Ski-Adler, die durchs Lautertal fliegen

Serie: Bewegende Sportmomente (7) 2500 Fans verwandelten vor 17 Jahren das letzte Spiegelberger Skispringen in ein Volksfest

„Springer vor Traumkulisse“, titelte der Schwarzwälder Bote und unsere Zeitung schrieb vom „Volksfest im Lautertal“. In der Tat glich es einer Massenwanderung, als vor 17 Jahren das bislang letzte Mal Skispringer über die Schanze in Spiegelberg gingen. Und das vor 2500 Zuschauern, die – was sie damals wohl noch nicht ahnten – spätere und zum Teil noch heute aktive Weltklassesportler in den Anfängen ihrer Karriere begleiteten.

Erinnern sich noch gerne an die Wettkämpfe auf der 40-Meter-Schanze (von links): Spiegelbergs einstige Skisprunggrößen Harald Maurer und Kurt Föll sowie Bürgermeister Uwe Bossert. Mittlerweile ist der Bakken im Lautertal nicht mehr die Heimat kühner Jungs und Mädels, sondern kämpft dagegen an, dass sie von der Natur nicht vollends aus dem Blickfeld gedrängt wirdFoto: A Becher

Von Uwe Flegel

Eine Frage wird sich vermutlich nie mehr klären lassen. Warum stand die spätere Olympiasiegerin und vierfache Weltmeisterin Carina Vogt auf der Starterliste, ist aber nirgends auf der Ergebnisliste zu finden? Bürgermeister Uwe Bossert hat heute noch keine Antwort. Der vor wenigen Wochen unerwartet verstorbene Macher des Springens Hans Schwenzer war sich zwar nie ganz sicher, glaubte aber, „dass sie kurzfristig krank geworden ist“. Was immer der Grund dafür auch war: Das Fehlen der damals gerade neun Jahre alten Springerin aus Waldstetten tat der Begeisterung am 20. Januar 2002 in Spiegelberg keinen Abbruch. Harald Maurer spricht noch heute von einem „Ausnahmezustand“ und sein alter Mitstreiter Kurt Föll schwärmt mit glänzenden Augen: „Das war einfach phänomenal.“ 2500 Zuschauer sorgten für ein Erlebnis, das bei fast allen Beteiligten für immer unvergesslich bleibt.

Dabei hatten der 63-jährige Harald Maurer und der ein paar Jahre ältere Föll ihre eigene Sprungkarriere längst beendet, waren nur noch als Helfer und Zuschauer dabei, als vor allem Nachwuchsspringer aus dem Schwarzwald, von der Schwäbischen Alb und aus Degenfeld die Schanze im Lautertal wiederbelebten. Denn Skispringen in Spiegelberg war einst nicht gerade alltäglich, aber nicht gerade selten. Zum ersten Mal wurde 1932 auf dem Bakken an der Ochsenwaide gesprungen und der Norweger Blankvandsbraaten, der im Schwarzwald als Trainer tätig war, gewann mit 25 Metern. Selbst in den Kriegsjahren wurde dort und am Spiegelberger Steilhang gesprungen, obwohl die Anlage für Wettkämpfe bereits längst gesperrt war.

Schneemangel wird

für Spiegelbergs Springer

immer öfter zum Problem

1952 wurde dann die unweit der Ochsenwaide liegende Lautertalschanze eingeweiht, die deutlich größere Weiten zuließ. Erster Sieger auf der Anlage, deren sogenannter Kritischer Punkt bei 40 Metern liegt, war Horst Taubenberger vom SVS Stuttgart mit 35 Metern. Wettkämpfe und Meisterschaften im Lautertal waren in jenen Jahren keine Seltenheit, wurden aber im Lauf der Zeit immer seltener. Der Schnee fehlte zusehends. Kurt Föll erzählt: „Es kam immer öfter vor, dass wir alles fertig hatten, dann schlug über Nacht das Wetter um, es hat geregnet und wir hatten nur noch Matsch und Wasser. Oft mussten wir über Nacht alles zusammenpacken, sind in den Schwarzwald gefahren, damit wir dort die Bezirksmeisterschaft doch noch ausrichten konnten.“ Titelkämpfe, bei denen die Sportler aus dem kleinen Spiegelberger Sprungteam mit Föll, den Brüdern Emil, Harald und Jürgen Maurer, Kurt Huleja, Rüdiger Bordt und anderen oft weit vorne landeten. Harald Maurer erinnert sich an 1973, als bei den Titelkämpfen im Schwäbischen Skiverband nur der Schwarzwälder Klaus Faißt weiter sprang als er. Die Konkurrenz staunte.

Dass kühne Jungs und Männer aus dem Lautertal an den Start gingen, wurde aber mehr und mehr die Ausnahme. Wie auch Wettkämpfe in Spiegelberg. 1985 gab es noch mal einen und der Schwarzwälder Dieter Seiferling sprang mit 41,5 Metern den bis heute gültigen Schanzenrekord. Danach dauerte es 17 Jahre ehe gegenüber der Abzweigung nach Dauernberg ein lang anhaltendes „Ziiieeeeeeeeh“ ertönte. Entscheidend dafür war Hans Schwenzer, der nach dem vierfach Triumph Sven Hannawalds bei den vier Springen der Vierschanzentournee die Euphorie in Deutschland und die ausnahmsweise guten Schneeverhältnisse nutzte. „Ich war im Urlaub auf der Kanzelhöhe in Kärnten, als er mich angerufen und gefragt hat, ob er einen Testspringer über die Schanze lassen darf“, erinnert sich Bürgermeister Uwe Bossert. Der erteilte die Erlaubnis und an Silvester 2001 absolvierte der aus Gschwend stammende Kevin Horlacher ohne Probleme einen Probesprung. Was danach folgte, fasst Uwe Bossert so zusammen: „Ort und Verein haben zusammengehalten.“ Binnen drei Wochen sorgte Schwenzer mit seinen Kontakten zum Skisprungzentrum in Degenfeld, in den Schwarzwald und zu vielen Wintersportfans hier in der Region ein Teilnehmerfeld zusammen. Von den 37 gemeldeten Teilnehmern tauchen 28 in der Ergebnisliste auf. Darunter Springer, die später bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Weltcups starteten wie Pascal Bodmer (SV Meßstetten), Kevin Horlacher (SC Degenfeld) oder Melanie Faißt (SV Baiersbronn). Die sorgte mit Sabine Heinzmann (Degenfeld) für eine Premiere. Ausgerechnet beim vielleicht letzten Springen in der Geschichte der Lautertalschanze mischten das erste Mal Mädchen mit. Und: Als neunjähriger Steppke war einer dabei, der heute als Nordischer Kombinierer zur Weltelite zählt: Manuel Faißt, jüngerer Bruder von Melanie Faißt. Der weiteste Sprung gelang übrigens Kevin Horlacher mit 38,5 Metern.

Mindestens so beeindruckend wie die Leistungen der Jungs und Mädels, war allerdings die Kulisse. „Ein Trainer von Baiersbronn hat mir gesagt, dass seine Kinder so eine Begeisterung noch nie erlebt haben“, erzählt Kurt Föll, der sich mit Harald Maurer und Uwe Bossert einig ist: „Das war Wahnsinn.“ Bis runter nach Sulzbach parkten Autos. „Die Feuerwehr hat dafür gesorgt, dass auf der nahen Landstraße der Verkehr irgendwie noch geflossen ist“, erzählt der Bürgermeister und schmunzelt. Die Veranstaltung war so erfolgreich, dass unsere Zeitung verkündete: „Auf jeden Fall wird es sicher nicht wieder 17 Jahre dauern, bis ein tausendfaches Ziiieeeeeeeeh die Idylle im Lautertal stört.“ Die Geschichte zeigt: Journalisten können irren. Dabei wurden nach dem grandiosen Erlebnis einige Versuche gestartet, den Skisprung in Spiegelberg zu erhalten. Es gab sogar Gespräche zwischen Verein, Verband und Gemeindeverwaltung wegen einer sogenannten Mattenschanze, die Springen ohne Schnee ermöglicht hätte. Aus all den Träumen und Plänen wurde nichts. Entsprechend gering ist mittlerweile die Hoffnung, dass irgendwann noch einmal junge Ski-Adler das Lautertal bevölkern.

  In dieser Serie geht es um Sportereignisse, die im Murrtal und über die Region hinaus bedeutend waren. Zu denen die Zuschauer strömten oder die länger ein fester Teil der Sportszene waren. Wer Vorschläge hat, darf sich gern per E-Mail (sportredaktion@bkz.de) oder Telefon (07191/808-123) melden.