„Der Mensch steht im Mittelpunkt“

Die Leute von nebenan (5): Mitarbeiterinnen der professionellen Nachbarschaftshilfe sind dort zur Stelle, wo es nötig ist

Nicht nur mit dem Alter, sondern auch nach oder während einer schweren Krankheit brauchen viele Menschen Hilfe bei der Bewältigung des Alltags – sei es nun beim Einkaufen, Putzen oder Kochen. Nicht immer sind Freunde und Verwandte in der Nähe, um ihnen beizustehen. Für solche Fälle gibt es dann die professionelle Nachbarschaftshilfe.

Anna Güllich ist eine von rund 30 Mitarbeiterinnen der Nachbarschaftshilfe bei der evangelischen Diakoniestation Backnang. Für ihre Klienten kauft sie beispielsweise ein. Foto: A. Becher

Von Silke Latzel

BACKNANG. Nicht immer, aber meistens ist die professionelle Nachbarschaftshilfe ein Angebot sozialer Einrichtungen, das grundsätzlich von jedem in Anspruch genommen werden kann. „Das ist allerdings ein alter Begriff, heute nennen wir es eher ,Alltagshilfe‘,“ erklärt Sabine Schröger, Einsatzleiterin der Nachbarschaftshilfe bei der evangelischen Diakoniestation Backnang.

Wichtig ist Schröger vor allem klarzustellen, dass ihre Mitarbeiterinnen keine Putzfrauen sind. Denn das Ziel der Nachbarschaftshilfe ist es zwar, den Menschen bei einfachen Aufgaben wie waschen, bügeln, einkaufen oder eben auch leichten Reinigungsarbeiten zu helfen, sie aber so gut es geht mit einzubeziehen. „Selbstständig zu bleiben, ist sehr wichtig“, so Schröger. Auch pflegerische Tätigkeiten übernehmen die Mitarbeiterinnen nur in einem eng begrenzten Rahmen, die schon vor der Körperpflege aufhört. Deshalb bezeichnet Schröger die Menschen, die die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen, auch nicht als Patienten, sondern als Klienten.

Schrögers Aufgabe ist es, ein Team von rund 30 Mitarbeiterinnen und etwa 100 Klienten in Backnang zu koordinieren – nicht immer ganz einfach, Flexibilität wird dabei ganz groß geschrieben. „Unsere Mitarbeiterinnen kommen aus sehr unterschiedlichen beruflichen Bereichen, manche haben studiert, andere gar keine Ausbildung. Oft sind es Rentnerinnen oder Mütter, die wieder ein paar Stunden in der Woche arbeiten wollen, wenn die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen.“ Wer sich gerne in der Nachbarschaftshilfe engagieren möchte, wird erst einmal zu einem Gespräch eingeladen, begleitet danach eine erfahrene Mitarbeiterin zu den Klienten. Man lernt sich kennen, klärt ab, welche Art von Arbeiten erledigt werden soll und wann die Mitarbeiterin vorbeikommen kann. Dokumentiert wird alles in einer Mappe, diese bleibt im Haus oder in der Wohnung der Klienten. „So können auch die Verwandten sehen, wer wann da war und was gemacht wurde“, so Schröger. Zudem erleichtert es die Übergabe, falls die Mitarbeiterin krank wird und vertreten werden muss.

Mitarbeiterinnen sind manchmal fast wie Seelsorger

Was genau die Mitarbeiterinnen bei den Klienten machen sollen, wird individuell besprochen, es gibt kein Standardprogramm. Kann der eine nicht mehr alleine einkaufen gehen, tut sich der andere vielleicht schwer damit die Betten zu beziehen. „Oft ist es den Menschen aber auch gar nicht so wichtig, dass jetzt die Küche aufgeräumt wird oder die Fenster geputzt werden. Es ist viel mehr die Gesellschaft, die geschätzt wird. Dass da jemand ist, mit dem man sprechen kann und der einem zuhört, vielleicht Plätzchen backt, Lieder singt oder mit dem man alte Fotoalben ansehen kann – das ist für viele unserer Klienten wichtiger als alles andere“, erklärt die Einsatzleiterin und ergänzt: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Natürlich sehen wir auch, wenn ein Raum mal wieder dringend gesaugt werden müsste. Aber wenn es in dem Moment wichtiger ist, einfach da zu sein und aktiv zuzuhören, dann bleibt der Haushalt auch mal liegen, das völlig in Ordnung. Teilweise sind die Mitarbeiterinnen für unsere Klienten dann auch so etwa wie ein Seelsorger, mit dem man viele Gedanken teilt, die man nicht mal den engsten Familienmitgliedern erzählen würde.“

Nicht ganz einfach ist in diesem Zusammenhang ab und an der Umgang mit Angehörigen: „Der Schwerpunkt unserer Arbeit wird von Angehörigen oft anders gesehen, als von den Klienten selbst. Eben wenn wir beispielsweise einmal nicht wie besprochen die Wohnung saugen, weil es dem Klienten wichtiger war, spazieren zu gehen oder über Sorgen, Probleme und Ängste zu sprechen.“

Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein einfacher Job aussieht, erfordert in Wahrheit sehr viel Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich auf die Bedürfnisse verschiedener Menschen einzustellen und auf sie einzugehen. Auch werden die Mitarbeiterinnen oft mit schweren Krankheiten konfrontiert, müssen sich um demente Menschen kümmern und sind deshalb auch in Erster Hilfe geschult. „Das müssen sie auch sein, denn es passiert nicht gerade selten, dass jemand gestürzt ist und man dann der Erste ist, der das bemerkt.“

Hin und wieder sind die Mitarbeiterinnen nicht nur Hilfe für die Klienten selbst, sondern auch für deren Partner. „Da kann es dann beispielsweise sein, dass sich eine Frau, die ihren kranken Mann pflegt, eine Auszeit gönnt, zum Friseur oder einfach eine Runde spazieren geht und ein bisschen Zeit allein genießt – und gleichzeitig weiß, dass im Notfall jemand im Haus ist und der Partner nicht auf sich allein gestellt.“

Wer die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen möchte, muss sich darauf einstellen, nicht sofort bedient werden zu können. „Wir bekommen viele Anfragen, aber gerade im Winter ist immer etwas Luft nach oben und wir haben freie Kapazitäten, weil unserer Erfahrung nach ältere Menschen in der kalten Jahreszeit häufiger sterben oder in Pflegeheime gebracht werden“, sagt Schröger. Da kann es sein, dass sich die Wartesituation innerhalb weniger Tage ändert. Wer sich allerdings noch selbst um seine Angehörigen kümmert und beispielsweise in den Sommerferien für einen begrenzenden Zeitraum die Nachbarschaftshilfe braucht, um etwa selbst mal für einige Zeit in den Urlaub zu fahren, muss sich ranhalten: „Vor den Sommerferien haben wir besonders viele Anfragen und eine Warteliste von fast einem halben Jahr.“ Wieso? Ganz einfach: Denn auch Schrögers Mitarbeiterinnen möchten im Sommer verständlicherweise in den Urlaub fahren.

Direkte Auswirkungen auf die Nachbarschaftshilfe und deren Wirkungsbereich hat vor allem eine gesellschaftliche Entwicklung, die Schröger wie folgt erklärt: „Die Familienstrukturen haben sich im Laufe der Zeit einfach geändert. Die Kinder wohnen oft nicht mehr im selben Ort wie die Eltern, sind beruflich eingespannt oder oftmals sogar selbst schon Rentner, wenn die Eltern hilfsbedürftig werden. Mehrgenerationenhäuser, wie es sie früher oft gab, sind heute selten geworden, es gibt sie nur noch im ländlichen Raum.“ Einsamkeit spiele eine große Rolle, man habe zur Familie oft nicht mehr so viel Kontakt, wie man es sich wünschen würde. Und eben hier setzt die Nachbarschaftshilfe an.