Vergessliche Nager und filigranes Feeneis

Naturparkführer Walter Hieber nimmt Familien zu einer Wintertour durch den Murrhardter Wald auf den Riesberg mit

Spuren von Tierpfoten im Schnee wären das ideale Beiwerk gewesen, doch auch ohne diese Fährten war die „tierische Winterwanderung“ zum Felsenmeer und auf den Riesberg für die Kinder tierisch ereignisreich. Sie gingen mit Naturparkführer Walter Hieber und ihren Eltern auf eine etwas andere Pirsch, entdeckten Feeneis und spielten beim Eichhörnchenspiel das mühsame Anlegen von Wintervorräten nach.

Die jungen Teilnehmer sind gut eingepackt. Die Vögel haben da eine vergleichbare Ausstattung, wie sie bei der Wanderung erfahren. Das Gefieder funktioniert ähnlich wie ihre Daunenjacken.

Von Heidrun Gehrke

MURRHARDT. 16 Erwachsene und 18 Kinder stapfen über harten Waldboden, auf wildromantischen Pfaden steil bergauf. Es ist eisig kalt. Ein minusgradiger Wintertag, der gut vor Augen führt, wie schwierig es für Tiere ist, in der kalten Jahreszeit etwas zum Knabbern zu finden, wenn die natürlichen Nahrungsquellen versiegen und im gefrorenen Boden nichts zu finden ist.

Das Rotwild legt sich ein dickes Fell zu. Naturparkführer Walter Hieber reicht ein Rehfell herum, die Kinder greifen ins dichte, warme Haarkleid. Was tun die anderen Tiere? „Manche schlafen einfach nur“, schlägt ein Mädchen vor und gibt damit das Stichwort fürs Eichhörnchenspiel. Damit es kein böses, hungriges Erwachen gibt, muss der Nager vorsorgen, weiht Hieber seine Winterwanderer in die Strategien der putzigen Kerlchen ein. Es kann sich seine Hasel- und Walnüsse, Samen, Bucheckern und jungen Triebe nicht im Restaurant bestellen, auch gibt es im Wald keinen Eichhörnchen-Supermarkt. Es muss sich im Herbst alles mühsam zusammenklauben, wenn die Früchte reif sind. „Nach dem Verstecken schlafen sie eine Weile, und wenn sie hungrig aufwachen, fangen sie wieder an, zu suchen“, erzählt Hieber. Nur blöd, dass die kleinen Baumkraxler kein Elefantengedächtnis haben, daher vergessen sie im Winterschlaf einige ihrer Verstecke wieder. „Sie müssen darum ganz viele Nüsse vergraben, so erhöhen sie die Chance, etwas zum Essen zu finden.“ Die Kinder hören nicht nur aufmerksam zu, sie legen selbst Nahrungsvorräte für die Winterruhe an. „Ihr seid im Kobel, es ist kurz vor dem Winter“, beflügelt der Naturparkführer ihre Fantasie. Um zu verdeutlichen, dass in dem kugelförmigen Nest alle Hörnchen schlafen, sind einige angedeutete Schnarchgeräusche zu hören. Wie auf einem Abenteuerspielplatz sind die Kinder hellwach dabei, laufen hinter Bäume und knien neben Büschen nieder, um ihre Walnüsse unter Blättern und Zweigen, in kleinen Mulden oder in Ritzen von Baumstümpfen zu verscharren. Nur gut, dass einige Eltern aufpassen, denn schon nach der ersten Winterschlafrunde in dem heiteren Spiel erfahren die Kinder, wie es wohl Eichhörnchen mitten im Winter geht. „Mama, hilf mir mal“, ruft ein Kind. „Welcher Busch war es noch mal?“ – gar nicht so einfach.

Da haben es die Zugvögel einfacher: Sie tun sich die schwierige Nahrungssuche im Winter erst gar nicht an, machen sich vom gefrorenen Acker in warme Länder auf, in denen das Nahrungsangebot für sie gesichert ist. Die Standvögel, die kommendes Wochenende bei der Winterzählung des Nabu wieder beobachtet und gezählt werden können, sind trickreich und an die Kälte angepasst: „Sie haben eine dicke Federschicht, so wie ihr mit euren Daunenjacken auch“, erläutert Hieber. Die Gefiederschicht werde aufgeplustert, darunter Luft gepumpt, die sich erwärmt und isoliert.

Auch wir Zweibeiner wissen uns zu helfen: Eine Mutter holt Thermoskanne und Trinkbecher aus dem Rucksack und gibt der Tochter heißen Apfelpunsch zum Warmhalten, bevor sich die Kleine mit bunter Zipfelwintermütze und rotem Näschen ins nächste tierische Waldabenteuer stürzt. Am Römersee fahren Holzstöcke Schlittschuh über die Eisschicht und im Wald wird eine Eisdiele entdeckt: Weil gelegentlich die Schwäbische Waldfee unterwegs sei, gebe es hier Feeneis, lenkt Hieber die Blicke auf sogenannte Baumwolle: Eisiger Flaum an Ästen, entstanden aus Flüssigkeit, die sofort festfriert und auf der Rinde feine eisige Fäden bildet.

Immer wieder lässt Hieber die Waldentdecker ausscheren und zwischen raschelnden Laubblättern, knackenden Ästen und knirschender Erde etwas suchen. Als sie im Unterholz versteckte Holztiere aufstöbern sollen, merken sie, wie wirkungsvoll Tiere getarnt sind.

„Ziel erreicht, Naturpark

sehr ansprechend nahegebracht“

Vor den Blicken geschützt ist auch jener Specht, der in den Baumkronen trommelt. Am Parkplatz werden Eichhörnchen gesichtet. Am Aussichtsturm entdecken die Kinder einen Fuchsbau. Auch Spuren von Rehen und Hunden finden sich – trotz fehlenden Schnees.

„Ziel erreicht, Naturpark sehr ansprechend nahegebracht“, sagen Nicole und Heiko Fähnle, die aus Aalen angereist sind. Die Kinder Leonie (sieben Jahre) und Julian (zehn Jahre) sind mit einer Exkursion in den Wald immer zu begeistern. „Sehr gerne mit anderen, in der Gruppe gibt es nie Gemotze“, sagt Nicole Fähnle. „Keine Sekunde hängt einer bei uns und möchte heimgehen“, meint schließlich ganz relaxt der Vater.