Wenn Kinder Kinder kriegen

Kreisweit werden jährlich im Schnitt mehr als ein Dutzend Teenager schwanger – Jungen Eltern wird auf vielfältige Weise geholfen

Die Fälle sind selten, aber es gibt sie doch: Teenager, die Eltern werden. Ist die Ankunft eines neuen Erdenbürgers für erwachsene Frauen oder junge Familien schon eine Herausforderung, so umso mehr für Mädchen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben. Doch bei all den Problemen und Sorgen sollen sie eines wissen: Sie sind nicht allein, sondern ihnen kann in vielfältiger Weise geholfen werden.

Bange Blicke auf den Schwangerschaftstest: Mit einem positiven Ergebnis ändert sich das Leben der Jugendlichen grundlegend. Symbolfoto: Adobe

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. An fehlender Aufklärung – so sollte man meinen – kann es nicht liegen, dass sehr junge Menschen Eltern werden. „Die Jugendlichen wissen über Sexualität so gut Bescheid wie noch nie“, sagt zum Beispiel Dagmar Rost vom Jugendamt. Sie ist im Bereich Frühe Hilfen zuständig für die Einzelfallarbeit, Beratung und Betreuung von schwangeren Frauen und Familien mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren. Und auch Ines Wagner vom Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang verweist auf die „deutlich bessere Aufklärung“. Vor allem, weil auch Institutionen wie der Verein Kinder- und Jugendhilfe oder Pro Familia die Schulen auf diesem Feld unterstützen. „Für die Lehrer ist dieses Thema heikel, da sie die Kinder später wieder unterrichten“, verdeutlicht Wagner den Zwiespalt. Die Erfahrung zeigt, dass die Aufklärung am besten in der achten Klasse funktioniert, aufgeteilt in Jungs und Mädchen, dann sind die Schüler etwa 14 Jahre alt. Wagner bestätigt: „Es gibt noch viele Kinder, die von den Eltern nicht aufgeklärt sind.“

Aber auch bei aufgeklärten Jugendlichen kann die Verhütung misslingen, so wie bei Erwachsenen auch. Dann können sich die Schwangeren zum Beispiel an die Schwangerschaftsberatungsstelle des Vereins Kinder- und Jugendhilfe wenden. Ines Wagner bestätigt zwar, dass es im Famfutur eine steigende Zahl an Beratungen gibt, „aber erfreulicherweise nicht bei Minderjährigen oder bei der Konfliktberatung“. Kreisweit kommen jährlich im Schnitt ein Dutzend Kinder zur Welt, deren Mütter noch nicht volljährig sind. Wagner weiß aber auch von einem Fall in den vergangenen 20 Jahren, in dem ein Mädchen unter 14 Jahren schwanger wurde.

Die schwierigste Konstellation ist für Wagner, wenn ein Mädchen alleine zur Beratung kommt und niemand etwas von der Schwangerschaft wissen darf. Sie versucht dann herauszufinden, ob es nicht doch jemand im Umfeld der Jugendlichen gibt, der in die Beratung miteinbezogen werden könnte. Aber auch wenn die Schwangere zum Beispiel mit der Mutter kommt, gilt es darüber zu wachen, dass die Jugendliche genügend Freiraum für die eigene Entscheidung erhält. So kann es vorkommen, dass die Eltern der Schwangeren sich gegen den Nachwuchs aussprechen, weil sie der Tochter zum Beispiel eine Ausbildung nicht verwehren wollen. Oder umgekehrt, dass sie auf alle Fälle verhindern wollen, dass sich das Kind für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet.

Soziale Kompetenzen der jungen Eltern sollen gestärkt werden

Wagner räumt ein, dass diese Beratungen sie stärker fordern als üblich. „Man fühlt sich den jungen Menschen gegenüber mehr in der Verantwortung.“ In der Beratung geht es darum, neutrale Wege und Perspektiven aufzuzeigen. Welche Möglichkeiten gibt es in der heutigen Zeit für Jugendliche in einer solch schwierigen Lage. Die Hilfen und die Netzwerke sind vielfältig: Ob Familienhebamme, Tagesmutter oder Krippe, ob Familienkrankenschwestern oder in Notsituationen auch Haushaltshilfen – alle helfen und versuchen die sozialen Kompetenzen der jungen Mutter zu stärken.

Manche Jugendlichen entscheiden sich bewusst für eine Schwangerschaft, sie sehen darin die Möglichkeit, den Ablöseprozess von der eigenen Familie beschleunigen zu können. Diese Jugendlichen sind oft der Überzeugung, sie würden „Familie“ besser hinbekommen als ihre Eltern. Doch die Experten des Jugendamts sehen dies skeptisch. Rost: „Aber das Gegenteil wird erreicht. Durch eine frühe Schwangerschaft steigt die Abhängigkeit von Familie und Staat.“

Sabine Zahner-Noller ist beim Fachdienst Frühe Hilfen zuständig für Kooperation und Vernetzung. Sie wirbt für die sogenannten Frühen Hilfen, die aus drei Bausteinen bestehen. Sozialpädagogen suchen die Familien vor Ort auf und beraten. Sie gehen mit zum Kinderarzt oder unterstützen den Bindungsaufbau. Die Nachfrage ist riesig, bestätigt Rost. Es geht um die Erledigung von Formalitäten, um die Beschaffung von Geburtsurkunden, den Gang zum Jobcenter oder Fragen wie: Wie beruhige ich mein Kind? Wie bekomme ich Struktur in den Tag? Der zweite Baustein sind kostenlose Eltern-Bildungskurse wie das Landesprogramm Stärke. Als dritten Baustein gibt es offene Treffs für Familien und Kinder von 0 bis 3 Jahren. Im Rems-Murr-Kreis existieren 14 Treffs, davon zwei in Backnang und einer in Murrhardt.

Im Bereich Murrhardt gibt es laut Zahner-Noller seit 2013 etwa eine minderjährige Mutter pro Jahr. Zwei dieser Schwangeren sind mit ihrem Partner zusammengezogen, drei leben weiter im Haushalt der Eltern und eine Jugendliche ist in eine Mutter-Kind-Einrichtung gezogen. Beispielhaft schildert Zahner-Noller den Fall einer jungen Frau, die anfangs sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen ist und ein Jahr lang ihr Kind perfekt umsorgt hat. Dann kam der Einbruch. Die Mutter, eigentlich selbst noch ein Kind, wollte auch ihr Leben leben und zum Beispiel abends ausgehen. In diesem Fall war es ein Glücksfall, dass sie auf die Unterstützung der eigenen Eltern bauen konnte. „Es ist wichtig, dass es in diesen Situationen Eltern und Einrichtungen gibt, die diese Bedürfnisse auffangen können.“

Ein wichtiger Aspekt bei jungen Menschen ist immer auch die Ausbildung, die in Ausnahmefällen auch in Teilzeit möglich ist. Bei dieser Variante hat die junge Mutter auch noch genügend Zeit für ihr Kind. Derzeit gibt es aber nur wenige Stellen, wo dies möglich ist. „Das ist sehr schade“, beklagt Zahner-Noller, „denn diese gemeinsame Zeit schafft Bindung.“

Vormund des Kindes kümmert sich auch um finanzielle Unterstützung

Walter Rosenberger ist stellvertretender Bereichsleiter des Fachbereichs Unterhalt, Beistandschaften und Vormundschaften. Diese Themenfelder klingen für viele Klienten erst einmal abweisend. Dabei ist in erster Linie beabsichtigt, den jungen Menschen zu helfen. Für Rosenberger ist deshalb der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu der jungen Mutter sehr wichtig. Klar geht es auch darum, die Vaterschaft zu klären. Und der Vormund macht die Unterhaltsansprüche des Kinds gegenüber dem Vater geltend. Er kümmert sich aber auch um andere finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für das Kind und die Mutter und setzt sich für deren Rechte ein. Trotzdem tun sich junge Mütter zuweilen schwer damit, den Namen des Vaters an das Jugendamt weiterzugeben, aus Angst, diesen damit finanziell zugrunde zu richten. Bei den Beratungen bespricht Wagner mit den jungen Müttern daher auch, in welcher Form der Vater eingebunden werden soll und was es bedeutet, wenn er dies nicht ist.

Wagners Fazit ist eindeutig: Es gibt im Kreis genügend Hilfsangebote, niemand darf durchs Netz fallen. Die Komponenten des vielfältigen Netzwerks hegen keinerlei Konkurrenzgedanken, egal ob Geburtsklinik, Gynäkologen oder Kinderärzte. Doch dann räumt Wagner ein Manko ein: „Ein richtiges Mutter-Kind-Heim – das gibt es nicht im Rems-Murr-Kreis.“ Junge Mädchen oder Frauen, die ihr Kind behalten wollen, aber nicht zu Hause bleiben wollen und auch noch nicht ein eigenständiges Wohnen organisiert bekommen, haben in der Region nur das Weraheim oder das Paulusstift in Stuttgart zur Verfügung. Aber es ist sehr schwierig, dort einen Platz zu bekommen.