Nach 40 Jahren zurück ins Fahrschulauto

Ist die praktische Prüfung für einen alten Hasen auf Anhieb zu schaffen? – Ein Selbstversuch ist’s wert

Ist die Fahrschulprüfung wirklich so schwierig? Immer mehr Schüler rasseln durch. Wir wollen es wissen und wagen den Selbstversuch. Fahrschullehrer Andreas Rupp schlüpft eine Stunde lang in die Rolle des Prüfers. Ein BKZ-Redakteur muss in der Praxis zeigen, dass er die Regeln beherrscht und fahrtauglich ist. Wird er die simulierte Prüfung bestehen?

Fahrschullehrer Andreas Rupp (rechts) mimt den Prüfer und hat eine Dreiviertelstunde lang ein wachsames Auge auf BKZ-Redakteur Florian Muhl, quer durch Backnang fahrend. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Der Sekt ist bereits kalt gestellt. Von meiner Kollegin. „Du schaffst das schon“, hat sie mir Mut zugesprochen. Wieso Mut? Brauche ich den? Das bisschen Fahren mach ich doch mit links. Über 40 Jahre Führerschein, über eine Million gefahrene Kilometer, kein Punkt auf der Flensburg-Bank – da kann doch wirklich nichts schiefgehen. Oder?

Mehr beschäftigt mich die Frage, wieso alle meine Kollegen auf mich gekommen sind, als die Idee in der Redaktion geboren wurde, einen betagten Autofahrer – sprich: einen alten Hasen – mal zur Führerscheinprüfung zu schicken. Auslöser für diesen nicht alltäglichen Test war die Meldung in unserer Zeitung, dass immer mehr Fahrschüler scheitern (siehe Infokasten). Aber das sind doch alles Anfänger. Kann mir nicht passieren. Oder?

Andreas Rupp, der seit sieben Jahren die Fahrschule am Schillerplatz in Backnang besitzt, fand die Idee klasse, eine Prüfung zu simulieren. Ab zum Fahrschulauto. Es ist ein 3er-BMW. Witzig, vor ziemlich genau 42 Jahren habe ich in einem 3er-BMW meine Fahrprüfung auf Anhieb bestanden. Ein gutes Omen!? Im Auto der ersten 3er-Generation zeigte mir noch eine Tachonadel, wie schnell ich fahre, im 3er der sechsten Generation wird mir das Tempo digital in die Frontscheibe eingeblendet, an ein Navi war damals noch nicht zu denken und die Innentemperatur wurde noch mit Schiebereglern eingestellt. Aber ein Spezialeinbau muss sein – in allen Fahrschulautos: Die Pedale auf der Beifahrerseite. „Wenn ich hier während der Prüfung ein Pedal berühre, pfeift es, das beendet natürlich die praktische Prüfung“, sagt Rupp.

Die Spiegel sind eingestellt, der Sitz auch – los geht’s. Aus dem Fahrschulparkplatz heraus nach rechts und wieder rechts über die Erbstetter Straße in Richtung Bahnhof. Oben im Kreisverkehr die erste Ausfahrt in die Etzwiesenstraße. Ich frage Rupp, woran es liegt, dass die Durchfallquoten steigen. „Das hat mehrere Gründe“, sagt der 49-Jährige. „Die Ansprüche des täglichen Straßenverkehrs sind sehr stark gestiegen, auch wegen der zunehmenden Fahrzeugzahlen ist’s für die jungen Leute und vor allem die Neubürger ein sehr komplexer Vorgang, es ist nicht mehr so einfach, man muss das heute verstehen, man muss mitdenken und man muss das am Tag der Prüfung noch einigermaßen regelkonform hinkriegen.“ Andererseits hätten die Fahrschüler Vorbilder, beispielsweise in der Familie, bei denen die Regelakzeptanz stark abnehmend sei. „Ich denke an ein Stoppschild oder eine Ampel, die gerade eben rot geworden ist. Da heißt es: ach, ich kann da noch schnell drüber. Das sehen wir tagtäglich. Und die jungen Leute kriegen das ja mit.“

Mittlerweile sind wir am Kreisverkehr am Aspacher Tor angekommen, die zweite Ausfahrt in die Aspacher Straße, biegen dann nach rechts in den Größeweg ab. „Der Blick jetzt war wichtig“, sagt Rupp. „Bei einem Bewerber, der schon 40 Jahre Erfahrung hat, sind die wichtigen Stellen wichtig, so wie jetzt gerade die Fußgängerin – was macht die? Wenn die runterläuft, die Aspacher Straße, müssen Sie sie rüberlassen. Genauso ein Radfahrer, der neben uns fährt und geradeaus will, der kommt vor uns.“ Das seien die wichtigen Stellen, wo man dem Prüfer zeigen könne: „Ja, ich hab’s kapiert.“

Jetzt geht’s nach links in die Ossietzkystraße. „Sehen Sie den blauen VW da vorne? Hinter dem mal bitte rückwärts einparken“, fordert mich Rupp auf. Ich schaffe es ausnahmsweise auf Anhieb. „Zufrieden? Na also, dann fahren wir weiter.“ Rupp kommt noch mal auf die Durchfallquoten zu sprechen. Er nennt zwei weitere wichtige Gründe für deren Ansteigen: „Wertigkeit und Motivation.“ Der Führerschein nehme immer mehr an Bedeutung ab. „Die Jugendlichen heute kommen ja überall hin, mit Taxi Mama oder öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Die seien nicht mehr so stark auf eine eigene Mobilität angewiesen, außer in den Teilorten oder den umliegenden Gemeinden. „Dort ist dann auch mehr Motivation bei den Schülern festzustellen, die ziehen das auch durch. Dann kriegt man das auch in zehn bis zwölf Wochen hin.“

Weiter geht’s über die Stresemannstraße, den Größeweg, den Dresdener Ring nach links in die Murrhardter Straße. Von links kommt keiner. „Aaaaahh, da haben Sie die Kurve geschnitten, wenn der ein bisschen früher kommt“, Rupp zeigt auf ein entgegenkommendes Auto, „haben wir ein Problem. Das ist dann schon Fahrbahnbenutzung. Da müssen Sie weiter vorfahren beim Linksabbiegen und dann rein.“

Von der Gaildorfer Straße geht’s in die Sulzbacher Straße. Hier war ich schon länger nicht mehr, stelle ich fest, als auf der linken Seite die Kaufland-Baustelle auftaucht. Faszinierend, wie weit fortgeschritten der Neubau ist. Oje, wenige Meter weiter entdecke ich ein Verkehrszeichen, das das Ende einer Tempo-30-Zone anzeigt. „Jetzt ist die 30er-Zone schon vorbei“, sagt Rupp, dem mein erschrockener Blick nicht entgangen ist, „da hinten das 30er-Schild haben Sie übersehen wegen des Postautos, das das Schild etwas verdeckt hat. Also jetzt hätten wir dann so langsam ein Problem. Einmal das Abbiegen und dann die Geschwindigkeit, weil’s halt durchgehend jetzt mit 45 war.“

Langsam bekomme ich feuchte Hände. Vorsichtshalber frage ich nach, was eigentlich passieren würde, wenn ich heute bei der nicht echten Prüfung durchfallen sollte. „Den Führerschein kann ich Ihnen nicht abnehmen“, sagt Rupp, „aber ich könnte ans Landratsamt eine Meldung machen, dass Sie ein auffälliger Verkehrsteilnehmer sind, bei dem man die Fahrtauglichkeit überprüfen könnte.“

Schluck. Über die B14 geht’s nach Strümpfelbach und dort gleich nach links in die Ludwigsburger Straße. Rupp fordert mich auf, eine geeignete Stelle zum Wenden zu suchen und wieder zurück nach Backnang zu fahren. Dass die Ampel an der Kreuzung zur B14 auf Rot steht, sehe ich von Weitem. Ich nähere mich langsam der Kreuzung. Zum Glück muss ich nicht warten, denn hier gibt’s den grünen Pfeil. Langsam rolle ich vor, bis ich freie Sicht nach links habe. Links ist alles frei, also los geht’s, zurück über die Bundesstraße. Nach einer weiteren Aufgabe im Gewerbegebiet Lerchenäcker, bei dem Rückwärtsfahren in einer Kurve gefordert wird, geht’s über die Sulzbacher Straße, Gartenstraße, Annonaystraße, Grabenstraße und Eduard-Breuninger-Straße zurück zur Fahrschule. Jetzt nur noch Einparken. Motor aus. Handbremse. Dann holt Rupp tief Luft: „Tja Herr Muhl, jetzt hab ich leider eine schlechte Nachricht: Sie müssen in zwei Wochen noch mal kommen!“ Ich bin geschockt: „Hat’s nicht gereicht?“ – „Nein, rote Ampel, in Strümpfelbach.“ Ich bin fassungslos. „Aber da war doch ein grüner Pfeil!?“ Rupp schüttelt den Kopf: „Aber erst zählt die Ampel. Dann kommen die Verkehrszeichen. Wenn die Ampel rot ist, müssen Sie an der Haltlinie, stehen bleiben. Dann erst greift der Grünpfeil, dann können Sie sich vortasten.“ Dass trotz des grünen Pfeils und bei aller Vorsicht alle vier Räder stehen müssen, war mir nicht bewusst. „Das wissen die wenigsten“, sagt Rupp. Ich bin frustriert. Meine Kollegen merken’s mir an. Der Sekt nach Feierabend schmeckt trotzdem. Trost spenden kann er nicht.