Vermitteln statt verpetzen

Morgen findet der 9. Backnanger Streitschlichterkongress statt – Jugendliche unterstützen Mitschüler bei Konflikten

Wenn die Großen den Kleinen auf dem Schulhof den Ball wegnehmen, ein Mädchen beim Gummitwist nicht mitspielen darf oder die Jungs ihren dicken Klassenkameraden hänseln, dann sind die Streitschlichter gefragt. An 16 Schulen im Raum Backnang gibt es Schüler, die eigens dafür ausgebildet sind, Konflikte zu entschärfen. Morgen treffen sie sich zum Streitschlichterkongress im Backnanger Bürgerhaus.

Diskutieren, ohne miteinander zu streiten – das üben die Jugendlichen in verschiedenen Workshops. Unser Foto entstand beim Streitschlichterkongress vor zwei Jahren. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Was passieren kann, wenn Gewalt an Schulen eskaliert, hat der zehnte Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden diese Woche wieder schmerzlich in Erinnerung gerufen. Ein Extremfall natürlich, aber auch die alltäglichen Konflikte an Schulen sollte man nicht als Kinderkram abtun, findet Anna Lobitz vom Präventionsnetzwerk „Power ohne Fäuste“. „Wir wollen Schüler sensibilisieren, mehr auf sich und andere zu achten“, erklärt die Schulleiterin der Haselsteinschule in Winnenden. „Power ohne Fäuste“ (siehe Infobox) wurde bereits 2001 ins Leben gerufen – lange bevor das Thema Gewaltprävention 2016 auch in die Bildungspläne aufgenommen wurde. Zu den wichtigsten Projekten des Netzwerks gehört das Streitschlichtermodell: Schüler mit einer speziellen Ausbildung helfen ihren Mitschülern dabei, Konflikte ohne Gewalt beizulegen.

Kongress soll auch die

Wertschätzung zeigen

An der Backnanger Max-Eyth-Realschule gibt es momentan rund 30 Streitschlichter, und Heinz Harter möchte sie nicht missen: „Wenn sich die Schüler auf eine Streitschlichtung einlassen, ist die Erfolgsquote sehr gut“, berichtet der Rektor. Gewinner sind aus Sicht des Schulleiters aber auch die Streitschlichter selbst: Durch ihr soziales Engagement für die Schulgemeinschaft reiften die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeit, hat Harter festgestellt: „Wenn man den Schülern Verantwortung überträgt, dann lässt sie das wachsen.“

Auch Anna Lobitz hat positive Erfahrungen mit den Streitschlichtern gemacht: „Konflikte schaukeln sich nicht mehr so hoch“, sagt die Sonderpädagogin, die bis vor einem Jahr an der Backnanger Pestalozzischule unterrichtet hat. Denn vielen falle es leichter, sich bei einem Konflikt an einen Gleichaltrigen zu wenden, als einen Mitschüler beim Lehrer zu „verpetzen“. Allerdings gebe es für die Ehrenamtlichen auch Grenzen, betont Lobitz: „Wenn es in den Bereich Mobbing geht, ist auch weiterhin der Lehrer gefragt.“

Alle zwei Jahre organisiert das Netzwerk einen Streitschlichterkongress. Zur neunten Auflage, die morgen im Backnanger Bürgerhaus stattfindet, haben sich wieder knapp 200 Schüler angemeldet. Für Heinz Harter hat dieser Tag zwei Funktionen. Zum einen werden die Jugendlichen in Workshops zu Themen wie Körpersprache oder Gefahren in der digitalen Welt fortgebildet. Zugleich sieht Harter die Veranstaltung aber auch als Ausdruck der Wertschätzung für das Engagement: „Wir wollen durch diesen Rahmen signalisieren: Ihr macht etwas sehr Wichtiges.“ Dazu passt auch, dass sowohl Oberbürgermeister Frank Nopper als auch der Leiter des Backnanger Polizeireviers, Ulli Eder, die Teilnehmer persönlich begrüßen werden.

Das Schwerpunktthema des 9. Streitschlichterkongresses lautet „Perspektivwechsel“. „Die Schüler sollen lernen, sich in andere hineinzuversetzen und sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen“, sagt Anna Lobitz, die das Organisationsteam leitet. Einüben können die Teilnehmer diesen Perspektivwechsel etwa in Rollenspielen oder bei der Produktion eines eigenen Trickfilms.

Neben den Schülern nutzen auch Lehrer und Sozialarbeiter der beteiligten Schulen den Streitschlichterkongress zum Austausch. Und auch die Jugendsachbearbeiter der Polizei sind mit von der Partie. Dieser „Austausch auf Augenhöhe“ habe sich sehr bewährt, sagt Heinz Harter: „Wenn man sich gegenseitig kennt, sind die Wege kürzer.“