120 Kunden von Betrug bei Stadtwerken betroffen

Geschädigte bekommen in den nächsten Wochen ihr Geld zurück – Gesamtschaden liegt im sechsstelligen Bereich

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Rund 120 Kunden der Stadtwerke Backnang werden in den kommenden Wochen Geld zurückbekommen, das ein ehemaliger Mitarbeiter auf sein eigenes Konto umgeleitet hatte. Im vergangenen Oktober war der Fall bekannt geworden (wir berichteten). Stadtwerke-Geschäftsführer Markus Höfer hatte damals von der Bank einen Hinweis auf Unregelmäßigkeiten erhalten und Anzeige erstattet. Zwei Tage später wurde der 47-jährige Sachbearbeiter festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Laut Staatsanwaltschaft Stuttgart steht das Ermittlungsverfahren inzwischen kurz vor dem Abschluss. Einen Prozesstermin gibt es aber noch nicht.

Bei den Stadtwerken, die zu 51 Prozent der Stadt Backnang und zu 49 Prozent der EnBW gehören, hat man sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Aufarbeitung des Falls beschäftigt. Die Prüfung durch eigene Mitarbeiter und einen externen Wirtschaftsprüfer hat ergeben, dass zwischen Sommer 2015 und Herbst 2018 rund 220 Zahlungen auf private Konten des Mitarbeiters geflossen sind – insgesamt ein „deutlich sechsstelliger Betrag“, so Höfer, eine genaue Summe will er nicht nennen.

Die Betrügereien begannen bereits wenige Monate, nachdem der Mitarbeiter seine Tätigkeit im Kundenservice der Stadtwerke aufgenommen hatte. Dabei bediente sich der Mann verschiedener Tricks. Zum einen erstattete er sich Guthaben, die eigentlich an Kunden ausbezahlt werden sollten. Da diese für Gas, Strom und Wasser üblicherweise monatliche Abschlagszahlungen leisten, kann es vorkommen, dass sie zu viel bezahlt haben. Dies wird bei der jährlichen Abrechnung ausgeglichen. Bei Kunden, die den Stadtwerken eine Abbuchungsermächtigung erteilt haben, wird das Guthaben automatisch verrechnet, Selbstzahler erhalten eine Erstattung. In rund 120 Fällen habe der Mitarbeiter, bevor er diese Erstattungen veranlasste, im EDV-System die Bankverbindung geändert und so dafür gesorgt, dass das Geld auf sein eigenes Konto floss.

Aber wieso haben sich die betroffenen Kunden nicht gemeldet? Laut Höfer konzentrierte sich der Betrüger auf „inaktive Kunden“, also solche, die umgezogen waren oder den Anbieter gewechselt hatten. Diesen war offenbar gar nicht bewusst, dass ihnen noch Geld zustand. „Wir haben uns selbst gewundert, aber es hat nie Beschwerden gegeben“, versichert der Stadtwerke-Geschäftsführer. Alle betroffenen Kunden werden laut Höfer noch in diesem Monat angeschrieben. Das zu viel gezahlte Geld wird ihnen erstattet, bei älteren Fällen zuzüglich Zinsen.

Der Ex-Mitarbeiter veranlasste aber auch fingierte Erstattungen über Abrechnungskonten, auf denen gar kein Guthaben bestand. Damit das nicht auffiel, erfasste er im EDV-System gleichzeitig eine Rückzahlungsvereinbarung per Ratenzahlung. Dem Minus auf dem Konto stand damit eine Forderung in der Zukunft gegenüber. Die Kunden merkten davon nichts, ein Schaden entstand bei dieser Masche nur dem Unternehmen. „Das hat mit kleinen Summen angefangen und sich dann gesteigert. Am Schluss ist der Mut sehr groß gewesen“, berichtet Markus Höfer.

Wie viel von dem veruntreuten Geld noch übrig ist und von dem Ex-Mitarbeiter bei einer Verurteilung zurückgefordert werden kann, ist noch unklar. Ebenso, ob und in welcher Höhe die Versicherung einspringt. „Wir hoffen natürlich, dass wir möglichst eben aus der Sache rauskommen“, erklärt Höfer.

Intensiv hat man sich bei den Stadtwerken auch mit der Frage beschäftigt, wieso die Betrügereien erst so spät entdeckt wurden und wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Aufgrund der Masse an Buchungen – die Stadtwerke haben rund 15000 Kundenkonten – sei eine manuelle Kontrolle aller Zahlungen unmöglich, erklärt Höfer. Stichproben gab es auch in der Vergangenheit, der 47-Jährige hatte aber wohl Glück.

Der Geschäftsführer setzt deshalb auf verbesserte automatische Kontrollmechanismen. Unabhängig von dem Betrugsfall war dieses Jahr ohnehin ein Wechsel auf ein neues Abrechnungssystem geplant. Dort wollen die Stadtwerke nun zusätzliche Barrieren einbauen. So könnte das System künftig beispielsweise abgleichen, ob bei mehreren Kunden dieselbe IBAN-Nummer hinterlegt ist und in diesem Fall einen Hinweis geben.

Für Markus Höfer ist allerdings auch klar, dass sich fast jedes System mit hoher krimineller Energie überlisten lässt. Und er will wegen dieses Einzelfalls nicht alle Mitarbeiter unter Generalverdacht stellen: „Es ist nicht unser Ziel, ein System des Misstrauens aufzubauen.“