„Rechtschreibung beginnt spielerisch“

Um die Rechtschreibkompetenzen der Schüler zu fördern, hat das Kultusministerium einen Leitfaden herausgegeben

Kommt da ein Komma hin oder nicht? Schreibt man das groß oder klein? Und muss da ein s oder ein ß hin? In Baden-Württemberg gab es Handlungsbedarf in Sachen Rechtschreibung. Der Rechtschreibrahmen soll nun Lehrern im Schulalltag Orientierung geben und Stütze sein.

Mit dem Rechtschreibrahmen erhalten Deutschlehrer erstmalig ein schulartübergreifendes Lehrprogramm. Foto: Fotolia

Von Sarah Schwellinger

WEISSACH IM TAL. „Wir essen jetzt Opa.“ Satzzeichen können in solchen Fällen nicht nur Leben retten, sondern sind auch im Alltag wichtig. Rund 7,5 Millionen Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben. Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg will dem entgegenwirken und hat einen Rechtschreibrahmen zum Schuljahr 2018/2019 entwickelt. „Die Fähigkeit, korrekt zu schreiben, ist eine wesentliche Voraussetzung für klare und präzise Verständigung“, so die Kultusministerin Susanne Eisenmann in einem Schreiben. Richtiges Schreiben sei eine der wichtigsten kulturellen Fähigkeiten überhaupt, so Eisenmann weiter. Deshalb wurde für die Klassen 1 bis 10 ein Rechtschreibrahmen veröffentlicht, der vor allem Lehrkräften eine verlässliche Grundlage für ihren Rechtschreibunterricht sein soll. Bei einer Fachtagung des Staatlichen Schulamts Backnang wurden gestern den Lehrkräften im Schulamtsbezirk ein Einblick in die Hintergründe sowie Impulse für den Unterricht gegeben. Rund 350 Lehrer, Schulleiter und Erzieherinnen haben sich im Bildungszentrum Weissacher Tal über den Rechtschreibrahmen informiert, ausgetauscht und Fragen gestellt.

„So etwas gibt es in der gesamten Bundesrepublik noch nicht“, sagt Professor Dr. Jakob Ossner, der den Rat für deutsche Rechtschreibung in der Arbeitsgruppe Rechtschreibrahmen Baden-Württemberg vertrat. „Wir haben den Rechtschreibrahmen als Hilfestellung und Unterstützung von Lehrkräften für Lehrkräfte konzipiert.“ Grundlage dafür bildet das amtliche Regelwerk für die deutsche Orthografie. Mit etwa 900 Beispielen und Hinweisen ist er konkreter und ausführlicher als die Bildungspläne. Brüche zwischen Grund- und weiterführenden Schulen sollen somit geschlossen werden. Der Rechtschreibrahmen bildet sozusagen eine klare und verlässliche Orientierung, Unterstützung und Leitfaden zugleich. „So müssen sich die Schüler nicht umstellen. Es bedeutet zwar eine Umstellung für den ein oder anderen Lehrer, aber wir haben noch keine Beschwerde gehört“, so Ossner. Im Gegenteil, die Lehrer wirkten interessiert am Rechtschreibrahmen. Sicher ist: Rechtschreibung ist eine Grundfähigkeit, die ausgebildet werden muss. „Diese Grundfähigkeit muss gestützt werden. Da hat die Kultusverwaltung viel gemacht.“

Aber solche Grundfertigkeiten zu erlernen, benötigt Zeit. Zeit, die im Alltag oft zu kurz kommt oder dann woanders abgeknapst werden muss. Auf Schulen kommen immer wieder neue Aufgaben, neue Bereiche zu, darunter darf die Ausbildung solcher Grundfertigkeiten wie der Rechtschreibung aber nicht leiden.

Warum ist die Rechtschreibung denn nun so wichtig? „Als Schreiber wäre es natürlich einfacher, ich schreibe, wie es mir gerade passt. Das würde dem Leser aber gar nicht gefallen“, erklärt Ossner. Mühselig müsste man sich Wort für Wort entlanghangeln, um den Sinn zu verstehen. „Die Einheitsorthografie ist ein großes Gut“, ist sich der Germanist sicher. Sie dient dem Leser und dem Verständnis, sie ist erste Gliederung für die Augen.

Anders als vielleicht angenommen, kann das Erlernen der Rechtschreibung viel früher beginnen als mit Klasse 1. Zwar gibt es keinen genauen Zeitpunkt, doch schon im Kindergartenalter kann Vorarbeit geleistet werden. Aber Ossner weist nachdrücklich darauf hin, dass dies fern von jeglichem Unterricht sein soll, sondern auf spielerische Art passiert. „So eine Vorarbeit bringt viel“, versichert er. Anders verhält sich das Ganze dann ab der Grundschule, wenn sich Kinder dann tatsächlich bewusst mit Wörtern und Sprache auseinandersetzen. Deshalb sind zu der Fachtagung am Bize auch einige Erzieher gekommen, die den Austausch suchen. Der ist auch eines der Ziele der Tagung, wie Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring erklärt: „Wir wollen erreichen, dass Vertreter aus dem Elementarbereich, der Grundschule und der Sekundarstufe aufeinandertreffen und mitbekommen, was vor und was nach ihnen kommt.“ Das Erlernen von Rechtschreibung geht dann im schulischen Rahmen bis Klasse 10, so richtig hört es aber nie auf. Ein Blick in den Duden hilft: „Es gibt kaum einen, der alles richtig schreiben kann.“ Doch das ist dann wörterweise, da geht es nicht mehr um die Grundpfeiler.

Doch wie ist das: Sind gute Leser die besseren Schreiber? „Nicht automatisch“, erklärt Ossner. Es komme immer darauf an, was und wie man lese. Ein Roman, bei dessen Handlung man sich fallen lässt, den Text seitenweise verschlingt, sei sicher nicht so förderlich. Doch genaues und aufmerksames Lesen fördert durchaus eine gute Rechtschreibung. Lesen und Rechtschreibung könne man also in einen Zusammenhang bringen. „Was wir aber gestern bei der Fachtagung gemerkt haben, ist, wie viel Freude Sprache und Schrift machen kann“, sagt die Schulamtsdirektorin, „und diesen Spaß sollten wir an die Schüler weitergeben und auch erhalten.“