Ein leuchtendes Fest für Augen und Ohren

Das erste Rietenauer Kulturfeuer des Heimat- und Kulturvereins kommt bei Besuchern sehr gut an – Einschlummern ist erlaubt

„Wow, kann ich da nur sagen“ – Lea Butsch fehlen die Worte, so begeistert ist sie, dass das erste Kulturfeuer in Rietenau mehr als nur Zuspruch findet: „Wir sind ausverkauft.“ Ein Mammutprojekt sei es, das man da auf die Beine gestellt habe. Der Aufwand hat sich aber gelohnt: Etwa 200 Besucher hatten am Samstagabend sechs Stationen mit unterschiedlichsten kulturellen Angeboten zur Auswahl – in der Kürze der Zeit konnte man sich allerdings nur vier Spielorten widmen.

Die Pausen zwischen den Darbietungen nutzten die Besucher, um mit den Darstellern ins Gespräch zukommen, oder sich über das Gesehene auszutauschen und sich am Feuer aufzuwärmen.

Von Yvonne Weirauch

ASPACH. Das Dorf erscheint an diesem Abend heller als sonst. An Gehwegen leuchten Kerzen, kleine Baumstämme spucken Feuerfunken, Gebäude sind in die sechs Farben lila, grün, grell-gelb, blau, rot und zart-orange gehüllt – wegweisend für die Besucher der Kulturangebote. Schon gegen 18 Uhr seien die ersten Gäste gekommen, wird an der Kasse freudig erzählt, obwohl die Veranstaltung erst um 20 Uhr beginnen soll. Manche stärken sich mit einer warmen Mahlzeit, bevor es mit dem gelben Eintrittsbändchen am Handgelenk losgeht.

Margarete Draenert und ihre Tochter Susanne aus Unterweissach loben die Kunst schon im Vorfeld: „Das ist eine irre Leistung. Hier wird ja nicht nur ein Bauerntheater geboten, sondern ein Programm, was die Seele anspricht, bei dem man nachdenken und etwas mit nach Hause nehmen kann.“ Hölderlin und die Polarlichter wollen sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

„Hölderin ist schon voll“, heißt es auf dem Weg zur gelben Station. Und tatsächlich: Die Bänke im Gewölbekeller sind eng besetzt. Dort ist zum einen die Kunsttherapeutin Heike Lenz-Eckstein mit einer Ausstellung vertreten. Für die Zuhörer gibt es Tiefgründiges, Poetisches, Biografisches und Musik unter dem Titel „Jakobs Weg zu Hölderlin“ mit Rolf Butsch in der Rolle des angeheiterten Gelegenheitsphilosophen Jakob und mit Akkordeonmusik von Sonja Michler. Auf dem Weg zum rot erleuchtenden Haus diskutieren Menschengrüppchen über das, was sie gerade erlebt haben: „Toll“, „grandios“, „beeindruckend“ – Worte, die im Vorübergehen aufgeschnappt werden.

Der rote Spielort ist dem Theater Rietenau vorbehalten. Lea Butsch, die beim alljährlichen Sommertheater zusammen mit ihrem Mann Rolf Regie führt, Texte schreibt und auch Mitglied beim Heimat- und Kulturverein Rietenau ist, gehört zu den Menschen im Ort, die sich für die Vernetzungen in Kulturangelegenheiten einsetzen. Sie ist Teil der szenischen Lesung am Abend mit Geschichten und Liedern rund um die Themen Licht, Schatten und Liebe. Sie weiß: „Es ist ein Riesenprogramm, sechs Mal eine halbe Stunde, ist nicht ohne, und es ist nicht immer leichte Kost.“ Ein Anspruch, den die Künstler – viele von ihnen leben in Rietenau – auch an sich selbst haben. Dass es gerade jetzt ein Kulturfeuer gibt, habe damit zu tun, dass die Sommertheater-Verantwortlichen eines Tages das Gefühl hatten: „Es ist zu lange hin, bis wieder etwas Großes im Dorf los ist. Wir hatten einfach Lust darauf.“ Als Kulturdorf wolle man sich etablieren, ausbauen und sich auch von anderen abheben. Das Kulturfeuer geht nicht von ungefähr unter dem Dach des Heimat- und Kulturvereins über die Bühne. Es liege nicht zuletzt daran, dass jede Menge ehrenamtliche Manpower gefragt ist, um eine solche Veranstaltung zu stemmen.

Magischer Zauber

am Himmel

Die Programme beginnen immer zur vollen Stunde – bis Mitternacht. Man kann nicht alles erleben. Die Zeit reicht nur dafür, vier Programmpunkte abzuklappern – das ist gewollt, denn jeder solle sich aussuchen, was er mag. Im Gemeindehaus – grün gekennzeichnet – werden die Besucher von Fotograf Dietmar van der Linden auf eine Rundreise entführt. Mit dem Projektor wirft er Bilder auf eine Leinwand, die die Betrachter sprachlos machen: Unter dem Stichwort „Ein Feuerwerk der Natur“ zeigt er Aufnahmen von Polarlichtern, die er in Island gesehen hat und einen magischen Zauber am Himmel vermitteln. Immer auf der Jagd nach einem solchen Highlight sei er mit seinem Camper gewesen, erzählt van der Linden. Nicht nur er ist von den Bildern eines brennenden Himmels angetan, auch die Augen der Zuschauer leuchten. „Wahnsinn, was man da erlebt und dann auf Bildern so wiedergeben kann. Ein Fest für die Augen“, schwärmt Heide Krint aus Allmersbach am Weinberg.

In einem leuchtenden Blau erstrahlt die Kirche. Dort lädt der vor allem in seiner Heimat Österreich bekannte Erzähler Gerald Koller unter dem Motto „Frau Holle 4.0 – wie der Weg in die Zukunft gelingt“ zu einer Reise nach innen und in die Zukunft ein. Und dies unter dem Aspekt: Mit Weitblick erzählt uns das älteste Märchen der deutschen Volksliteratur, was es – gerade heute – braucht, damit unser Leben und Zusammenleben gelingt. Frau Holle erscheint in einem ganz anderen Gewand als dem, das man kennt. Sein Credo sei: „Kinder brauchen Geschichten zum Einschlafen, Erwachsene brauchen Geschichten zum Aufwachen.“

Fans von rockiger Musik mit einem kritischen Hintergrund kommen bei Sängerin Rebecca Hart und den Nodding Heads auf ihre Kosten. „Das ist echt klasse. Ein purer Kontrast zu den Wiegenliedern“, meint ein junges Pärchen aus Aspach. Wiegenlieder – der lilafarbene Ort, der von vielen gegen Ende des Kulturfeuers besucht wird. Die Sängerin Simone Alex-Kummer präsentiert zusammen mit Cindy Velz und Gerhard Kleesattel sanfte Lieder, die in den Schlaf wiegen. „Es ist wohl der einzige Programmpunkt, bei dem es nicht verpönt ist, einzuschlummern“, werden die Zuhörer begrüßt. Es sind vor allem die unbekannten Töne und Texte, die die Augenlider schwer werden lassen.

Manch einer kann tatsächlich das Gähnen nicht unterdrücken, was sich schnell in ein Lächeln verwandelt: „Ein schöner Abschluss, nach solch einem Abend in die Nacht entlassen zu werden“, so ein Besucher.