Es muss nicht immer Klavier oder Blockflöte sein

An der Backnanger Jugendmusikschule können Kinder auch exotische Instrumente lernen

Blockflöte, Klavier, Gitarre – wenn Kinder ein Instrument lernen, fällt die Wahl oft auf die Klassiker. Das Angebot an der Backnanger Jugendmusikschule ist aber wesentlich breiter: 25 verschiedene Instrumente stehen zur Wahl. Und manche Kinder entscheiden sich ganz bewusst für etwas Exotisches.

Ein Orchester braucht viele verschiedene Instrumente: Deshalb freuen sich Musikschulleiter Michael Unger und Lehrerin Berenike Birth, dass sichFelix, Simon, Raphael, Annika und Konstantina (von links) für Horn, Posaune, Fagott und Harfe entschieden haben. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Mit einer Sackkarre fährt Lehrerin Berenike Birth die große Harfe in den Proberaum. Das Instrument ist zwei Meter groß und wiegt 40 Kilo. Wer darauf spielen will, der sollte auch zupacken können. Einen Vorteil haben Births Schülerinnen Annika Schweizer und Konstantina Bostanitou aber: Zu den Unterrichtsstunden müssen die beiden 13-Jährigen nicht ihre eigene Harfe mitschleppen, sondern können auf einem Instrument der Jugendmusikschule spielen. Das ist bei Raphael Unger anders: Er muss sein Fagott jedes Mal mit nach Hause nehmen, aber das sperrige Instrument lässt sich zum Glück auseinanderschrauben und in einem Rucksack verstauen. „Das ist nicht so schwer“, versichert der Zwölfjährige.

Die Zeiten, als kleine Kontrabass- oder Tubaspieler auf dem Weg zum Musikunterricht beinahe zusammengebrochen sind, seien zum Glück vorbei, erklärt Raphaels Vater, Musikschulleiter Michael Unger. „Das Schwerste war früher der Instrumentenkoffer.“ Der werde heute aber nicht mehr aus Sperrholz, sondern aus Kunststoff hergestellt: Für junge Musiker im Wortsinn eine Erleichterung.

Aber wie kommt ein Grundschüler überhaupt auf die Idee, Harfe, Fagott oder Horn zu lernen? „Ich wollte etwas Besonderes spielen“, erzählt Annika Schweizer – und nicht das gleiche Instrument wie ihre älteren Geschwister. Geige, Klavier und Trompete fielen damit schon mal weg. So ist sie vor vier Jahren bei der Harfe gelandet und dabei geblieben. Bei Raphael waren’s die Eltern, die ihrem Sohn vorschlugen: Probier’s doch mal mit Fagott. Damals war er acht Jahre alt und gleich begeistert vom röhrenden Sound des größten Holzblasinstruments: „Das hört sich einfach cool an“, findet der Zwölfjährige und entlockt seinem Instrument zum Beweis ein paar besonders tiefe Töne.

Bei der Wahl des Instruments sollten die Eltern auf die Wünsche der Kinder eingehen, rät Michael Unger. „Das Kind sollte nicht das Instrument lernen, das eigentlich die Mutter spielen wollte.“ Vor allem der Tag der offenen Tür, der zweimal im Jahr an der Musikschule stattfindet, sei eine gute Möglichkeit, alle Instrumente – auch die exotischen – kennenzulernen und selbst auszuprobieren.

Oft hat Unger erlebt, dass Kinder dort auf Anhieb „ihr“ Instrument entdeckten: „Bei manchen sieht man sofort ein Leuchten in den Augen.“ Vom Charakter eines Kindes auf ein bestimmtes Instrument zu schließen, ist aber nicht möglich. „Manchmal sind es gerade die Schüchternen, die ein lautes Instrument wollen“, erzählt der Musikschulleiter. Umgekehrt erinnert er sich an einen wilden Rabauken, der unbedingt Geige lernen wollte.

Jedes Instrument

hat eigene Tücken

Auch Felix Früh hat sein Instrument am Tag der offenen Tür entdeckt: Seit gut einem Jahr spielt der Achtjährige Horn. Das goldglänzende Instrument hat den Grundschüler gleich fasziniert, außerdem hatte er in der musikalischen Früherziehung schon Melodica gespielt und kannte sich daher mit Blasinstrumenten aus. Simon Jacobs ist hingegen über das Bläseratelier an der Plaisirschule zur Posaune gekommen. Dort ist der Instrumentalunterricht in den normalen Schulalltag integriert. Für die Musikschule eine gute Möglichkeit, um auch Kinder wie Simon zu erreichen, dessen Familie nach seinen Worten „total unmusikalisch ist“. Mittlerweile spielt er seit sechs Jahren Posaune, unter anderem im Jugendorchester des Städtischen Blasorchesters. „Es macht Spaß, zusammen mit anderen zu spielen“, sagt der 14-Jährige.

Grundsätzlich könne jedes Kind jedes Instrument lernen, sagt Schulleiter Unger, denn auch die großen Instrumente wie Kontrabass oder Cello gibt es in kleineren Größen, sodass sie mit Kinderhänden gespielt werden können.

Allerdings hat jedes Instrument auch seine eigenen Tücken. Bei der Harfe kommen zu den 47 Saiten auch noch sieben Pedale, die richtig bedient werden wollen. „Am schwierigsten ist es, wenn die beiden Hände etwas ganz Unterschiedliches spielen müssen“, erzählt Annika Schweizer. Das Fagott wirkt mit seinen vielen Klappen schon auf den ersten Blick ziemlich kompliziert. Wer jedoch glaubt, das Horn, das nur drei Ventile hat, sei deshalb einfacher zu spielen, liegt falsch. „Die Tonhöhe wird vor allem durch die Lippenspannung und die Luftgeschwindigkeit beim Blasen bestimmt“, erklärt Michael Unger. Wer die richtigen Ventile drückt, spielt also noch lange nicht den richtigen Ton.

Wer sich durchbeißt und ein ausgefallenes Instrument gut spielen kann, ist später dafür umso gefragter. Viele Orchester seien etwa auf der Suche nach Hornisten und Fagottisten, weiß Michael Unger. Vielleicht auch deshalb wird den Musikern mit den ausgefallenen Instrumenten ein ganz besonderer Stolz nachgesagt. Gepflegt wird dieses Selbstbewusstsein etwa bei einem jährlichen Fagottistentreffen, bei dem mehrere Hundert Musiker aus ganz Deutschland zusammenkommen, um gemeinsam zu spielen. Raphael Unger war schon dreimal mit dabei und genießt dann das Gefühl, endlich mal kein Exot zu sein.

  Der nächste Tag der offenen Tür der Backnanger Jugendmusikschule findet am Samstag, 23. März, von 14 bis 17 Uhr im Bandhaus, Petrus-Jacobi-Weg 7, statt.