Als man Fantasie noch anfassen konnte

Ausstellung mit historischem Spielzeug in der Pfarr- und Zehntscheuer Erbstetten mit über 400 Einzelstücken

Spielzeug aus alten Tagen war in der 12. Sonderausstellung des Historischen Vereins Burgstetten am gestrigen Sonntag von 11 bis 17 Uhr in der Pfarr- und Zehntscheuer Erbstetten zu bewundern. Ab 14 Uhr servierten die Helfer des Vereins auch Kaffee und Kuchen.

Reminiszenz an die eigene Kindheit und Jugend: Ben (links, 13 Jahre) und Benni (14 Jahre) sind begeistert von den Metallbaukästen, mit denen ihre Eltern und Großeltern spielten. Sie testen den Märklin-Drehzahlmesser. Jochen Elzmann, Vorsitzender des Historischen Vereins Burgstetten, erklärt den beiden Ausstellungsbesuchern das Metallspielzeug. Foto: T. Sellmaier

Von Wolfgang Gleich

BURGSTETTEN. Flugzeug-, Auto- und Schiffsmodelle, selbst gefertigte Puppen, Baukästen, eine aus einem Baumstamm herausgearbeitete Kugelbahn, eine tragbare, aus Eichen- und Buchenholz selbst gefertigte und bespielbare portative Orgel mit 27 Pfeifen – der Ausstellungsbesucher wusste gar nicht, wo zuerst hinschauen.

Über 400 Einzelstücke waren auf den Aufruf des Historischen Vereins Burgstetten hin für die diesjährige Sonderausstellung in der Pfarr- und Zehntscheuer Erbstetten zusammengekommen, jedes einzelne davon ein Kunstwerk, liebevoll gefertigt und oftmals seit Kinder- und Jugendtagen gehütet. Bereits im Eingangsbereich erwarteten die Besucher die Krippenfiguren, die von der brasilianischen Gemeinschaft und dem Repaircafé für den diesjährigen Weihnachtsgottesdienst in der Burgstettener Kirche gemeinsam gestaltet worden waren.

Sie wiesen den Weg treppauf zu den Ausstellungsstücken, die unter dem Stichwort „Als man Fantasie noch anfassen konnte“ liebevoll in die Sammlung der Alltagsgegenstände integriert waren: Aus Elementen von Märklin-Baukästen aus den dreißiger Jahren waren ein Londoner Doppeldeckerbus und ein Kran entstanden, aus Lego- und Fischertechnik-Bauteilen in den achtziger Jahren bereits komplexe Baumaschinen. Maßstabsgetreu nachgebaute Flugzeugmodelle fanden sich dort ebenso, wie die legendäre „Junkers Ju 52/3m“ oder „Royal Aircraft ES 5a“, ein Modell des Lanz Ackerlift-Schleppers D8506 mit sämtlichen Anbauten oder des Alfa Romeo B2300 Dinner Jacket aus dem Jahr 1932.

Kunststein-Baukästen waren für Architekten und Baumeister gedacht

Eher in die Kategorie Spielzeug gehörten detailverliebte Puppenstuben und -kaufläden, liebevoll gefertigte und angezogene Puppen, sowie ein selbst entworfenes und gezeichnetes Brettspiel, das die Spieler von der Erbstettener Kirche bis zum Backnanger Kaufhaus Max Mayer leitete. Die Kunststein-Baukästen der Thüringer Firma „Anker“ stammten aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert; sie waren allerdings weniger für Kinder als für Architekten und Baumeister gedacht.

Jochen Elzmann, der Vorsitzende des Historischen Vereins, hatte unter anderem zwei eigene Kosmoskästen aus den frühen sechziger Jahren beigesteuert, die ihm erste Schritte in die Welt der Fotografie und der Radiotechnik ermöglicht hatten. Den Modellbau als Hobby hatte er für sich bereits in den fünfziger Jahren entdeckt, als er die Einzelteile des Flugzeugträgers „Forrestal“ und das Kriegsschiff „Emden“ aus Papierbögen sorgfältig ausschnitt und zusammenklebte. Eine halbe Stunde habe er jeden Tag mit dieser Geduldarbeit verbracht, verwies er stolz auf die Modelle.

Einer der ersten Besucher am Sonntagmorgen war Kristian Leo. Für ihn stelle die Ausstellung eine Reminiszenz an die eigene Kindheit und Jugend dar, als er sich selbst mit einer Spielzeugeisenbahn und dem Modellbau beschäftigte. Letztendlich dadurch sei auch sein Interesse an der Technik geweckt und sein Berufsweg zum Ingenieur um Formenbau vorgezeichnet worden.

Auch für Wolfgang Klaiber bedeutete der Besuch der Zehntscheuer eine Wiederbegegnung mit der eigenen Kindheit. Nicht nur die Sonderausstellung fasziniere ihn, sondern auch die vielen Alltagsgegenstände, die in seiner Kindheit noch benutzt wurden. Mit einigen von ihnen arbeitete er selbst noch. Rainer Schulte wiederum wurde vor allem von den ausgestellten Märklin-Modellbaukästen angelockt. Er hat seine eigenen aus Kindheitstagen bis heute sorgsam aufbewahrt. Nun wären seine Enkel soweit, sich damit zu beschäftigen, erzählte er. Aber die hätten inzwischen ihre eigenen Interessen entwickelt.