Eine Schwarzwaldsaga und Lieblingsbücher

Bei der Backnanger Buchnacht war die aus Bad Wildbad im Schwarzwald stammende Autorin Inge Barth-Grözinger zu Gast

Inge Barth-Grözinger liest in Backnang aus ihrem Roman „Wildblütenzeit“.Foto: J. Fiedler

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die Auswahl an Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt ist jedes Jahr riesig. Ganz persönliche Favoriten stellte das Team der Buchhandlung Kreutzmann bei der Backnanger Buchnacht vor. Als Gastautorin las Inge Barth-Grözinger aus ihrem Roman „Wildblütenzeit“.

Es ist schon lange Tradition, dass um die Zeit der Frankfurter Buchmesse die Backnanger Buchnacht stattfindet. Dabei geht es nicht darum, Bestseller zu präsentieren. Das Buchhändler-Team gibt Einblicke in die Neuerscheinungen aus diesem Jahr. Vorgestellt wird, was die Buchhändler besonders gerne gelesen haben. „Die Auswahl ist unabhängig vom Mainstream und interessante Geheimtipps sind dabei“, so Bernhard Kreutzmann, Inhaber der Buchhandlung.

Die Buchnacht rundet die Autorin Inge Barth-Grözinger mit Lesungen aus ihrem Roman „Wildblütenzeit“ ab. Als Handlungsort hat sie das Haus „Zum Markgrafen“ in Ettlingen gewählt, auf dem Weg von einer einfachen Schankwirtschaft bis zum Sternerestaurant. Das Haus existiert wirklich, die Geschichten der Familien über mehrere Generationen sind jedoch frei erfunden.

Im Juli 1945 wird Jakob Haug von einem Offizier verhört. Er soll über einflussreiche Nationalsozialisten Auskunft geben, die in seinem Gasthaus verkehrt hatten. In Rückblicken rollt die Autorin die Geschichte des Hauses auf. Die Lesung führt ins Jahr 1780 in eine heruntergekommene Schankwirtschaft vor den Toren Ettlingens. Der Leser erfährt, dass der Postkutschenverkehr zunimmt und die Stadt zunehmend über die Mauern hinauswächst. Große Pläne hat der Sohn des ständig betrunkenen Wirts. Er möchte die Posthalterstelle der Stadt erhalten und die Schildgerechtigkeit. Letzteres bedeutet, dass die Wirtschaft einen Namen tragen und ein Schild befestigen darf. Eingebettet in die gründlich recherchierten geschichtlichen Fakten ist die spannend erzählte Geschichte der Familie. Es geht um einen unehelichen Sohn, der die Wirtschaft einmal übernehmen soll und die eigene schwächliche Tochter, die vom Vater verstoßen aufwächst. Doch dann kommt alles ganz anders...

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen über den Wochenmarkt oder einen Markt im Urlaub und treffen auf einen Stand, wo Mathematik gemacht wird“, hatte Bernhard Kreutzmann seine Buchvorstellungen begonnen. Die Rede ist vom Buch: „Der große Roman der Mathematik“ von Mickaël Launay. Der junge französische Mathematiker will Menschen für Mathe begeistern. „Sehr unterhaltsam und anschaulich führt er durch das Reich der Mathematik“, ist das Fazit des Buchhändlers. Ein Buch auch für Leser, die in der Schule nicht unbedingt die Besten in diesem Fach waren.

Die vergessenen Artisten

und die Welt der Maler

Etwas skurril klingt der Inhalt des Romans „Das Buch der vergessenen Artisten“ von Vera Buck. Im Jahr 1902 schließt sich ein Bauernsohn einem fahrenden Volk an, in dessen Jahrmarkt werden elektrische Wunder und Kuriositäten präsentiert. Er wird Röntgenkünstler und übt die Durchleuchtungstechnik zur Unterhaltung über 30 Jahre lang aus. Das Buch sei ein „dicker Schinken“, aber von der jungen Autorin sehr aufwendig recherchiert, so Bernhard Kreutzmann.

Buchhändlerin Ulrike Lelonek hat den historischen Roman „Tulpengold“ von Eva Völler ausgewählt. Er führt ins 17. Jahrhundert nach Amsterdam, in dem die Preise für Tulpenzwiebeln in schwindelnde Höhen steigen. Im Mittelpunkt steht der neue Lehrling des Malers Rembrandt, der ein Sonderling ist. Morde geschehen im Verlauf der Handlung. Ulrike Lelonek hat besonders fasziniert, in die Welt der Künstler einzutauchen und zu erfahren, wie es in den Ateliers zuging. Ein „Herzensbuch“ der Buchhändlerin ist Ulla Lachauers „Von Bienen und Menschen“. Es geht um die Frage: „Wer sind denn eigentlich Imker?“ Die Reise führt quer durch Europa. Sehr lebendig und plastisch sei das Buch geschrieben, so Lelonek: „Man bekommt Lust, da hinzufahren.“ Irmtraut Ley liest gerne Bücher über fremde Kulturen. Sie legt den Besuchern „Ein einfaches Leben“ von der Autorin Min Jin Lee ans Herz. Es geht um Sunja und ihre Söhne, die als koreanische Migranten in Japan leben. Trotzdem sie vielen Repressionen ausgesetzt sind, sei der Inhalt sehr positiv gesetzt. Besonders habe sie beeindruckt, wie Sunja ihre Familie durch die Schwierigkeiten führt. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz wurde bereits 1938/39 geschrieben, aber erst 2018 ins Deutsche übersetzt. Die Handlung spielt im Jahr 1938. Ein jüdischer Kaufmann versucht ins Ausland zu fliehen, was ihm aber nicht gelingt. So reist er in Deutschland mit dem Zug ziellos von einem Ort zum anderen. Der im Jahr 1915 geborene Autor wurde nach Australien deportiert und ist nur 27 Jahre alt geworden, weiß die Buchhändlerin.

Abgründe

und Fotografien

Den Anfang aus dem Buch „Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane liest Stefanie de Buhr: „An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. Er stolperte mit einem seltsam wissenden Gesichtsausdruck rückwärts, als ob er schon immer geahnt hätte, dass sie es tun würde.“ Ein Anfang, der neugierig macht. Das Buch, das mit der Lebensgeschichte der Rachel beginnt, entwickle sich zum rasanten Thriller um ein Doppelleben, so die Buchhändlerin. Sie selbst lese oft und gerne Krimis. Dieser Autor habe es mit vielschichtigen, raffinierten Wendungen geschafft, sie mehrmals in die Irre zu führen. Ein weiterer Lesevorschlag ist Andreas Eschbachs Roman „NSA – Nationales Sicherheitsamt“, den sie als „historisch-utopischer Technothriller“ bezeichnet. Szenarien verbinden Historisches mit der heutigen Technik und werfen Fragen auf: Was wäre, wenn es in der Nazizeit schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien? Was passiert, wenn im Überwachungsstaat Daten gegen uns verwendet würden? „Ein erschreckendes Buch“, so Stefanie de Buhr, die auch ihren neuen Backnang-Kalender 2019 vorstellte, für den sie sich auf die Suche nach besonderen Fotomotiven durch die Stadt begab.

Eva Kreikenbaum hat sich auf Frauenbücher konzentriert. Der Roman „Der Zopf“ von Laetitia Colombani handelt von drei Frauen in drei Kontinenten, deren Geschichten durch Haare miteinander verbunden sind. In Indien spendet Smita ihre Haarpracht einem Gott, um für eine bessere Zukunft für ihre Tochter zu bitten. In Sizilien will Giulia die Perückenfabrik ihres Vaters retten, und in Montreal erfährt eine erfolgreiche Anwältin von ihrer schweren Krankheit ... „Ein Buch von Frauen für Frauen“, resümiert die Buchhändlerin.