Letzte Zuflucht: Frauenhaus

Wenn eine Frau Schutz vor ihrem gewalttätigen Partner sucht, findet sie diesen im Frauenhaus. Doch es gibt dort schon lange nicht mehr genug Platz für alle Hilfesuchenden.

Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt sind auch 2019 ein aktuelles Thema. Hilfe finden die Betroffenen im Frauenhaus Rems-Murr. Doch dort gibt es nicht mehr genug Platz – und die derzeitige Wohnungsnot verschlimmert die Lage der Frauen zusätzlich.

Immer weniger Frauen finden Platz im Frauenhaus. Das liegt daran, dass die Bewohnerinnen aufgrund der derzeitigen Wohnungsnot länger im Frauenhaus bleiben als früher. Foto: Adobe Stock

Von Silke Latzel

WAIBLINGEN. Einmal ging es nur um 1,99 Euro, die die Frau für eine neue Strumpfhose ausgegeben hatte. Mehr nicht. Und dafür wurde sie von ihrem Mann grün und blau geschlagen.

Was klingt wie aus einem Film, der in einer längt vergangenen Zeit spielt, ist leider immer noch Realität. Denn auch im Jahr 2019 werden Frauen von ihren Partnern missbraucht, misshandelt und unterdrückt. Sie werden geschlagen, eingesperrt und oft über Jahre so erniedrigt, dass sie jegliches Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein verlieren. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, erfordert viel Kraft und Mut. Zuflucht finden einige von ihnen im Frauenhaus. Doch auch hier ist das Leben nicht einfach. „Wir sind keine spaßige Wohn- sondern eine Zwangsgemeinschaft, in der man Rücksicht aufeinander nehmen und sich an viele Regeln halten muss. Und das ist alles andere als leicht“, sagt die Leiterin des Frauenhauses im Rems-Murr-Kreis

„Die Frauen bleiben manchmal sogar über ein Jahr bei uns“

Wo das Haus sich befindet, dürfen wir nicht schreiben. Ebenso wenig wie die Leiterin und ihre Mitarbeiterinnen heißen. Zum Schutz der Frauen, die im Haus leben, aber auch zum eigenen Schutz, so lautet die Erklärung. „Es gibt Gründe, wieso niemand im Frauenhaus arbeiten will“, sagt eine der Mitarbeiterinnen. „Denn es kommt natürlich vor, dass hier die Ehemänner vor der Tür stehen und darauf warten, dass ihre Frauen das Haus verlassen.“ Den Mitarbeiterinnen bleibt dann oft nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen – „wenn bekannt ist, dass der Mann sich der Frau etwa nicht nähern darf oder wenn wir wissen, dass er ihr gegenüber schon gewalttätig wurde.“

Im Frauenhaus stehen insgesamt Plätze für fünf Frauen mit jeweils maximal vier Kindern zur Verfügung. Während die Frauen je ein Zimmer für sich und ihren Nachwuchs haben, teilen sie sich mit zwei oder drei anderen Frauen samt Kinder sowohl Küche, Bad und Toiletten. „Wir haben definitiv zu wenig Platz“, so die Leiterin. Hinzu kommt: Das Haus ist schon ziemlich alt und in einem nicht mehr ganz einwandfreien Zustand. An der Tür zur Waschküche hängt beispielsweise ein großer Zettel, auf dem steht, dass Waschmaschine und Trockner wegen der alten Leitungen nicht gleichzeitig benutzt werden dürfen.

In einer sowieso schon prekären Situation in eine Zwangsgemeinschaft zu ziehen, die sich in einem in die Jahre gekommenen und baufälligen Gebäude befindet, macht die Situation für die Frauen natürlich nicht einfacher – im Gegenteil. Deswegen wird sich das Frauenhaus in naher Zukunft auch vergrößern und dann Platz für neun Frauen mit ihren Kindern bieten. Doch auch dieser wird nicht ausreichen. Sieht man sich die nüchternen Zahlen an (siehe Infokasten), scheint es so, dass immer weniger Frauen die Sicherheit des Frauenhauses in Anspruch nehmen. Ein Trugschluss.

Denn das Ziel ist immer, dass die Frauen vom Frauenhaus in eine eigene Wohnung ziehen können, weg vom gewalttätigen Partner und in ein eigenes Leben. Doch die derzeitige Wohnungssituation macht genau das sehr schwer. „Wohnungen können wir unseren Frauen eigentlich nur durch Vitamin B vermitteln, der Wohnungsmarkt ist komplett leer, gerade für Geringverdiener. Und das ist ein großes Problem“, so die Leiterin des Frauenhauses. „Weil die Frauen keine eigenen Wohnungen finden, müssen sie teilweise über viele Monate, manchmal sogar mehr als ein Jahr bei uns bleiben. Und somit haben wir keinen Platz für andere Frauen, die auf akute Hilfe angewiesen sind.“

Obwohl es zunächst danach klingt, als seien Frauen, die das Frauenhaus als letzten Ausweg sehen, nur aus bestimmten gesellschaftlichen Schichten, kann es in Wahrheit jede treffen. „Wir bieten ja nicht nur an, hier zu wohnen, sondern beraten die Frauen in ihrer Situation auch.“ Es sei allerdings so, dass die, die vor dem gewalttätigen Partner flüchten und es sich leisten können, eher in ein Hotel gehen, als ins Frauenhaus und sich von dort aus dann eine eigene Wohnung suchen, erklären die Mitarbeiterinnen.

„Viele glauben, sie seien es nicht wert, gut behandelt zu werden“

Nicht immer ist es allein physische Gewalt, unter der die Frauen leiden. „Wir haben auch viel mit psychischem Missbrauch zutun. Nicht selten sind es Fälle, in denen die Frauen komplett von ihren Männern abhängig sind, kein eigenes Konto haben, nicht wissen, wie sie im Internet etwas bestellen oder Dinge für den persönlichen Bedarf kaufen können.“ Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus sind es dann, die diesen Frauen helfen, den Alltag allein und selbstständig bewältigen zu können. „Die körperlichen Verletzungen sind oft nicht einmal das Schlimmste, die seelischen Narben bleiben viel länger.“ So seien das Problem oft narzisstische Männer, die in der Öffentlichkeit sehr beliebt scheinen, viele Freunde haben und auch bei Arbeitskollegen sehr angesehen seien – und ihre Frau daheim schlecht behandeln. „Und das traut ihnen keiner zu. Wenn die Frauen sich dann jemandem anvertrauen, kann es sein, dass man ihnen gar nicht glaubt.“

Und wieso lassen sich die Frauen das gefallen? „Sie denken, für ihre Kinder ist es das Beste, wenn sie bei Vater und Mutter leben. Und dann halten die Frauen das alles aus, reden es klein, glauben am Ende tatsächlich, dass sie selbst schuld sind, weil sie es nicht wert sind, gut behandelt zu werden. Generell habe man im Frauenhaus die Erfahrung gemacht, dass die Toleranz gegenüber Gewalt in der Gesellschaft gestiegen ist. „Sind doch nur blaue Flecken, das ist normal, ich halte das aus“, hört man hier oft – die betroffenen Frauen spielen ihre Verletzungen oft herunter. Im Frauenhaus stehen den misshandelten Frauen vier Mitarbeiterinnen mit Rat und Tat zur Seite. „Unsere Aufgabe ist es, sie zu stärken und ihnen zu helfen, ein selbstständiges Leben zu führen, sie zu begleiten, bis sie eventuell einen Therapieplatz finden.“ Nur die wenigsten seien nach ihrem Aufenthalt hier wieder zurück zu ihren Männern gegangen, „aber es ist auch schon vorgekommen“.

  Hilfesuchende Frauen können das Frauen- haus von Montag bis Freitag zwischen 8.30 und 12 Uhr telefonisch unter 07181/61614 erreichen. Das bundesweite Hilfetelefon bei häuslicher Gewalt unter 08000/116016 ist rund um die Uhr besetzt.