Flüchtlingsunterkünfte reichen vorerst

Stadt Backnang muss dieses Jahr nur noch 28 Asylbewerber unterbringen – Integrationsmanagement soll ausgeweitet werden

Vor einem Jahr gab es im Backnanger Rathaus noch Überlegungen, unterhalb des Viadukts ein Containerdorf für Flüchtlinge einzurichten. Inzwischen ist klar: Das wird nicht nötig sein. Die Situation hat sich entspannt, die Zahl der Neuankömmlinge ist deutlich gesunken. Nun liegt das Hauptaugenmerk darauf, die rund 700 Geflüchteten, die bereits in Backnang leben, zu integrieren.

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Nur noch 28 Asylbewerber wird der Landkreis der Stadt Backnang in diesem Jahr für die sogenannte Anschlussunterbringung zuweisen – das sind in etwa so viele wie vor Beginn der Flüchtlingskrise im Jahr 2015. In den Jahren dazwischen hatten sich die Zahlen vervielfacht: 2017 musste die Stadt für 248 Asylbewerber eine Bleibe finden.

Im Verwaltungs- und Finanzausschuss des Gemeinderats präsentierten Erster Bürgermeister Siegfried Janocha und Ordnungsamtsleiterin Gisela Blumer nun die aktuellen Zahlen. Demnach leben aktuell 709 Geflüchtete in Backnang, fast die Hälfte davon stammt aus Syrien (353). Mit deutlichem Abstand folgen Afghanen (80) und Iraker (67), etwa 100 Geflüchtete kommen aus afrikanischen Ländern wie Nigeria, Gambia, Togo oder Eritrea. Die große Mehrheit der Asylbewerber ist anerkannt oder besitzt zumindest einen sogenannten subsidiären Schutz oder eine Duldung. Lediglich 42 der in Backnang lebenden Flüchtlinge haben laut Blumer keine Bleibeperspektive. Erfreulich ist aus Sicht von Siegfried Janocha, dass die Mehrheit der Geflüchteten, nämlich 406 Personen, eine Unterkunft auf dem freien Wohnungsmarkt gefunden hat. Dies sei vor allem der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer in der Flüchtlingshilfe zu verdanken, aber auch die kommunale Wohnraumvermittlung der Stadt habe ihren Teil dazu beigetragen. Allerdings stünden die Chancen je nach Herkunftsland sehr unterschiedlich: Während etwa Syrer recht häufig auf dem freien Wohnungsmarkt fündig werden, seien Menschen aus afrikanischen Ländern „kaum vermittelbar“. Ihnen bleiben oft nur die Gemeinschaftsunterkünfte der Stadt.

Von denen gibt es in Backnang momentan fünf Stück: in der Hohenheimer Straße, in der Stuttgarter Straße (früheres Archiv), in der Fabrikstraße, in der Gartenstraße und am Etzwiesenberg (ehemalige Volkshochschule). 263 Personen wohnen dort insgesamt, weitere 40 Flüchtlinge leben in Wohnungen, die der Stadt oder der Städtischen Wohnbau gehören. Von den Gemeinschaftsunterkünften ist zurzeit keine voll belegt, sodass Janocha keine Notwendigkeit sieht, weitere einzurichten. Allerdings muss Ersatz her für die etwa 50 Plätze, die in der Hohenheimer Straße durch die Erweiterung der Waldorfschule wegfallen. Ein Teil der Bewohner wird deshalb in einen neuen Holzmodulbau in der Fabrikstraße umziehen. Neben Flüchtlingen sollen dort aber auch Einheimische einziehen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind.

Nachdem das Problem der Unterbringung zumindest vorerst gelöst ist, richtet sich der Fokus nun darauf, die Geflüchteten – zwei Drittel davon sind Männer – in Lohn und Brot zu bekommen. Bisher hat nämlich erst eine kleine Minderheit einen Job oder einen Ausbildungsplatz gefunden, viele Flüchtlinge besuchen zurzeit allerdings auch noch Sprach- und Integrationskurse.

OB würde Flüchtlinge gerne für
gemeinnützige Arbeit einsetzen

Oberbürgermeister Frank Nopper würde sich wünschen, dass die Asylbewerber auch für gemeinnützige Arbeit herangezogen werden können: „Das findet bei uns bis jetzt fast nicht statt“, kritisierte Nopper. Das liege zum einen an „hohen bürokratischen Hürden“, zum anderen fehle der finanzielle Anreiz, weil man den Leistungsbeziehern nur 80 Cent pro Stunde bezahlen dürfe: „Ich bedaure dies ausdrücklich“, sagte Nopper.

Unterstützung bekam er von Karl Scheib (Bürgerforum Backnang): „Das sind junge, gesunde Männer. Es muss etwas getan werden, damit sie dieser Gesellschaft helfen“, forderte der Stadtrat. In Pflegeheimen und Krankenhäusern gebe es schließlich genügend Arbeit. Ute Ulfert (CDU) bezweifelt hingegen, dass finanzielle Anreize der richtige Weg sind. Vielmehr müsse man bei den Zuwanderern ein Bewusstsein für freiwilliges Engagement wecken: „Das Ehrenamt gehört fest zu unserer Kultur, weil es einen persönlichen Gewinn bringt“, sagte die Fraktionsvorsitzende.

Klar ist, dass die meisten Geflüchteten auch weiterhin Unterstützung brauchen. Regine Wüllenweber, Leiterin des Amtes für Familie, Jugend und Bildung, ist deshalb froh, dass sich nach wie vor so viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Bewährt hat sich aus ihrer Sicht auch das professionelle Integrationsmanagement, das der Verein Kinder-. und Jugendhilfe im Auftrag der Stadt in der Hohenheimer Straße anbietet. Dieses Angebot soll laut Wüllenweber auf die Unterkünfte am Etzwiesenberg und in der Gartenstraße ausgeweitet werden. Integration sei aber eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, betonte der städtische Flüchtlingskoordinator Lutz Heidebrecht: „Dafür brauchen wir mehr als drei oder vier Integrationsmanager, dafür brauchen wir alle 38000 Einwohner.“