scud-Raketen bombardierten Israel nach dem Golfkrieg überhaupt, gemeinsam mit dem Israel Chamber Orchestra, gehört für Frieder Bernius zu den Höhepunkten in seinem Musikerleben. Auch erwähnt er den Namen Paul Wehrle. Der war in den 1970er- und 1980er-Jahren baden-württembergischer Landesmusikrat. Bernius: „Er lud uns 1987 zum ersten Weltsymposium für Chormusik in Wien ein. Das war der Türöffner für die internationalen Beziehungen und hatte zur Folge, dass wir in Asien, Amerika und Kanada gastieren konnten. Und auch in Sydney im dortigen Opera House.“

Unvergesslicher Auftritt

im argentinischen Mendoza

Unvergesslich ist für Frieder Bernius auch ein Auftritt im argentinischen Mendoza im Jahre 2010, kurz nach einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9,3 auf der Richterskala. Es war langwierig, nach einem Auftritt die Gegend in Richtung Heimat überhaupt wieder verlassen zu können.

„Ich bin ein Aufnahme-Freak“, sagt Bernius über sich. Gern sitzt er zu Hause und hört gerade produzierte Aufnahmen an, um dann optimieren zu können. Heutzutage eher Standard, war das bei Bernius schon immer so: „Es war mir vornherein wichtig, das, was wir machen, auf Schallplatten festzuhalten. Viele der Werke waren Ersteinspielungen. Nicht nur Livemitschnitte, sondern eher Studioproduktionen.“ 1976 veröffentlicht Frieder Bernius Chorwerke von Max Reger mit Klavierbegleitung, und das Magazin Fono Forum titelte: „Hier hat die künstlerische Zukunft schon begonnen.“ „Das hat mich schon stolz gemacht“, grinst der nun 71-jährige und immer schon und immer noch nach Perfektion strebende Musiker.

100 CDs (oder Platten) hat der Maestro mittlerweile veröffentlicht, darunter das gesamte Vokalwerk von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Von den 100 Einspielungen sind übrigens 40 mit Preisen in diversen Kategorien ausgezeichnet worden. Abseits der Chormusik hat sich der Pfälzer auch mit Orchesterleitung beschäftigt, denn wer Chor- gepaart mit Orchestermusik aufführt, „muss von Chor- und Orchestermusik mindestens gleich viel verstehen“. Bernius: „Eine Stimme hat genauso Lagen wie eine Geige. Der Lagenausgleich ist wichtig für die Klanghomogenität.“

Frieder Bernius’ nächste Wochen sind wieder mal, wie so häufig, geprägt von viel Arbeit. Exakt zu erkunden gilt es für ihn nun Beethovens „Missa Solemnis“ („Finde ich spannender als die Neunte.“). Die steht am 18. Oktober um 20 Uhr auf dem Programmzettel des Jubiläumskonzertes in der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart. Warum Beethoven? „Ich habe lange um Beethoven einen Bogen gemacht. Mozart ist 18. Jahrhundert, Mendelssohn ist 19. Jahrhundert, Beethoven ist beides. Da braucht man Zeit, um zu verstehen, woher er kommt, und wohin er will. Das ist komplex. Beethoven ist originär wie kein Zweiter. Einfach unverwechselbar.“

Wer Frieder Bernius live erleben will, kann das auch am 4. November – entweder um 15 oder um 18 Uhr – beim zweiten Jubiläumskonzert in diesem Herbst im Saal der Musikhochschule Stuttgart, also dort, wo vor nun 50 Jahren alles begann. Dann singt der Kammerchor Stuttgart europäische Chormusik von Edward Elgar, Claude Debussy und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Und weil vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg endete und als Erinnerung an die erste Pogromnacht vor 80 Jahren, auch als Reichskristallnacht hoffentlich unvergessen, stehen zudem Hanns Eislers „Kantate gegen den Krieg“ (Text: Bertolt Brecht) sowie Clytus Gottwalds Arrangement von Maurice Ravels Klavierliedern „Deux Mélodies hébraïques“ für Stimmen a cappella mit jiddischen Texten auf dem Programm. Iris Berben liest dazu.