Der oft vernachlässigte Part

Pfarrerin Ursula Hausen spricht bei der Volkshochschule über die „weibliche Seite Gottes“

Von Petra Neumann

MURRHARDT. Gerade in den monotheistischen Religionen wurde das männliche Prinzip Gottes als alleiniges in den Vordergrund gestellt. Doch kann diese Einseitigkeit Vollkommenheit bedeuten? Sicherlich nicht. Was aber symbolisiert die in den Hintergrund getretene „weibliche Seite Gottes“? Pfarrerin Ursula Hausen ging in ihrem spannenden Vortrag bei der Volkshochschule Murrhardt diesem Thema nach. Die verschiedenen Religionen sind nicht als ehern und in Stein gemeißelt anzusehen, sondern reflektieren das Verständnis des Menschen vom Ursprung allen Seins. Daher fließen immer wieder neue Aspekte der unerschöpflichen Vielfalt des Göttlichen ein. Die beiden Urprinzipien des Männlichen und Weiblichen sind in der Schöpfung getrennt, um zusammen das ewige Kind (das Neue) zu zeugen. „Das Männliche drückt sich im Bewusstsein um die eigene Individualität aus, das Weibliche beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen den bewussten Wesen, egal, ob es sich um Menschen, Engel oder andere Seinsformen handelt“, beschrieb Ursula Hausen ihre theologische Sicht.

Auf Malta finden sich uralte Zeugnisse früher Kulturen. Damals wurde die große Göttin in Gestalt von Bildern (Idolen) verehrt, deren Figur sehr üppig ausfällt und die Fruchtbarkeit der großen Erdenmutter symbolisiert; nicht selten in eine Schale gleich einer Mondsichel gebettet. „Doch ist ihr Leib nicht ungestalt, sondern trotz ihrer Fülle vom Göttlichen durchdrungen und schön“, unterstrich die Referentin. In der ägyptischen Kultur fällt der Göttin Isis, die mit Kuhhörnern und der Sonnenscheibe dargestellt wird, die Rolle der großen Mutter zu. Ihr Gemahl Osiris wird von seinem Bruder Seth getötet und zerstückelt, erst danach gebiert Isis das Kind Horus. Sie ist als Witwe voller Trauer um den Verlust des väterlichen Prinzips, das die Welt verlässt und im Geistigen aufersteht. Die Urkraft des Weiblichen bleibt jedoch präsent. Im Tempel zu Sais stand eine Statue, die die verschleierte Isis mit der kryptischen Inschrift zeigte: „Ich bin das All, das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.“

Die Gottesmutter Maria weist viele Züge dieser Isis auf, so Ursula Hausen, auch sie präsentiert ihr Kind, das mit dem Apfel des Weltenrunds spielt. Die drei Könige zeigen durch ihre Geschenke, dass die drei großen vorhergehenden Religionen sich vor dem Sohn Gottes verneigen: Gold steht für alle Weisheit der Vergangenheit, Myrrhe symbolisiert die Heilkraft des Göttlichen und Weihrauch die Gebetskräfte, so Ursula Hausen.

Eine weitere große Göttin wird in Ephesus als Urmutter dargestellt – Artemis. In Darstellungen ist sie mit einer Kette aller Tierkreiszeichen zu sehen, die Vorderseite ihres Körpers zeigt sich als einziger Quell des Fruchtbaren, sie trägt jedes Tier, jede natürliche Form in sich. Auf der Rückseite sind die verhüllte Sonnenscheibe sowie die Mondsichel zu sehen. In dieser Göttin sind also männliche und weibliche Kräfte vereint.

In der Offenbarung des Johannes taucht die apokalyptische Frau auf, die mit Maria gleichgesetzt wird. Sie steht auf der Mondsichel und ist bekrönt von zwölf Sternen. Ihre Gestalt steht für das Prinzip der Ordnung (Kosmos), während der Drache, der in dieser Vision auftaucht, die Zerstörung (Chaos) repräsentiert, doch erfolgreich bekämpft wird. „Maria zeigt, dass jeder Mensch den Geist des Christusprinzips in sich hervorbringt, sodass die ungeordneten destruktiven Kräfte keine Chance mehr haben“, unterstrich Ursula Hausen.

In der gotischen Kathedrale Notre-Dame von Chartres kulminieren in der Architektur alle geistigen Strömungen der damaligen Marienverehrung und Weisheit. Ein Gedicht des Scholastikers und Mönches Alanus ab Insulis (1120 bis 1202) thematisierte schon damals, wie achtlos der Mensch mit dem großen weiblichen Urprinzip, das sich in der Natur widerspiegelt, umgeht. Das sollte dem heutigen Menschen eine Warnung sein. Fauna und Flora sind weder unbewusst noch unintelligent, sondern stehen für ein hohes geistiges Bewusstsein, das man nicht instrumentalisieren und ausbeuten sollte, sondern in seiner Wesenhaftigkeit ehren und achten, so die Pfarrerin.