Den Wert des Gemüses wieder schätzen

Die Demeter-Gärtnerei in Großhöchberg kann durch das Konzept einer solidarischen Landwirtschaft überleben

Noch schnell ein paar Tomaten, Salat und die Zucchini: So schnell kann’s beim Einkauf im Supermarkt gehen. Vergessen wird dabei, dass in jedem Produkt viel Arbeit und noch mehr Zeit steckt. Mit der Form der solidarischen Landwirtschaft können sich kleine Betriebe über Wasser halten, Mitglieder bekommen saisonale Lebensmittel direkt aus der Region.

In der Gärtnerei von Florian Keimer wird beim Anbau komplett auf den Einsatz chemischer Mittel und Mineraldünger verzichtet. Fotos: A. Becher

Von Sarah Schwellinger

SPIEGELBERG. Wer viel Land besitzt, der bekommt viel Geld – nach diesem Grundsatz werden EU-Gelder an Landwirte verteilt. Folge: Wer bereits viel hat, kann noch mehr investieren. Flächenstarke Betriebe werden weiter gefördert, kleinere Betriebe müssen kämpfen. Mit eben diesem finanziellen Problem hatte auch die Demeter-Gärtnerei in Großhöchberg zu kämpfen. Inhaber Florian Keimer gibt zu: „Wir standen vor ein paar Jahren mit dem Rücken zur Wand.“

Ein Ausweg sah das Team der Gärtnerei in der solidarischen Landwirtschaft. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Eine Gruppe von Verbrauchern schließt sich mit einem landwirtschaftlichen Betrieb zusammen. Die Gruppe trägt die Kosten des Betriebs, die Ernte wird geteilt. Das heißt auch: viel Ernte – viele Lebensmittel für alle, wenig Ernte – wenig für alle. Im Jahr 2014 startete Keimer mit 13 Mitgliedern das Projekt, heute sind es schon 83 Mitglieder, die das Projekt tragen. „Die Grundidee ist eigentlich die, wieder den unmittelbaren Bezug zum Gemüse zu haben“, erklärt Keimer. Denn weder wächst Ackersalat in Plastik verpackt im Supermarktregal, noch gibt’s in der Region Zucchini im Dezember.

Der Spiegelberger Betrieb ist mit seinen zweieinhalb Hektar Land groß genug, um 300 Mitglieder zu versorgen. Als daraus berechneter Richtwert werden pro Person im Monat 90 Euro veranschlagt. Aber: Nicht jeder muss diesen Betrag zahlen. Jeder zahlt das, was er kann und auch zahlen möchte. Im Gegenzug wird angenommen, dass sich auch jeder an Gemüse und Kartoffeln nur das nimmt, was er braucht. Die Gärtnerei hat momentan sieben Verteilräume eingerichtet, wo sich die Mitglieder ihr Gemüse abholen. Was bereitgestellt wird, hängt natürlich davon ab, was gerade auf dem Feld wächst: „Ich schaue auf den Acker und überlege, was gibt’s, was muss weg und welche Abwechslung kann ich anbieten?“ Durchs Jahr baut die Demeter-Gärtnerei 70 Kulturen an. Über ein selbst entwickeltes System kann Keimer abfragen, wer von welchem Gemüse mehr oder weniger möchte. „Das macht das Ganze planbar fürs nächste Jahr“, denn mit jedem Einkauf tätigt der Käufer auch gleich wieder eine Bestellung. „Kein Supermarkt wird in Masse Waren anbieten, die er nicht loskriegt.“ Wie viel er für jedes der Mitglieder bereitstellt, schätzt Keimer: „Ein Erwachsener muss in der Woche damit satt werden.“

Die Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft in Großhöchberg sind laut Keimer eine bunt gemischte Gruppe: Familien, Alleinstehende, Rentner, Studenten. Wer möchte, kann jeden zweiten Samstag im Monat direkt mit anpacken. „Bei manchen Betrieben ist Mithelfen ein Muss, wir lassen das jedem offen“, sagt Keimer.

Der Gärtner überschlägt. Wären die Einwohner von Großhöchberg, Dauernberg, Vorderbüchelberg und Kurzach Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft in Großhöchberg: „Dann könnte auf der Welt sonst was passieren, wir wären versorgt.“