Weihnachten, nicht nur christlich

Kindergärten und Schulen in Backnang haben eigene Weihnachtsrituale – Kinder aller Religionen nehmen teil

Wie erleben Kinder heute die Adventszeit? Als Zeit der Vorfreude und der Gemeinsamkeit? Oder sind sie vor allem auf Geschenke fixiert? Eine Umfrage in Backnanger Kindergärten und Schulen zeigt: Es wird Wert auf Traditionen gelegt. Lehrern und Erziehern ist es ein Anliegen, die christlichen Werte zu vermitteln und auch Kinder anderer Religionen einzubeziehen.

Sterne aus Wachs werden von den Kindern im Außenbereich des Waldheim-Kindergartens aufgefädelt. Das macht Spaß und ist Anlass, zu Hause über das Erlebte zu sprechen. So kommt das Thema Weihnachten auch in nicht christliche Familien. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. Es sind Schätze, die viele noch als Erwachsene in sich tragen: der Geruch von Zimtsternen, der Schein von Kerzen, die Melodie von „Oh du fröhliche“; Kindheitserinnerungen an eine magische Zeit im Jahr, die Adventszeit. Auch heutzutage lieben Kinder diese Zeit der Vorfreude und ihre Rituale. In Kindergärten und Schulen werden sie sorgsam gepflegt. Jede Einrichtung, ob städtisch, kirchlich oder in freier Trägerschaft, hat im Lauf der Jahre eigene Traditionen entwickelt.

Im Essraum des Waldheim-Kindergartens sind mehrere Kinder mit Feuereifer dabei, Ausstecherle zu machen. Bei einem Jungen blitzt die Zungenspitze zwischen den Lippen hervor, so sehr muss er sich konzentrieren. Der Teig ist schon durch so viele warme Kinderhände gegangen, dass er ganz weich geworden ist. Wenn die Herzen, Sterne und Engel dann glücklich auf dem Blech platziert sind, werden sie liebevoll mit bunten Zuckerperlen verziert.

Ebenfalls Ausstecher, allerdings aus Wachs, entstehen zur gleichen Zeit in der kleinen Werkstatt im Garten. Die Kinder fädeln sie auf und schmücken damit den Außenbereich ihres Kindergartens.

Seit Anfang Dezember wird jeden Tag ein Kind ausgelost, das an diesem Tag das Adventskind ist. Es bekommt ein Säckchen mit Sternenstaub und darf auf dem Adventsweg, der im Gruppenraum aufgebaut ist, Maria und Josef einen Schritt weiter in Richtung der Krippe rücken. An den Freitagen sind die Eltern und Großeltern eingeladen, vor dem Abholen mit Kindern und Erziehern zusammen eine Adventsreise zu unternehmen: Im Freien werden gemeinsam Weihnachtslieder gesungen, Kreisspiele gemacht, kleine Szenen gespielt und von den Kindern gebackene Gutsle gegessen. „Das machen wir schon lange, das ist eine schöne Tradition. Das gemeinsam Erlebte ist auch ein Anlass, zu Hause darüber zu sprechen“, sagt Heidi Schorer, die Leiterin des Kindergartens.

Nicht christliche Kinder waren bislang noch nie ein Problem

Derzeit besuchen fünf Kinder, die einer anderen Religion als der christlichen angehören, die Einrichtung. „Kein Problem“, versichert Kindergartenleiterin Heidi Schorer, „das war noch nie Thema in den zehn Jahren, seit ich hier bin.“

Regine Wüllenweber, Leiterin des Amts für Familie, Jugend und Bildung der Stadt Backnang, verweist auf den Orientierungsplan der Landesregierung, in dem die Ziele formuliert sind: „Kinder kennen und verstehen die christliche Prägung unserer Kultur“ und „Kinder kennen ihre religiösen beziehungsweise weltanschaulichen Wurzeln“.

Als Einrichtung der evangelischen Kirche wird in der Kindertagesstätte Am Kalten Wasser naturgemäß besonderes Gewicht auf die Vermittlung christlicher Inhalte gelegt. Darauf wird bereits beim Aufnahmegespräch hingewiesen, betont die Leiterin Frauke Huber. Dadurch werde dies von allen Eltern akzeptiert. Auch Kinder aus nicht christlichen Elternhäusern nähmen ganz selbstverständlich am jährlichen Krippenspiel während der Adventsfeier teil. „Es ist wichtig, dass die Kinder den Grund wissen, warum wir Weihnachten feiern: Die Geburt von Jesus“, betont Huber. Die meisten seien auch dabei, wenn der Kindergarten am letzten Öffnungstag vor Weihnachten in der Stiftskirche einen Gottesdienst mitgestaltet, genauso wie zu Erntedank oder anderen kirchlichen Festen.

Eine lieb gewonnene Tradition in der Backnanger Plaisirschule ist das gemeinsame Weihnachtsliedersingen zum Wochenbeginn. Immer am Montagmorgen nach den Adventssonntagen treffen sich die Schüler und Lehrer im Treppenhaus der Schule beim Adventskranz. Die Kerzen werden angezündet, die Rektorin sagt ein paar Worte, und es werden Lieder gesungen, die die Kinder zuvor im Unterricht einstudiert haben – ein kleiner, weihnachtlicher Farbtupfer im Schulalltag.

Friede auf Erden und Freude auf ein Kind – das gilt in allen Religionen

In der Plaisirschule gibt es viele Kinder, die einer anderen als der christlichen Religion angehören. „Friede auf der Erde und die Freude auf ein Kind – das sind Werte, die man in allen Religionen feiern kann“, sagt Rektorin Annedore Bauer-Lachenmaier. Im Lauf des Schuljahrs besuchen die Plaisirschüler zwei Gottesdienste, bei denen die Teilnahme aber freiwillig ist. „Ich will niemanden zu etwas zwingen, aber ich will es auch nicht wegfallen lassen“, sagt die Pädagogin. Trotz aller Unterschiede zwischen den Religionen gebe es auch Gemeinsames: „In der Familie miteinander feiern, die gemeinsame Zeit genießen, das machen fast alle.“

Ähnliches berichtet Stefanie Mattes, Konrektorin der Mörike-Gemeinschaftsschule in Backnang. Auch an ihrer Schule ist der Anteil der nicht christlichen Schüler hoch – rund 50 Prozent in der Sekundarstufe, schätzt Mattes. Um alle Kinder mitzunehmen, werde der Weihnachtsgottesdienst nicht in einer Kirche, sondern in der Aula der Schule abgehalten. „Es ist ein sehr weltoffener Gottesdienst. Themen sind dort zum Beispiel Nächstenliebe oder Weihnachtsrituale auf der ganzen Welt.“ Das werde allgemein akzeptiert, und alle Kinder könnten mitmachen.

Auch in den Flüchtlingsklassen werde den Schülern der christliche Sinn von Weihnachten vermittelt. Umgekehrt erzählten die Kinder von den Weihnachtsbräuchen in ihren Heimatländern. Auch im Sachkunde- und Matheunterricht fließt immer wieder Weihnachtliches mit ein. Ob allerdings die Vorfreude der Schüler durch Textaufgaben mit weihnachtlichem Bezug gesteigert wird, sei einmal dahingestellt.