Angeklagter im Messerprozess geständig

Plüderhausener Fall wird seit gestern im Stuttgarter Landgericht verhandelt – Brutal attackierter Familienvater sagt aus

Von Peter Schwarz

PLÜDERHAUSEN.An Tag eins der Verhandlung um die Plüderhausener Messer-Attacke legte der Angeklagte, ein 20-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan, ein Teilgeständnis ab: Ja, er habe mit dem Messer auf den Vater seiner Ex-Freundin eingeschlagen – aber nein, er sei nicht in Tötungsabsicht in das Haus eingestiegen.

Der Angeklagte, der sich, wenn auch unter Winden und Lavieren, einigermaßen offenbarte; der Vater, der in imponierender, von keinerlei Belastungseifer befeuerter, aber erschütternd anschaulicher Art beschrieb, was ihm widerfahren ist; die Tochter, die von den Gefühlswirren einer jungen Liebe über kulturelle Gräben hinweg erzählte: Aus diesen Aussagen am ersten Verhandlungstag im Stuttgarter Landgericht lässt sich rekonstruieren, was in der Nacht auf den 15. Juli 2018 geschah und wie es dazu kam.

Harid, heute 20, und Tanja, mittlerweile 19 (beide Namen geändert), lernten einander im Februar 2017 kennen und verliebten sich. Die Deutsche aus menschenfreundlichem Christenhaus und der Muslim, der mit 16, als die Taliban ihn rekrutieren wollten, mutterseelenallein in einer vielmonatigen Odyssee nach Deutschland geflohen war und nun in einer Schorndorfer Obdachlosenunterkunft hauste. Tanjas Eltern, die den jungen Mann nur ein, zwei Mal kurz zu Gesicht bekamen, sorgten sich. „Gute Gespräche“ hätten sie geführt mit der Tochter, erinnert sich der Vater: über die Schwierigkeiten so einer Beziehung. Behutsam warnten sie. Aber ihr den Umgang verbieten? Die Tochter war volljährig, sie vertrauten einander – und ist es christlich, einen Fremden rundweg abzulehnen? Es muss Nähe und Verständnis gegeben haben zwischen Harid und Tanja. Sie sagte: Miteinander schlafen, das wolle sie nicht; er habe das akzeptiert. Gesetzt den Fall, sie würden einmal heiraten, wolle sie auf keinen Fall ein Kopftuch tragen; das sei nicht nötig, habe er geantwortet. Aber immer wollte er in ihr Handy schauen, um zu wissen, wem sie schrieb. Fand er Nachrichten mit Herzchen-Emoticon, witterte er Schlimmes. Er habe, gibt Harid zu, gedrängt: „Wenn du mit mir zusammen sein willst, darfst du mit keinem anderen Mann Kontakte haben.“ Sie aber kannte nun einmal Jungs: Cliquenfreunde, Kumpels.

Die Freundin begann zu spüren, „dass es nicht passt“

Noch im April 2018 schenkte er ihr einen Ring zum Geburtstag, aber sie spürte, „dass es einfach nicht passt“. Einmal packte er sie im Streit so fest am Arm, dass sie weinte, einmal schrieb er ihr eine Drohung: „Verarsch mich nicht, sonst ist dein Leben richtig gefickt.“ Im Mai löste sie sich von ihm. „Ich habe ihn noch geliebt, aber die Beziehung wollte ich nicht mehr.“ Am 13. Juli sah er sie zufällig bei der SchoWo. Ein anderer habe den Arm um sie gelegt, sagt er. Sie sei mit Freundinnen und Kumpels unterwegs gewesen, sagt sie. Am nächsten Abend machte er sich zu Fuß auf, anderthalb Stunden von Schorndorf nach Plüderhausen, wo Tanja mit ihren Eltern wohnte. Aus der Pizzeria, in der er arbeitete, nahm er ein scharfes Fleischmesser mit, die Klinge 17 Zentimeter lang. Er hatte Handschuhe bei sich in dieser heißen Sommernacht und einen Überziehschal mit Augenschlitzen. Er kletterte auf den Balkon und betrat das Schlafzimmer der Ex-Freundin: Es war leer, Tanja noch unterwegs.

Bis gegen 0.30 Uhr waren Tanjas Eltern unten auf der Terrasse gesessen, dann waren sie nach oben gegangen, zu Bett. Vielleicht 15 Minuten später hörten sie ein Geräusch. Ein Marder unterm Dach? Es könne sein, fiel der Mutter ein, dass sie die Schiebetür vom Balkon zu Tanjas Zimmer offen gelassen habe. Unbekleidet ging der Vater nachsehen, schloss die Balkontür, drehte sich um und dachte: „Was du jetzt siehst, kann eigentlich gar nicht sein.“ Es war so „surreal“: Da stand eine Gestalt im Dunkeln, einen Gegenstand in der Hand, hob den Arm und hieb zu. Der Vater sprang aus dem Zimmer, stemmte sich von außen gegen die Tür, spürte, wie es von innen dagegenpolterte, bemerkte das Blut – es quoll ihm aus einer klaffenden Wunde an der Schläfe –, wollte wegrennen, rutschte aus, fiel, lag nackt im Flur, und der Fremde schlug mit der Messerschneide auf ihn ein, wieder und wieder. „Ich habe irgendwie gedacht, ich stehe außerhalb von mir und schaue zu: So, jetzt stirbst du.“

Endlich gelang es ihm doch zu entkommen: in ein Zimmer und weiter durch ein Fenster aufs Dach. Harid rannte weg; Wochen später wurde er in Belgien verhaftet. Acht Schnittwunden an Kopf, Arm und Bein: reiner Zufall, dass das Messer kein zentrales Blutgefäß traf. Eine Sehne: durchtrennt; die Wadenbeinmuskulatur: teildurchtrennt; der Wadenbeinknochen: eingekerbt. Bis heute hat der Vater Beschwerden beim Gehen, aber die Seelenwunden reichen wohl noch tiefer: Erst vor kurzem konnte die Familie wieder in ihr Haus zurückkehren, lange Zeit war die Bedrückung in den eigenen vier Wänden einfach zu schwer.

Nein, beteuert Harid, er habe niemanden „verletzen oder töten“ wollen, nein, das schwöre er „auf den Koran“. Er habe nur vorgehabt, Tanja „Angst zu machen“.