Das Interview

„So spät wie möglich in die digitale Welt einsteigen“

Dr. Matthias Burchardt hat eine eher kritische Haltung zu Digitalisierung an Schulen und rät zur Vorsicht

Welche Vor- und Nachteile bringt Digitalisierung im Unterricht? Bleibt das Lernen als sozialer Prozess erhalten? Dr. Matthias Burchardt von der Universität Köln hat sich intensiv mit diesen und anderen Fragen rund ums Thema Digitalisierung beschäftigt. Am Mittwoch, 14. November, um 19.30 Uhr referiert er dazu im Rahmen der Backnanger Bildungsgespräche im Bürgerhaus. Die BKZ hat vorab mit ihm gesprochen.

Matthias Burchardt. Foto: privat

Von Silke Latzel

 

Der Vortrag, den Sie halten werden, heißt „Schule 4.0 – Sinn und Unsinns digitalisierten Unterrichts“. Was genau ist an dieser Art des Lernens denn sinnig und unsinnig?
Sinnig ist der Einsatz digitaler Lehrmittel, sofern diese nach didaktischen Erwägungen der Lehrkraft erfolgen und eingebettet sind in eine pädagogische Beziehung – etwa im Erdkundeunterricht beim Thema Klimawandel Echtzeit- Satellitenbilder von Gletschern zu zeigen. Unsinnig ist es dagegen, die Lehrperson durch Geräte und Lernsoftware zu ersetzen. Die Vorstellung, dass allein die Beschaffung von Geräten pädagogische Wunder bewirken könnte, ist ein Irrglauben. Es kann also nicht darum gehen, um jeden Preis Schulen und Unterricht zu digitalisieren. Manchmal ist weniger mehr.

Inwiefern verändert das digitale Lernen die Kommunikation der Schüler untereinander und auch mit den Lehrern?
Digitale Kommunikation verändert die gesellschaftliche Wirklichkeit in erheblichem Ausmaß: Fake-News, Filterblasen und beispielsweise Cybermobbing sind nur die Spitze des Eisbergs. Wir leben in den Zeiten des Überwachungskapitalismus, denn für alles, was das Netz uns bietet, zahlen wir mit unseren Daten. Sie gelten als das Öl des 21. Jahrhunderts, wenige bereichern sich, viele sind dem schutzlos ausgeliefert. Soziale Medien verbinden Menschen, aber trennen Sie auch voneinander. Schule sollte ein Ort der Beziehung sein, an dem Persönlichkeitsbildung in Auseinandersetzung mit realen Menschen erfolgen kann. Nur so kann gesellschaftliche Fragmentierung überwunden werden. Wenn die Schüler vielleicht irgendwann nur noch am Bildschirm sitzen sollten, entgehen ihnen wunderbare Möglichkeiten und auch hässliche Notwendigkeiten des sozialen Lernens. So weit ist es glücklicherweise noch nicht, die Fantasien der IT-Lobby gehen gleichwohl in diese Richtung.

Verlernt unser Gehirn irgendwann das „Selberdenken“, wenn wir uns immer auf technische Hilfsmittel verlassen?
Ich bin kein Neurowissenschaftler, als Philosoph ist mir der deshalb Geist näher als das Gehirn. In jedem Fall aber gilt: Was ich nicht lerne, übe und praktiziere, kann ich nicht. Wer Rechnen und Orthografie beherrscht, kann gern einen Taschenrechner oder die Rechtschreibkorrektur benutzen. Wer es benutzt, bevor es er gelernt hat, bleibt dumm.

Hat der frühe Umgang mit digitalen Geräten Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung von Kindern?
In der BLIKK-Studie („Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Kommunikation – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien“) des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte werden signifikante Hinweise auf Entwicklungsstörungen bei Kindern gegeben: Konzentrationsstörung, Empathieverlust, Suchverhalten, gestörte Sprachentwicklung. Auch die Hirnforscherin Gertrud Teuchert Noodt weist in ihren Studien immer wieder nachdrücklich auf die neuronalen Verkümmerungen hin, die aus übermäßigem Medienkonsum resultieren. Ich finde, dass wir aus Gründen der pädagogischen Verantwortung unsere Kinder davor schützen sollten, solange ein Unbedenklichkeitsnachweis nicht vorliegt. Schließlich gibt es eine Menge von Nobelpreisträgern, die ohne Tablet-Klassen schlau geworden sind, und von den Managern im Silicon Valley weiß man, dass die ihre Kinder in Waldorfschulen schicken und Handys verbieten.

An bayerischen und französischen Schulen gilt bereits: keine individuelle Smartphone- Nutzung während des Unterrichts. Der deutsche Lehrerverband hat eine bundesweite Regelung in dieser Art gefordert. Wie sehen Sie diese Forderung?
Ich unterstütze diese Forderung uneingeschränkt! Es wird von allen als eine große Entlastung erlebt, wenn die Geräte aus dem Schulalltag verschwinden. Für die Kinder bedeutet es einen erheblichen Stress, neben der Schulwirklichkeit auch noch den Schauplatz des Virtuellen bewältigen zu müssen: Während sie Englisch lernen sollen, wird in sozialen Netzwerken eine Freundschaft aufgekündigt oder ein Echtzeitspiel meldet, dass nun neue Ressourcen zur Verfügung stehen. Es liegt in unserer Natur, dass wir über alles, was um uns herum passiert, auf dem Laufenden sein wollen. Biologisch ist dies ein Mittel des Überlebens. Im Zeitalter des Internets mit dem unüberschaubaren Strom an relevanten Informationen bedeutet dies eine gewaltige Überforderung, der wir kaum noch gewachsen sind.

Sind wir heutzutage zu oft und zu lange online, brauchen wir Zeiten, in denen wir uns eine digitale Auszeit nehmen sollen? Und gilt das für Schüler in einem anderen Maß als für Erwachsene?
Ja, mal ganz ehrlich: Wer von uns kann denn von sich behaupten, souveräne Nutzerin oder souveräner Nutzer zu sein? Natürlich sind die digitalen Produkte so beschaffen, dass sie unsere Aufmerksamkeit so lang wie möglich binden. Erwachsene, die ihren Kindern Predigten halten und selbst den ganzen Tag an den Geräten hängen, sind unglaubwürdig. Wir müssen die Vorbildaufgabe wieder ernst nehmen. Und ganz nebenbei: Spüren wir nicht längst ein Heimweh nach der Wirklichkeit? Wissen wir nicht in unserem Innern ganz genau, dass wir uns mit einer Scheinwelt abgeben und das echte Leben dabei versäumen? Kinder sollten so spät wie möglich in die digitale Welt einsteigen und nicht mehr Zeit in ihr verbringen als nötig. Alles Lernen, das wissen wir aus der Entwicklungspsychologie, beginnt mit wortwörtlichen Be-Greifen der analogen Realität. Digitale Medien lassen den Körper verkümmern, seinen Bewegungsdrang und seine sinnliche Erfahrungslust. Deshalb sollten Eltern nicht nur verbieten, sondern attraktive Angebote im realen Leben schaffen. Wer prall im Leben steht, ist den digitalen Medien sicher ausreichend gewachsen.

Zur Person
Matthias Burchardt
ist akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln und stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen. Er ist entschiedener Kritiker der Bildungsreformen im Namen von Pisa und Bologna und bezieht auch zu Fragen der Digitalisierung eindeutig Position.