Tür an Tür mit der ganzen Welt

Serie: Die Leute von nebenan (6): In der Asylbewerberunterkunft in der Hohenheimer Straße leben Menschen aus zwölf Ländern

In der Hohenheimer Straße 38 trifft sich die ganze Welt: 150 Menschen aus zwölf Nationen leben in der Backnanger Flüchtlingsunterkunft. Das Zusammenleben verschiedenster Kulturen auf engem Raum ist nicht immer einfach, aber es muss irgendwie funktionieren. Länger als nötig will allerdings keiner der Bewohner hier bleiben.

Die schwäbische Kehrwoche ist auch in der Flüchtlingsunterkunft angekommen, bei der praktischen Umsetzung gibt es allerdings noch Probleme.

Von Kornelius Fritz

Prince Ejike und Joseph Hope teilen sich ein Zimmer: 14 Quadratmeter, Linoleumboden, kahle Wände. Die wenigen Möbel sind bunt zusammengewürfelt, im Hintergrund läuft der Fernseher ohne Ton. Schon seit vier Jahren leben die Nigerianer in einem Raum – früher im Hotel Holzwarth, seit September 2017 im ehemaligen Landwirtschaftsamt in der Hohenheimer Straße. Die beiden verstehen sich gut, sie kochen zusammen und machen gemeinsam Musik, trotzdem hat Prince Ejike nur einen Wunsch: Endlich eine eigene Wohnung. „Ich brauche Privatsphäre“, sagt der 34-Jährige. Er arbeitet in der Produktion bei einem Automobilzulieferer in Waiblingen. Wenn er von der Nachtschicht nach Hause kommt und seine Ruhe haben will, steht sein acht Jahre jüngerer Mitbewohner gerade auf, will frühstücken oder Musik hören. „Er ist ein guter Junge, aber es ist schwierig“, sagt Ejike und seufzt. Eine Wohnung im Großraum Stuttgart zu finden, ist für einen mit seiner Hautfarbe und seinem Budget zurzeit fast aussichtslos.

Die Bewohner in der Hohenheimer Straße sind fast alle anerkannte Asylbewerber, dürfen also dauerhaft in Deutschland bleiben. Viele besuchen Sprach- und Integrationskurse, einige haben bereits einen festen Job. Trotzdem leben sie mangels Alternativen weiterhin in der städtischen Notunterkunft.

Integrationsmanager achten

auf kulturelle Unterschiede

Dafür zu sorgen, dass das Zusammenleben hier funktioniert, ist die Aufgabe der Integrationsmanager Sandra Amofah und Benjamin Wurst. Die beiden Sozialarbeiter sind beim Verein Kinder- und Jugendhilfe angestellt, der im Auftrag der Stadt die Betreuung der Unterkunft übernommen hat. Sie entscheiden auch darüber, wo Neuankömmlinge untergebracht werden. In den Modulbauten am Rand des Geländes gibt es abgeschlossene Wohnungen für Familien mit Kindern, in den Wohncontainern und den Zimmern im ehemaligen Landwirtschaftsamt leben vor allem alleinstehende Männer, die ehemalige Hausmeisterwohnung teilen sich zurzeit fünf Frauen, eine davon hat ihr Kind mit dabei.

Bei der Belegung der Zimmer achten die Integrationsmanager auch auf kulturelle Unterschiede: Afrikaner haben andere Lebensgewohnheiten als Araber, Christen andere als Muslime, und selbst zwei Familien aus Syrien passen nicht unbedingt zusammen, wenn die eine kurdisch und die andere sunnitisch ist. „Wenn wir die Möglichkeit haben, achten wir darauf“, sagt Benjamin Wurst. Wichtig sei auch die Verständigung: „Neulich wohnten zwei Frauen aus Guinea, die nur Französisch sprachen, in einer Wohnung mit einer Frau aus Eritrea, die kein Französisch kann. Das ging nicht gut“, erzählt der Sozialarbeiter.

Manchmal treten kulturelle Unterschiede aber auch dort zutage, wo man sie gar nicht erwartet – etwa auf der Toilette. Ejike erzählt von seinen pakistanischen Nachbarn, die kein Toilettenpapier verwenden, sondern stattdessen Wasser, das sie in Flaschen und Eimern auf der Toilette deponieren. Hinterher sei dann der ganze Raum überschwemmt.

Das unterschiedliche Verständnis von Sauberkeit ist ohnehin eines der Dauerthemen in der Unterkunft. Der Versuch der Bewohner, in Eigenregie einen Putzplan aufzustellen, ist gescheitert. Jetzt macht Sandra Amofah die Liste und hängt sie an jede Zimmertür: „Es war der Wunsch der Bewohner, dass wir ein wachsames Auge darauf haben“, erzählt sie. Trotzdem läuft noch immer nicht alles rund. Vergangene Woche waren Filmon Brahne und drei seiner Mitbewohner zum Dienst eingeteilt. Geputzt haben sie am Ende zu zweit: „Die beiden anderen habe ich nicht gesehen“, erzählt der 24-Jährige aus Eritrea.

„Das sind halt die üblichen WG-Probleme“, sagt Benjamin Wurst. Auch Lärm ist immer wieder ein Streitpunkt, vor allem in den hellhörigen Modulbauten und Wohncontainern. Insgesamt funktioniere die Nachbarschaft in der Hohenheimer Straße aber ganz gut, finden die Integrationsmanager. „Die Bewohner sind eigentlich sehr tolerant“, sagt Sandra Amofah. Auch von den deutschen Nachbarn gebe es kaum Beschwerden.

Im Sommer wird auch mal zusammen gefeiert

Was das Zusammenleben erleichtert, ist die Tatsache, dass die Unterkunft momentan nicht voll belegt ist. Als das Gelände während der Flüchtlingskrise vor drei Jahren noch dem Landkreis als Notunterkunft diente, lebten hier mehr als 200 Menschen. Bis zu sechs Personen hausten damals in einem Zimmer, selbst Familien mit Kindern mussten sich eine Wohnung mit Fremden teilen.

Heute gibt es in der Hohenheimer Straße wieder freie Betten. Das gibt den Sozialarbeitern auch mal die Möglichkeit, einen schwierigen Bewohner in einen anderen Bereich umzuquartieren: „Dadurch lassen sich viele Konfliktsituationen vermeiden“, sagt Benjamin Wurst.

Bei allen Problemen gibt es aber auch die schönen Momente in der Hohenheimer Straße. Der städtische Flüchtlingskoordinator Lutz Heidebrecht erinnert sich an ein Nachbarschaftsfest im vergangenen Sommer: „Die Syrer haben Essen gebracht, die Nigerianer haben Musik gemacht.“ Und dazwischen hätten die Kinder zusammen gespielt, denen Herkunft und kulturelle Unterschiede ohnehin ziemlich egal sind. Auch die deutschen Nachbarn aus der Hohenheimer Straße waren eingeladen. Von denen, sagt Heidebrecht mit Bedauern, habe sich allerdings fast keiner blicken lassen.