„Das Leben ist nicht besser geworden“

Auch zehn Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden besucht Walter Schüle jeden Tag das Grab seiner Tochter Sabrina

Jeden Tag besucht Walter Schüle das Grab seiner Tochter Sabrina. Seit zehn Jahren. Seit die damals 24-Jährige beim Amoklauf von Winnenden erschossen wurde. Seit dem 11. März 2009. Täglich. Was braucht es mehr an Worten, um den Schmerz, um die Größe des Verlusts zum Ausdruck zu bringen. Inzwischen ist sich Schüle sicher: „Die Zeit verändert Wunden, aber sie heilt sie nicht.“

Im Gedenkraum der Albertville-Realschule wird der Getöteten gedacht. Hier und in zwei weiteren Klassenzimmern wurden neun Schüler, zwei Referendarinnen und eine Lehrerin erschossen. Foto: T. Sellmaier

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. In den Jahren nach der unfassbaren Tat hat sich Walter Schüle immer wieder an die Worte eines Seelsorgers geklammert. Dieser hatte ihm einmal trostvoll in Aussicht gestellt, dass sich im Laufe der Zeit die Trauer über den Verlust verwandeln wird in Dankbarkeit. In Dankbarkeit nämlich darüber, dass man den Liebsten einmal an seiner Seite hatte. Heute, zehn Jahre nach dem Amoklauf, bilanziert Schüle ernüchtert: „Es hat sich leider nicht bewahrheitet, was der Priester gesagt hat.“

Nein, von Normalität ist das Leben des 62-Jährigen noch weit entfernt. Lange hat er mit sich gerungen, ob er das Gespräch mit dem Pressevertreter überhaupt schafft, hat die Nacht davor schlaflos gelegen. An die Zeit vor dem Amoklauf, als die Welt noch so wunderbar in Ordnung war, darf er gar nicht denken. „Das verkrafte ich nicht.“ Er macht dies an einem Beispiel fest. Es existiert eine Vielzahl an Videos und Fotoalben, in denen Kindergeburtstage und Urlaube festgehalten sind. Viele dieser Dokumente hat er sich inzwischen mühsam auf CDs gezogen. „Aber ich werde sie wohl nie mehr ansehen können.“

„Ich möchte nur nicht, dass Filme

aus dem Archiv gezogen werden,

auf denen ich drauf bin“

Immer noch geht Walter Schüle jeden Tag auf den Friedhof, meist mit seiner Frau nach Ladenschluss. Insofern braucht er für die Erinnerung keinen Jahrestag. Trotzdem gibt es diesen Tag. Heute jährt sich der feige Anschlag zum zehnten Mal. Sorge, dass dieser Tag ihn aus der Bahn werfen könnte, hat Schüle nicht, er möchte nur nicht, „dass Filme aus dem Archiv gezogen werden, auf denen ich drauf bin“.

Das hängt vielleicht damit zusammen, dass sich der Geschäftsmann all die Jahre über in die Arbeit gestürzt hat. Die Arbeitswochen sind fest durchgetaktet. Sechs Tage pro Woche steht Schüle in seinem Getränkemarkt, und immer samstagnachmittags besucht er seine 86-jährige Mutter in Gaildorf. Selbst der Sonntag hat ein klares Gerüst. Morgens wird ein wenig Sport gemacht, meistens geht es mit der Frau auf eine gemeinsame Nordic-Walking-Runde, dann wird gemeinsam gekocht. Am Nachmittag steht meist ein Spielenachmittag mit Tochter und Sohn auf dem Plan. Und jeden Sonntagabend führt der Weg ins Remstal, zum Treffen von Verwandten und Bekannten. Urlaub gibt es pro Jahr nur zwei Wochen. Wegen des Geschäfts kann Schüle nicht mit seiner Frau zusammen verreisen, einer muss immer vor Ort nach dem Rechten sehen. Und so nimmt sich jeder jedes Jahr zwei Wochen für sich frei. Schüle zieht es dann immer nach Tirol, wo er in einem kleinen Gebirgsdorf Ruhe findet. „Dort gibt es nur ein Gasthaus und eine Kirche, sonst nichts.“ In diesen Tagen wandert er alleine durch die Tuxer Berge, wo er inzwischen schon viele Routen kennt. Das tut ihm gut. Er sagt: „Je höher man ist, umso näher fühlt man sich...“ Den Satz beendet er nicht. Als gläubiger Mensch ist er nach dem Amoklauf vermutlich sein Leben lang auf der Suche nach Antworten.

Nach all den Jahren wird Schüle nur selten von Fremden auf seine Tochter Sabrina angesprochen. Als es im vergangenen Jahr dann doch einmal ein früherer Lehrer, den er gar nicht so gut kannte, tat, erwischte ihn dieser auf dem falschen Fuß. Schüle schildert: „Seltsamerweise hat es mir in dieser Situation den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich konnte an diesem Tag fast nicht mehr weiterarbeiten.“ Die Reaktion irritiert Schüle bis heute, denn grundsätzlich möchte er den Tod seiner Tochter nicht tabuisieren. So tut es ihm zum Beispiel gut, dass zwei Kunden jedes Jahr Blumensträuße für das Grab der Tochter bringen. Einen zum Geburtstag, einen zum Todestag. „Das sind aber mehr als nur gute Kunden, mit denen habe ich mich schon immer auch länger unterhalten.“ Aber auch die andere Reaktion gibt es. So ist der Tod der Tochter vonseiten der Verwandtschaft eher ein Tabuthema. Dabei sagt Schüle unumwunden: „Für mich wäre es besser, wenn wir darüber sprechen könnten.“ Aber auch er hat mit manchen Situationen Probleme. „Ich tue mich zum Beispiel schwer, Kunden beim Tod eines Angehörigen das Beileid auszusprechen.“ Einerseits kann er es sich erklären. „Da ist halt schon wieder der Tod das Thema.“ Andererseits wundert sich Schüle über sich selbst. „Ich kann doch nachvollziehen, wie sich Trauer anfühlt und weiß, wie wichtig Mitgefühl und Trost sind.“ Trotzdem hat er diese Hemmungen. Etwas ratlos zuckt er die Schulter: „Ich weiß, ein Stück Feigheit ist auch dabei.“

„Wir wollten die Tradition der großen Familienfeste beibehalten, aber es ging nicht“

Wenige Wochen nach dem Amoklauf gab es im Hause Schüle ein letztes Familienfest, es wurde ein Geburtstag gefeiert. „Wir haben das ganz bewusst gemacht, ein großes Fest mit 30 Gästen, so wie wir es immer gemacht hatten. Und wir wollten diese Feste beibehalten, aber es ging nicht.“ Und so wurde dieses erste Fest nach der unfassbaren Tat zugleich auch das letzte. Weihnachten, Silvester oder Geburtstage – im Gegensatz zu früher fällt das alles ganz klein aus.

Nun sind heute zehn Jahre seit dem Amoklauf vergangen. Schüle erinnert an eine Gesprächsrunde, die er in den ersten Jahren mit seiner Familie besuchte und bei der drei Psychologen Rede und Antwort standen. Alle drei wussten, von was sie sprachen, denn sie hatten allesamt jeweils ein Kind verloren. Damals fragte Schüle eine Psychologin, deren Verlust des Kindes schon über zehn Jahre zurücklag: „Wie ist das nach zehn Jahren, wird es da besser?“ Er wollte hören, dass dies der Fall ist, dass der Schmerz weniger wird, dass die Wunden heilen. Aber heute noch erinnert er sich genau an die Reaktion der Frau, dass sie nämlich keine Antwort gab, keine geben konnte. Und er sagt: „Keine Antwort ist auch eine Antwort.“ Ganz offen schildert der Vater. „Ich weine immer noch, aber das sieht niemand, es sei denn, es erwischt mich jemand unerwartet dabei.“ Und er resümiert: „Das Leben ist in all den Jahren nicht besser geworden. Den Spruch, die Zeit heilt alle Wunden, den würde ich so nicht unterschreiben. Die Tiefs kommen immer wieder.“