Außenblick und Austausch helfen

Murrhardter Kontaktstelle zur Alltagsgestaltung bei Demenz bietet Information und Gespräch – Zwei Angehörige berichten

Betreuung und ambulante Pflege sind in einer Gesellschaft, in der es immer mehr Hochbetagte und älter werdende Menschen gibt, ein wichtiges Thema. Dabei spielt auch die Erkrankung an Demenz eine größer werdende Rolle. Die Herausforderungen für Angehörige sind enorm. Sie reichen von einem Erkennen, über die Fragestellung, wie eine adäquate Hilfe und Begleitung aussehen kann, bis hin zur Einbindung des Umfelds.

Für Demenzkranke nehmen die Hürden im Alltag zu. Die Murrhardter Kontaktstelle möchte Betroffenen und Angehörigen dabei helfen, gute Weichen für die Gestaltung zu stellen. Foto: AdobeStock/beeboys

Von Christine Schick

MURRHARDT.Von den damit verbundenen Unsicherheiten und Belastungen für Betroffene, Familie und Umfeld wissen auch Patricia Wirth und Ute Guggenmos. Seit Herbst 2016 leiten sie ein Projekt bei der Volkshochschule und Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement Murrhardt, das sich mit dem Thema Demenz auseinandersetzt und Hilfestellung anbietet – die aufsuchende neutrale Kontaktstelle für Menschen mit Demenz, kurz Anker für Demenz. Anfangs mussten die Fachfrauen, die beide aus der Pflege kommen, viel Energie in die Öffentlichkeitsarbeit stecken. Mittlerweile ist ihr Angebot aber so bekannt, dass sich Angehörige, Nachbarn oder Personen des Umfelds von Betroffenen an sie wenden, um Unterstützung und Informationen zu erhalten.

Bei einem Treffen mit zwei Angehörigen, die ihren Namen nicht nennen möchten, um den Schutz der Betroffenen zu wahren, wird deutlich, dass es Parallelen genauso wie Unterschiede in den Geschichten der Demenzkranken gibt und ihnen die Gespräche mit Ute Guggenmos und Patricia Wirth von der Kontaktstelle gut getan und geholfen haben.

„Vor etwas mehr als einem Jahr ist mein Schwiegervater gestorben und meine Schwiegermutter in ein tiefes Loch gefallen“, erzählt die 53-jährige Murrhardterin. Zwar sei der Familie schon damals eine gewisse Vergesslichkeit aufgefallen, doch hätten sie diese stärker mit der Trauer in Verbindung gebracht. Nach einem Schlaganfall mit Krankenhaus- und Rehaaufenthalt aber sei die Demenzproblematik sichtbar geworden. Nun stand die Frage im Raum: „Wie schaffen wir das, wenn sie wieder nach Hause kommt?“ Zwar wohnen alle in einem Haus, und die Tochter signalisierte Unterstützung, trotzdem musste sich das Ehepaar vor dem Hintergrund der eigenen Berufstätigkeit überlegen, wie ein Alltag aussehen konnte. „Wir haben gesagt, wir kriegen das hin, aber man muss sich auch klar darüber sein, dass eine Demenz nicht mehr einfach vorübergeht.“ Die Familie hat Glück, dass sie auf einer Warteliste vergleichsweise schnell nachrückt und so eine Begleitungsmöglichkeit an drei Tagen in einer Murrhardter Pflegeeinrichtung erhält. An den beiden anderen Wochentagen wird eine Art privates Betreuungsnetz gestrickt – mit regelmäßigen Besuchen von Freunden sowie Essen auf Rädern. Die Gespräche mit den Fachfrauen helfen der 53-Jährigen, sich Infos abzuholen, manches besser einzuordnen und sich bewusst zu werden, dass auch andere in dieser Situation sind.

„Ich wusste vom Projekt aus Zeitungsartikeln und durch die Infostände auf dem Marktplatz“, sagt sie. Hätte es diese Anlaufstelle nicht gegeben, wäre sie gezielt bei der Reha auf die Fachleute dort zugegangen. Natürlich sei es auch für ihre Schwiegermutter erst einmal eine Umstellung gewesen. Wenn sie an den drei Tagen zur Betreuung außer Haus muss, heißt es, früh aufzustehen und sich fertigzumachen. Das Zusammensein mit den anderen Seniorinnen und Senioren bedeutet manchmal auch, dass sehr viele Eindrücke auf sie einstürmen.

Die Schwiegertochter geht davon aus, dass die 80-Jährige etwas von ihren Einschränkungen mitbekommt. „Manchmal sagt sie, ich und meine Demenz, oder mein Kopf hat Löcher.“ Beim Gespräch haben auch gezielte Informationen bei Alltagsfragen geholfen – beispielsweise der Hinweis, dass bei Demenzkranken schnell eine Überforderung eintreten kann. „Sei es bei einem übervollen Kleiderschrank oder einem üppig gedeckten Frühstückstisch“, berichtet Patricia Wirth. „Wir haben die Kleider etwas reduziert und Schilder am Schrank angebracht“, erzählt die 53-Jährige. „Manchmal stresst die Betroffenen auch eine Erwartungshaltung, die sie spüren. Besser ist es, sie nicht zu stark anwachsen zu lassen, sich zu sagen, vielleicht klappt es morgen ja wieder“, ergänzt Ute Guggenmos.

Auch für die zweite Angehörige waren die Informationen, der Blick von außen bei einem gleichzeitig individuellen Eingehen auf die Situation wichtig. „Ich hab erst mal im Internet recherchiert, aber da ist man auf einen Schlag mit 50000 Links konfrontiert“, sagt die 56-Jährige. Die Betroffene, ihre Mutter, lebt etwas weiter entfernt, aber noch im Rems-Murr-Kreis. Auch bei ihr haben Trauerereignisse – der Tod eines Sohns und des Manns – eine Rolle gespielt. „Manchmal kann das Vergessen ja auch gnädig sein.“ Dann fällt aber auf, dass bestimmte Fragen der 84-Jährigen bei Telefongesprächen immer wieder auftauchen. Besuche der Enkel halfen in der Trauerphase. Noch nicht ganz einig sind sich die Geschwister darin, ob und wie eine Unterstützung von außen erfolgen soll. „Ich denke, es wäre gut, wenn jemand außerhalb der Familie mit meiner Mutter Kontakt hätte, sie redet gerne mit Leuten, es wäre eine Bereicherung“, sagt die 56-jährige Murrhardterin. Im Gespräch bekommt sie auch Anregungen, was Angehörige machen können, wenn sie sich sorgen – beispielsweise die Möglichkeit, durch einen unangemeldeten Besuch zu erfahren, ob die Betroffenen ihre Medikamente genommen und auch gegessen haben. „Bei Uneinigkeit in der Familie kann manchmal auch eine Diagnose mehr Klarheit in die Situation bringen“, sagt Ute Guggenmos. Dabei seien Mischformen beziehungsweise Übergänge zwischen Depression und Demenz keine Seltenheit. „Das ist nicht immer trennscharf. Die Frage, was war zuerst da, ist wie die nach der Henne und dem Ei.“

„Für mich wäre eine Unterstützung nicht nur in pflegerischer Hinsicht wichtig, sondern ebenso mit Blick auf die Lebensqualität und dass meine Mutter auch außerhalb der Familie wieder neue Anregungen hat“, meint die 56-jährige Tochter.

Beide Frauen sind sich einig, dass die Anlaufstelle durch ihre Neutralität einen wichtigen Beitrag leistet. „Das Projekt ist ja auch an die Volkshochschule angegliedert und ich finde, das entspricht auch unserem Bildungsauftrag. Eine Auseinandersetzung mit den Entwicklungen einer älter werdenden Gesellschaft halte ich für sehr wichtig“, sagt Birgit Wolf, Leiterin von Volkshochschule und Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement, die gemeinsam mit Monika Amann, Demenzfachberaterin des Kreises, das Projekt begleitet.

Mit der Entwicklung der Krankheit und den Lebensumständen verändern sich auch wieder die Fragen. Ute Guggenmos und Patricia Wirth wissen zudem, dass es nie die ultimative Lösung gibt. Die 53-Jährige nickt und sagt: „Ich denke, wir müssen immer wieder reflektieren, fragen, geht es uns noch gut? Anders funktioniert es sowieso nicht.“

Die aufsuchende neutrale Kontaktstelle für Menschen mit Demenz nahm im Herbst 2016 ihre Arbeit auf. Aufbauen konnten Patricia Wirth und Ute Guggenmos auf den Erkenntnissen des Projekts, das schon zuvor im Rahmen von „Lokale Allianzen für Demenz“ angeboten wurde. Im Zentrum steht das Informationsgespräch im häuslichen Umfeld mit Analyse der Familiensituation und Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten zur Unterstützung, um Betroffene möglichst lange zu Hause zu betreuen – flankiert von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit, um auch die Hemmschwelle für eine Kontaktaufnahme zu senken.

Das Projekt läuft voraussichtlich bis Ende 2019. Es wird durch Mittel des Lands und des Kreises finanziert.