Klimawandel ist im Wald angekommen

Hohe Temperaturen und Dürre haben dem Wald auch im Raum Backnang zugesetzt – Forstbesitzer fordern bessere Käferbekämpfung

Endlich regnet es. Wenn es nach den Waldbesitzern ginge, dürfte es so weiterregnen bis zum nächsten Sommer. Naja, vielleicht mit ein paar Frosttagen zum schadensfreien Holzrücken dazwischen. Der heiße, trockene Sommer mit um drei Grad höheren Temperaturen und 50 Prozent weniger Niederschlägen als sonst hat dem Wald sehr zugesetzt. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) schätzt die Verluste auf 5,4 Milliarden Euro.

Der Sulzbacher Revierförster Axel Kalmbach begutachtet das vom Borkenkäfer betroffene Holz. Seine Konsequenz: „Es gibt Lagen, wo wir definitiv keine Fichten mehr setzen werden.“ Fotos: J. Fiedler

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR.Es mag am Fehlen dramatischer Bilder liegen, dass die Dürreschäden für Laien kaum zu erkennen sind, aber sie werden inzwischen durchaus mit den Sturmkatastrophen der letzten Jahrzehnte (Wiebke und Lothar) verglichen. Der genaue Umfang wird sich erst im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre zeigen. „Die gute Nachricht: Das Dürrejahr 2018 ist überstanden“, formulierte unlängst Jürgen Sistermans-Wehmeyer von der Holzverkaufsstelle in Backnang sarkastisch, „die schlechte Nachricht: 2019 kommt erst noch.“

Dabei hatte das Forstjahr so gut angefangen: Der Boden hatte Wasser satt von den reichlichen Niederschlägen im Winter und dann gab es auch noch genügend Frosttage im Februar und März, um das gefällte Holz ohne allzu große Flurschäden aus dem Wald zu holen. Danach aber wurde der Regen von Monat zu Monat weniger, dafür wurde es kontinuierlich heißer. Im Juli schließlich war das Wasser aufgebraucht – und dann kam der Käfer.

Die Borkenkäfer, in unseren Breiten vor allem der Buchdrucker und der Kupferstecher, befallen invasiv unseren wirtschaftlich wichtigsten Nadelbaum, die Fichte, die mit ihren flachen Wurzeln besonders empfindlich ist gegen Trockenheit, und bringen sie in kürzester Zeit zum Absterben. Vorteile bringt der Fichte ihr flacher Wurzelteller vor allem im flachgründigen Gebirgswald, wo sie heimisch ist. Wegen ihres vielseitig verwertbaren Holzes und des unkomplizierten Anbaus wird sie dennoch bei uns viel gepflanzt. Zumindest bisher.

Viermal so viel Schadholz

wie im Vorjahr

80000 Festmeter Schadholz durch Sturm, Dürre und Käfer seien im Rems-Murr-Kreis dieses Jahr angefallen, viermal so viel wie 2017, berichtet Sistermans-Wehmeyer, der für private Waldbesitzer und Kommunen im waldreichen Rems-Murr-Kreis das Holz verkauft. Da-bei sehe es bei uns hier noch gut aus: „Im Südschwarzwald und im Allgäu sind ganze Hänge rot.“ Das europaweite Überangebot (60 Millionen Festmeter Schadholz) drückte nicht nur den Preis von 90 auf 50 Euro pro Festmeter, sondern verzögerte außerdem die Abfuhr des zugerichteten Käferholzes und vor allem des befallenen Reisigs durch Häckselunternehmen. An ein übliches Verbrennen desselben vor Ort war wegen der hohen Waldbrandgefahr nicht zu denken.

Explosionsartig konnte sich der Schädling so vermehren, bis zu drei Generationen in wenigen Monaten. „Sogar Frischholz in den Poltern wurde befallen“, stellte entsetzt Forstunternehmer Rolf Werthwein fest und mahnte unlängst in der Jahresversammlung der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Murr-Lauter: „Die Käferbekämpfung muss besser werden. Sprich: Kann das befallene Holz, das am Waldrand lagert, nicht schnell abgeholt werden, muss es mit Insektiziden behandelt werden. Nach März darf nichts davon mehr im Wald liegen.“

„Der Markt für Nadelholz ist tot“, formuliert drastisch Holzverkäufer Sistermans-Wehmeyer. Abgesehen von Kirsche und Erle laufe Laubholz dagegen gut. Selbst Esche sei gesucht, trotz des großen Angebots infolge des Eschensterbens. Er rät, nur das Nötigste an Holz einzuschlagen „Ab Frühjahr bitte nur noch in Absprache, denn auch der Staatsforst wird auf Laubholz umschwenken.“ Für 2019 rechnet er wegen der hohen Ausgangspopulation der Schädlinge und der geschädigten Baumwurzeln mit noch mehr Schadholz als im Hitzesommer.

„Unser Wald wird sich verändern“, prophezeit Martin Röhrs, Leiter des Kreisforstamts in Backnang, mit Blick auf die spürbaren Klimaveränderungen. „Wir brauchen Bäume, die längere Trockenphasen und häufigere Unwetter überstehen können.“ Den Waldbauern empfiehlt er: „Bitte pflanzen Sie keine Fichten mehr.“ Zumindest nicht in trockenen Lagen. Selbst die tiefwurzelnde, heimische Weißtanne, die ansonsten als trockenresistent gilt, ist an exponierten Stellen heuer regelrecht verdorrt: Unten war eben auch kein Wasser. Stellt sich die Frage, was überhaupt noch gepflanzt werden soll. „Douglasien vielleicht? Es wird intensiv geforscht.“ Auch über den deutschen Waldrand hinaus.

Erfreulicheres hört man derweil von der Forstreform. Laut Martin Röhrs befindet man sich „auf der Zielgeraden“. Mit dem Baden-Württemberg-Modell sei nunmehr klar, dass Beratung weiterhin kostenfrei, Dienstleistungen wie der Holzverkauf aber kostenpflichtig würden. Im Gegenzug zu den Mehrkosten werde es für den Dienst am Gemeinwohl (Erholungswert, Wasserspeicher, Luftfilter, Sauerstoffproduktion) höhere Fördermittel geben. Die 100 Mitarbeiter des Backnanger Forstamts würden vor Ort zwischen Staatsforst und Privat-/Kommunalwald aufgeteilt, gemäß der prozentualen Waldfläche 50 zu 50. Die neun neuen Forstreviere (ohne den Staatswald) des Kreises sind ab 2020 je überschaubare rund 1150 Hektar groß, allerdings mit weiteren Entfernungen als bisher.

Schwierig werde freilich die Preisgestaltung für die privaten Waldbesitzer/ Kommunen ohne die regelmäßige Holzmenge aus dem Staatsforst. Mutig hat man hier im Backnanger Raum frühzeitig Eigeninitiative ergriffen: Laut Vorstand Rolf Werthwein befindet sich die FBG Murr-Lauter in fruchtbaren Verhandlungen mit den FBGs der Nachbarkreise (Schwäbisch Hall, Hohenlohe, Ostalb), um durch einen gemeinsamen Holzverkauf auch ohne den Staatswald marktfähig zu bleiben. Die hierbei diskutierte Bildung einer Genossenschaft würde allerdings die Teilhabe der waldbesitzenden Kommunen aus rechtlichen Gründen ausschließen.