Starkregen ist genauso gefährlich wie Hochwasser

Wasserverband Murrtal setzt Thema auf die Agenda – Backnang soll Grundzüge erarbeiten – Mitglieder informieren über Projektstand

Von Christine Schick

MURRHARDT. Seit ein Unwetter mit starken Niederschlägen 2016 in Braunsbach eine Flut auslöste, die drastische Zerstörungen nach sich zog, wird die Diskussion um einen Schutz bei Starkregen in Baden-Württemberg breiter geführt. Auch der Wasserverband Murrtal hat das Thema auf die Agenda gesetzt – es soll ein Konzept für ein Starkregenrisikomanagement erarbeitet werden.

Der Wasserverband Murrtal mit den Mitgliedskommunen Backnang, Oppenweiler, Sulzbach an der Murr und Murrhardt hat sich 2008 gegründet, um den Hochwasserschutz an der Murr im Schulterschluss anzugehen. Nachdem bei der Beckenplanung ein Klimazuschlag schon vor Jahren Thema war und nachjustiert wurde, will der Verband nun auf ein weiteres Phänomen reagieren: Starkregen. „Wir möchten das 2019 angehen und ein Konzept erarbeiten“, sagte Stefan Setzer, Baudezernent in Backnang und derzeit Vorsitzender des Wasserverbands, in der jüngsten Sitzung in Murrhardt.

Im Unterschied zum klassischen Hochwasser seien es beim Starkregen meist die kleineren Nebengewässer, die plötzlich anschwellen und über die Ufer treten. Hintergrund bildeten Gewitterzellen, die ungewöhnlich lange an beziehungsweise über einem Ort verharren und dort durch die Niederschläge verheerende Auswirkungen haben könnten, zudem schwer vorhersagbar seien. Mit dem Klimawandel müsse man verstärkt mit diesen Ereignissen rechnen, weshalb Setzer vorschlug, ein gemeinsames Konzept für ein Starkregenrisikomanagement zu erarbeiten. Dies habe den Vorteil, dass sich mit Blick auf Organisation, Kosten und Abwicklung Synergieeffekte für die Mitglieder ergeben könnten. Der vorläufigen Konzepterstellung mit Vorschlägen zu baulichen Maßnahmen, Flächenfreihaltung und Hinweisen beispielsweise für die Bevölkerung soll sich zunächst Backnang annehmen, um sie dann wieder im Verband genauer zu besprechen. „Man sollte sich dem Thema schon annehmen, aber auch die möglichen Folgen im Blick behalten“, sagte Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner. Seine Bedenken: Der Verband ist noch über Jahrzehnte mit dem Hochwasserschutz beschäftigt und die Kosten für bauliche Maßnahmen auch an kleinen Zuflüssen übersteigen die finanziellen Möglichkeiten. Da die einzelnen Kommunen zudem um die kritischen Punkte wüssten, sei die Frage, ob dies auch in eigener Regie laufen könne und man den Verband unbedingt dafür benötige, so Mößner. Gegen ein Gutachten habe er aber nichts.

Gefahrenpunkte herausarbeiten, Anwohner informieren

Stefan Setzer hielt dagegen, dass die konkrete Planung für Schutzmaßnahmen in jedem Fall so wie bisher in den Kommunen abgestimmt und beschlossen werden müsste. „Wir wollen auch nicht Hochwasserschutz bis zum jüngsten Tag machen, die Sache aber offensiv angehen, und die Bevölkerung informieren, wo es möglicherweise Schwachstellen gibt“, sagte er. „Dabei hat die Politik auch die Aufgabe, eine Priorisierung vorzunehmen.“ Hans Bruss, Leiter des Backnanger Stadtbauamts, ergänzte, dass es nicht nur um Seitenbäche, sondern auch um generelle Gefahrenpunkte wie Wassergräben oder Feldwege und eine gezielte Information für die Anwohner gehe. Backnang wird sich der Konzepterarbeitung nun widmen.

Bruss informierte als Vertreter Backnangs auch kurz über das Pilotprojekt im Rahmen eines Flut-Informations- und Warnsystems (Fliwas), das die Stadt zurzeit gemeinsam mit der Firma Telent erprobt: die Meldung von Wasserständen per App über Radarmessgeräte an bestimmten Punkten im Vergleich zum Landespegel. Es werde ein halbes Jahr getestet. Die Nützlichkeit habe sich aber bereits bei den erhöhten Wasserständen Mitte Januar gezeigt (wir berichteten), als der Pegelstand in Oppenweiler kurzfristig nicht abrufbar gewesen sei.

Die erhöhten Pegelstände waren auch Thema beim Bericht der Mitglieder zum Fortschritt ihrer Baumaßnahmen rund um den Hochwasserschutz. In Oppenweiler sind die Arbeiten zum innerörtlichen Schutz abgeschlossen, was Mitte Januar spürbar geworden sei, sagte Bürgermeister Bernhard Bühler. Früher habe die Feuerwehr bei einem Pegelstand von 2,80 Metern schon jede Menge zu tun gehabt, Mitte Januar bei knapp drei Metern sei die Lage noch sehr entspannt gewesen. „Es lohnt sich, etwas zu tun“, stellte Bühler fest. Die Planungsarbeiten zum größten Becken in Oppenweiler gehen weiter, wobei der Baustart dieses, spätestens nächstes Jahr erfolgen soll.

Auch in Backnang habe man gespürt, dass der innerörtliche Hochwasserschutz greife, sagte Hans Bruss. Mit der Fertigstellung der Aspacher Brücke und dem Pumpwerk am Kalten Wasser habe man bereits gesehen, dass dort alles nach Plan liefe. In der Stadt erfolgen weitere Baumaßnahmen, Verzögerungen gibt es bei der Installation einer Rampe und von Pumpwerken, da Eingriffe zwischen Juli und Oktober in der Murr nicht erlaubt sind. Weitere Punkte sind die zwei geplanten Hochwasserschutzbecken bei Strümpfelbach sowie Schutzbauten in den südlichen Stadtteilen. Die Maßnahmen dort sollen 2023, die in der Kernstadt 2021 abgeschlossen sein.

In Sulzbach hatten Mitte Januar zwei Abwasserpumpwerke ihren ersten Einsatz. Die Arbeiten zum innerörtlichen Schutz schreiten weiter voran. Man sei dabei, die Fischbachdole zu verstärken, erläuterte Bürgermeister Dieter Zahn. Der Bau des Fischbach-Beckens sei der nächste Schritt.

Murrhardt steht beim innerörtlichen Schutz noch am Anfang. Die Stadt hofft, nach vielen Jahren eines nicht bewilligten Zuschusses für ein Pumpwerk in der Weststadt 2019 zum Zug zu kommen. Die Planungen für das Rückhaltebecken Gaab bei Fornsbach sind weit fortgeschritten. Eine Lösung gefunden werden muss noch für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling, der im Plangebiet vorkommt, wie Bürgermeister Mößner erläuterte. Dieser ist laut Hans Bruss übrigens auch ein Thema bei den Becken in Strümpfelbach. Gaab soll Mitte 2020 in Bau gehen. Parallel zu den Planungen startet aktuell das Flurbereinigungsverfahren. Die Planungen für das Becken Mahd sind noch zurückgestellt, sollen erfolgen, wenn dafür wieder Kapazitäten frei werden.

Einstimmig beschlossen wurde der Doppelhaushalt 2019/2020, bei dem die Investitionssummen den allmählich anlaufenden Bau der Becken anzeigen.