Tagsüber bleiben die Rollläden unten

Wegen erhöhter Stickoxidwerte ist die stark befahrene Eugen-Adolff-Straße in Backnang auch über die Region hinaus in den Fokus gerückt. Politiker debattieren, wie dem Abhilfe geschaffen werden kann, Fahrverbote für Dieselfahrzeuge drohen. Doch wie erleben die Anwohner dieser Straße diese Diskussion? Welche Änderungen wünschen sie sich? Wir haben einige von ihnen gefragt.

Werner Kunitzky und Monika Bialek betreiben das Hotel Bitzer in der Eugen-Adolff-Straße – sie wissen von Problemen durch Lärm und Luftverschmutzung zu berichten. Foto: J. Fiedler

Von Lorena Greppo

BACKNANG. „Wir wohnen in der schlimmsten Straße Backnangs“, konstatiert Vassilios Galagas. Der 44-Jährige ist in dem Haus an der Eugen-Adolff-Straße aufgewachsen und erinnert sich, dass er und seine Familie schon damals tagsüber die Rollläden in Richtung der Straße geschlossen hielten. „Und schauen Sie sich das an. Die Rollos sind schwarz, auch wenn man sie noch so oft putzt.“ Wie er halten es offenbar auch die meisten anderen Anwohner, nur die wenigsten haben die Rollläden bis ganz nach oben gezogen. Auch Monika Bialek und Werner Kunitzky, die Inhaber des Hotels Bitzer, kennen die Problematik mit der Partikelablagerung. „Alle zwei bis drei Tage mache ich die Fensterbänke sauber“, sagt Bialek. In den vergangenen Jahren habe sich die Situation diesbezüglich verschlimmert. „Es ist sichtbar mehr geworden“, finden die Hoteliers. Tagsüber sei an offene Fenster nicht zu denken. „Es ist viel zu laut und es stinkt“, erklärt Monika Bialek. Gleichzeitig findet Werner Kunitzky aber: „Eine Messstation an der engsten Stelle in einer Schlucht anzubringen, ist Unfug. Natürlich ergibt es Spitzenwerte, wenn man sich auch die ungünstigste Stelle aussucht.“ Gerade hier gebe es Probleme mit dem Luftaustausch. Für die Stadt Backnang seien diese Werte aber nicht repräsentativ.

Vassilios Galagas sagt, er habe bereits mit dem Umweltministerium Kontakt aufgenommen. Er biete an, dass an seinem Haus weitere Messungen vorgenommen werden. „Von mir aus dürfen sie auch die Erde meiner Pflanzen untersuchen, wenn das Erkenntnisse bringt.“ Der 44-Jährige findet: „Das Problem mit der Luftverschmutzung wird unterschätzt.“ Der Tenor in den sozialen Medien bestätigt ihn: Viele Bürger bezweifeln die Aussagekraft der Messergebnisse oder relativieren die Auswirkungen der hohen Stickoxidwerte. „Die sind nicht davon betroffen, da kann man so was leicht sagen“, weiß Galagas. Er hingegen bekomme das hautnah mit: „Man riecht es, man spürt, dass das nicht gut sein kann.“

Lärmpegel ist „Stressfaktor

für Psyche und Gehör“

Eine seiner Nachbarinnen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erinnert sich, dass man in ihrer Kindheit sogar noch an der Straße spielen konnte. „Jetzt wohnen wir an einer Hauptstraße.“ Der Durchgangsverkehr sei spürbar mehr geworden. Die Luftverschmutzung bereite ihr nicht so große Sorgen. Vielmehr ärgert es sie, dass viele beim Befahren der Straße noch einmal zusätzlich Gas geben – das liege daran, dass viele zuvor an der Ampel halten müssen. Auch den hohen Lärmpegel findet sie problematisch. „Und ich bin tagsüber kaum zu Hause, die schlimmsten Verkehrszeiten bekomme ich gar nicht mit“, räumt sie ein. Michael Mossopoulous hingegen kann die Situation gut einschätzen. Der 84-Jährige wohnt seit gut 40 Jahren in der Eugen-Adolff-Straße und findet: „Der Krach ist schlimm.“ Inzwischen habe er Spezialfenster einbauen lassen, die einen guten Lärmschutz gewährleisten – das bedeute aber auch, dass er die Fenster geschlossen halten muss. Vassilios Galagas empfindet den Lärmpegel als „Stressfaktor für Psyche und Gehör.“

Und wenn große Lastwagen auf der Straße unterwegs sind, helfen auch die besten Fenster nichts, stimmen alle Anwohner überein. „Das fällt einem auf, auch wenn man sie nicht direkt hört. Da vibriert das ganze Zimmer“, schildert Werner Kunitzky. Der Hotelier hat die Erfahrung gemacht, dass die Geräuschkulisse, anders als die vielen Schlagzeilen wegen schlechter Luft, bei seinen Gästen Eindruck hinterlässt. „Viele kommen und fragen sofort nach einem Zimmer im Rückraum des Hotels.“ Die Eugen-Adolff-Straße komme vom Lärmpegel einer Großstadt gleich. „Draußen zu telefonieren, ist unmöglich“, sagt Monika Bialek. Dieser Sachverhalt dürfte jedem bekannt sein, der schon zu Fuß entlang der Straße unterwegs war – geschehen ist aber bisher nichts. Die Anwohner der Eugen-Adolff-Straße vermissen den Dialog mit Politikern und der Stadtverwaltung. Von dieser Seite habe bisher niemand das Gespräch mit ihnen gesucht. „Unser OB Nopper ist bei allem sehr engagiert und interessiert, aber zu einem Ortstermin ist er noch nicht gekommen“, sagt Kunitzky. Dabei würden die Anwohner das begrüßen und ihre Erfahrungen gerne mitteilen. Denn nicht alle Maßnahmen zur Luftreinhaltung halten sie für sinnvoll.

Fahrverbote sind auch bei den Anwohnern umstritten

Den geplanten Abriss von drei Gebäuden auf der anderen Straßenseite begrüßen die Anwohner – wenn auch zum Teil unter Vorbehalt. „Das wäre der Hammer“, findet Kunitzky und ist sich sicher, dass die damit geschaffene Frischluftschneise die schlechten Werte relativieren würde. Vassilios Galagas ist dem auch nicht abgeneigt, befürchtet aber, dass so der Lärm der Bahngleise verstärkt wird. „Gut wäre es, wenn dann entlang der Gleise eine Lärmschutzmauer gebaut wird.“ Eine andere Anwohnerin hat auch schon einen Vorschlag, was an der Stelle der drei Gebäude gebaut werden könnte: Sie vermisst nämlich an der Eugen-Adolff-Straße Parkplätze. Eine Maßnahme, die die Stadtverwaltung nicht gerne sieht, die aber durchaus bald Realität werden könnte, sind Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge. Monika Bialek und Werner Kunitzky finden es falsch, sich auf den Diesel zu konzentrieren. Der sei zum einen nicht das eigentliche Problem. Sonst müsse man auch Silvesterfeuerwerk verbieten, das trage nämlich genauso zur Luftverschmutzung bei. „Damit werden Probleme der Politik und Industrie auf die Bürger abgewälzt, das finde ich nicht gut“, so Bialek. Für Vassilios Galagas ist die Idee von Fahrverboten nicht gänzlich abwegig, er bezweifelt jedoch, dass dadurch die Zahl der Fahrzeuge auf der Straße wesentlich verringert wird. Somit sei die Maßnahme nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mehr verspricht er sich von einem Durchfahrtsverbot für Lkw mit mehr als 7,5 Tonnen, denn das habe zudem lärmmindernde Wirkung. Auch die anderen befragten Anwohner würden das befürworten. Nur Michael Mossopoulous ist zwiegespalten: „Die müssen ja auch wohin kommen.“ Den Fahrern einen Umweg aufzubürden, gefalle ihm nicht.

Für keine schlechte Idee befinden die Anwohner auch eine mögliche Tempodrosselung. „Manche rasen hier richtiggehend durch die Straße“, sagt eine Anwohnerin. Das sei weder für die Luftqualität noch für den Lärmpegel gut. Ein weiteres Plus: So komme man vielleicht auch wieder einfacher aus dem eigenen Parkplatz raus. Weil das Verkehrsaufkommen quasi durchgängig hoch ist, gestalte sich das im Moment nämlich mitunter ziemlich schwierig.