Vom Murrtal ins Silicon Valley

Florian Schöbinger, Ex-Handballer des Drittligisten HC Oppenweiler/Backnang, spielt nun in den USA

Golden Gate Bridge und Pazifik statt Murrtalviadukt und Zipfelbach, San Francisco Calheat statt TV Bittenfeld und HC Oppenweiler/Backnang: Seit Juli 2018 startet der Handballer Florian Schöbinger in den USA durch – allerdings nicht in erster Linie handballerisch, sondern als Start-up-Scout seines Arbeitgebers Kärcher im Silicon Valley.

Viel Freizeit hat Florian Schöbinger zwar nicht in Kalifornien. Gelegenheiten wie einen Besuch eines Footballspiels der San Francisco 49ers nimmt er aber wahr. Foto: privat

Von Thomas Wagner

Keine Frage: Das Mannschaftsfoto des Handballklubs Calheat aus San Francisco mit 26 Spielern macht Eindruck, und auf den Einzelporträts posieren die Akteure vor der Golden Gate Bridge. Die Nummer drei, die Florian Schöbinger lange Jahre beim TV Bittenfeld und zuletzt beim Drittligisten HC Oppenweiler/ Backnang getragen hat, ist zwar an den Franzosen Raphael Renault vergeben, die Nummer 17 steht ihm aber auch nicht schlecht. Die Spielpositionen sind dieselben geblieben: Pivot and Center Back. Kreisläufer und Rückraum Mitte also – in einer Sportart, die in den USA aber unter ferner liefen gelistet ist.

Zweimal die Woche wird trainiert. Vorausgesetzt, die Zeit lässt es zu. Denn die Spieler der Multikultitruppe aus Franzosen, Spaniern, Asiaten, Brasilianern, Costa Ricanern, Afrikanern, Ungarn und Deutschen tragen allesamt aus demselben Grund die dunkelblau-orangefarbenen Trikots: Sie hat es beruflich in die Gegend verschlagen. Handball spielen sie, weil sie es in der Heimat getan haben.

Nicht anders lief es bei Florian Schöbinger. 16 Jahre spielte er beim TVB, der Alfdorfer stieg mit dem Verein bis in die Erste Bundesliga auf. Er hatte stets seine berufliche Entwicklung im Blick. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium stieg er 2014 beim Hauptsponsor Kärcher ein. Zunächst parallel zum zeitintensiven Handball-Engagement mit einer 50-Prozent-Stelle. Nach der Saison 2015/2016 verabschiedete sich Schöbinger aus dem Profihandball, nahm bei Kärcher eine Vollzeitstelle an und spielte nebenbei beim HC Oppenweiler/Backnang.

Vermutlich hätte der 32-Jährige seine Karriere im Murrtal auslaufen lassen. Als ihm jedoch im Dezember 2017 angeboten wurde, die Arbeitsstelle nach Kalifornien zu verlegen, war es vorbei mit beschaulichen Weihnachten. „Wir hatten zwar schon immer mit dem Gedanken gespielt, irgendwann mal ins Ausland zu gehen, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt“, sagt Schöbinger und lacht. Er hatte sich erst kurz zuvor mit seiner langjährigen Freundin Franziska verlobt, die Hochzeitsplanungen für 2018 waren im Gange.

Lange diskutiert worden sei allerdings nicht, dazu sei die Aufgabe zu reizvoll gewesen, sagt Florian Schöbinger. „Es war nie die Frage, ob wir es machen, sondern nur, wie wir alles geregelt bekommen.“ Das Paar machte schnell Nägel mit Köpfen und zog den standesamtlichen Teil der eigentlich für November geplanten Hochzeit auf März vor. Als Ehepartner vereinfachen sich viele bürokratische Prozesse wie beispielsweise die Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis. Zunächst über drei Jahre läuft Schöbingers Arbeitsvertrag. „Wir haben nicht vor, auszuwandern, sondern möchten irgendwann wieder zurückkommen.“

Im Juli machte sich Schöbinger auf ins Silicon Valley. Alleine zunächst, seine Frau arbeitete bis Ende Dezember im Finanzbereich. Und irgendjemand musste auch noch die Hochzeitsfeier im November vorbereiten. Bei den Schwiegereltern in Mundelsheim hat sich das Paar eine Einliegerwohnung als „Home Base“ eingerichtet. Nun haben die beiden in der South Bay Area bei San José, rund 30 Meilen südlich von San Francisco, ein Apartment bezogen. Vor Ort wird sich Franziska Schöbinger auf die Suche nach einer Arbeitsstelle begeben.

Ihr Mann hat da einen kleinen Vorsprung. „Am Anfang hatte ich schon ein wenig Bauchweh“, sagt Florian Schöbinger. Als er in Kalifornien angekommen sei, habe er niemanden gekannt. Florian Schöbinger musste nicht nur Kontakte aufbauen, sondern sich auch in der Geschäftswelt zurechtfinden. Und die dreht sich im Silicon Valley schneller als anderswo. Er sei, so Schöbinger, mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen worden. Mittlerweile habe er sich ein internationales Netzwerk aufgebaut. Schöbingers Aufgabe ist es, für Kärcher nach Start-ups mit interessanten Technologien und Geschäftsmodellen zu suchen. Er ist nicht der Einzige, der sein Leben im Silicon Valley an der Arbeit ausrichtet. Den meisten seiner Handballkollegen geht es nicht anders. Erfolgreich ist das Team dennoch. Eine Runde wie in Europa gibt es in den USA nicht, dazu sind die Entfernungen zu groß. Es werden Turniere gespielt, über die sich die Teams für die nationalen Meisterschaften qualifizieren können. Im vergangenen Jahr wurden die Calheats Zweiter, in diesem Jahr schätzt Schöbinger sein Team noch stärker ein.

Vielleicht macht am Ende auch der Trainer den Unterschied. Calheat-Coach Danilo Rojevic gilt als großer Fan von Rolf Brack, dem deutschen Taktikfuchs. „Ich musste im Training schon das eine oder andere Video von Rolf ansehen, wenn Danilo etwas erklären wollte“, sagt Schöbinger und grinst. In der deutschen Vierten Liga könne sein Team eventuell mitspielen. Es gebe viele gute Handballer, das Problem sei das wenige Training.