Alte Esche hat einen Untersuchungstermin

Sachverständiger Heiko Münzing begutachtet mächtigen Baum auf dem Murrhardter Friedhof – Schalltomografie gibt Aufschluss

Wenn der Patient nicht zum Arzt beziehungsweise Experten kommen kann, kommt der zum Patienten: Heiko Münzing holt mit seinem Kollegen Thomas Friedrich den Schalltomografen, Kabel, Werkzeug sowie eine Teleskopleiter aus dem Van und macht sich zu der alten mächtigen Esche auf, die auf dem Friedhof unterhalb der Walterichskirche und des Totengräberhäuschens steht. Sie hat heute einen Termin bei den beiden.

Heiko Münzing (vorne) und Thomas Friedrich sind gerade dabei, Sensoren am unteren Stamm anzubringen, um später mithilfe einer Schalltomografie beurteilen zu können, ob das Holz noch in gutem Zustand ist oder möglicherweise größere nasse und faule Stellen aufweist. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT.Heiko Münzing kennt die alte Esche. Vor vier Jahren hatte er sie schon einmal unter seine Fittiche beziehungsweise die Sensoren genommen. Der Arbeitsauftrag, den er von der Stadtverwaltung Murrhardt erhalten hat, lautet diesmal: Die Bruchsicherheit des Baumes beurteilen. „Damals stand die Esche relativ gut da, ich hoffe mal, dass sich das nicht groß verändert hat“, sagt er. Untersucht werden der Querschnitt des Stamms ganz unten sowie in rund fünf Metern Höhe. Die beiden schauen sich den Wurzelanlauf an, also die Stelle, an der die Wurzelfortsätze in den unteren Stamm übergehen und einen ansatzweise runden Umfang bilden, sowie die Ebene des Zwiesels. Beim Zwiesel handelt es sich um den Punkt, an dem sich der Hauptstamm in zwei schlankere Stämme teilt – auf etwa 4,8 Metern Höhe. „Dort kann Wasser eindringen und sich auch eine Wassertasche bilden“, erklärt Münzing. „Deshalb ist das eine kritische Stelle, die wir auf Fäulnis untersuchen müssen.“

Die beiden Fachleute starten am Fuße der Esche. Ein Maßband wird der alten Dame um den Stamm gelegt, entlang dessen Heiko Münzing nun am Wurzelanlauf in Abständen Nägel einschlägt. An ihnen befestigt er die Sensoren, die untereinander mit Kabelverbindungen versehen werden. Insgesamt sind es 14 Stationen. Nun gibt Thomas Friedrich auf einem kleinen Laptop die genauen Positionen der Einzelgeräte an, die später eine Schalltomografie ermöglichen. „Wir müssen dem Programm jetzt sozusagen die Stammgeometrie beibringen“, sagt er. Je mehr Sensoren verwendet werden, desto genauer das Bild. „Wir schicken an diesen Punkten Schall durch den Baum“, erklärt Heiko Münzing und zieht den Hammer, den er vorher zum Einschlagen der Nägel verwendet hat, aus der Seitentasche. „Ist das Holz fest, wird er sehr schnell durchgeleitet, bei Nässe oder Fäule sind die Geschwindigkeiten niedriger.“ Dann schlägt er in kurzen Abständen auf einen der Nägel – und erzeugt so den Schall, der nun durchs Holz flitzt und dessen Schnelligkeit gemessen wird. Die kleinen Lämpchen der Sensoren wechseln von Grün in Blau und Gelb wieder zu Grün. Das Programm setzt die Informationen mittels Farbabstufungen in ein Bild um: Auf dem Bildschirm des Laptops zeichnet sich der Stamm ab, eine große grüne Fläche mit einem leichten Stich ins Gelbe in der Mitte. „Auf den ersten Blick würde ich sagen, kein Grund zur Besorgnis, so gut sieht es oben sicher nicht aus“, meint Heiko Münzing. Er geht davon aus, dass die Esche auf jeden Fall über 100 Jahre alt ist.

Der Fachmann lässt den Blick über den Boden schweifen. Auch die direkte Umgebung des Baums hat eine große Bedeutung für seine Gesundheit. „Im Prinzip spielt sich 50 Prozent unter der Erde ab.“ Ein typisches Problem seiner Patienten: die Verdichtung des Bodens. Hier auf dem Friedhof sind es vor allem die Besucher, die die Erde über den Wurzeln festgetreten haben. Anderer Orten können es auch schon mal unbedacht gelagerte Betonteile oder schwere Fahrzeuge wie Bagger oder Campingbusse sein, die dem Boden und damit dem Baum zusetzen. „Durch die Verdichtung fehlt der Erde Sauerstoff, und sie ist nicht mehr so aufnahmefähig für Niederschlag.“ In der Stadt kommen weitere Stressfaktoren wie Streusalz, Urin und Müll hinzu. Bei prominenten Bäumen empfiehlt sich da schon mal eine Bodenbelüftung (Erde wird mit Druckluft gelockert) und das Einbringen eines Granulats, das Wasser besser aufnehmen und speichern kann. Um den Baum mit Blick auf eine Bodenverdichtung nicht zu belasten, empfiehlt Heiko Münzing, auf eine Art Schutzzone zu achten – grobe Maße wären der Raum, den die Krone abdeckt, plus 1,50 Meter.

Aber ist das bei unterschiedlichen Wurzelarten nicht auch verschieden? „Die Kategorie Flach- und Tiefwurzler haut in der Stadt nicht mehr so exakt hin. Die Wurzeln suchen sich dort, je nach konkreter Umgebung, ihre möglichen Wege.“

Wie wird man eigentlich solch ein Experte? Welche Qualifikation steht hinter dem Job? Heiko Münzing erzählt, dass er Fachagrarwirt für Baumpflege und -sanierung, darüber hinaus zertifizierter Sachverständiger für Baumpflege und -statik ist sowie als European Tree Technician auch die Möglichkeit hat, seine Leistungen in anderen EU-Ländern anzubieten. Momentan ist sein dreiköpfiges Team aus Schwaikheim aber in einem Umkreis von etwa 250 Kilometern tätig.

Oft sind es große, ortsbildprägende Bäume, die das Team untersucht

Münzing und Friedrich befreien den Fuß der Esche von Geräten und Nägeln, und machen sich daran, ebendiese rund vier Meter weiter oben in Position zu bringen. Dazu wird eine zweite Teleskopleiter besorgt. Trotzdem müssen die beiden ziemlich oft nach oben steigen, um die Esche unter die Sensoren zu nehmen.

Oft sind es allein stehende, prominente, ortsbildprägende Bäume, die das Team untersucht – in der Regel Buchen, Robinien, Linden oder eben Eschen. „Nadelbäume so gut wie nicht, höchstens mal einen Mammutbaum“, sagt Heiko Münzing. Auch bei der Murrhardter Friedhofsesche handelt es sich um solch einen Solitärbaum, wie die Fachleute sagen. „Das Eschentriebsterben ist für ihn kein Thema. Die Ansteckungsgefahr ist hier auch nicht so groß wie im Wald“, erklärt Münzing. Dann macht er sich ans Klopfen, muss die Leiter immer mal wieder versetzen, wenn seine Reichweite erschöpft ist. „Ja, das ist ein bisschen mühsam, da sollten wir noch einen Specht einstellen“, sagt Thomas Friedrich und grinst. Andererseits sind die beiden Fachleute schon um die modernen Leitern froh. Vor vier Jahren musste Heiko Münzing noch mit Kletterausrüstung nach oben steigen, was ihm wiederum als Ausbilder für Seilklettertechnik mit zahlreichen weiteren Zusatzausbildungen nicht besonders schwer fällt und sich auch im Firmennamen niederschlägt (www.alles-seil.de). Im städtischen Umfeld sind die Arbeiten schon mal mit einem Hubsteiger möglich.

Das Untersuchungsbild weist, wie vermutet, stärkere Farbschattierungen als das vom Fuß auf. „Die Mitte ist schon geschwächt, sieht für mich aber auch nicht problematisch aus“, sagt Münzing. Er wird sich die Ergebnisse auch im Vergleich zu denen vor vier Jahren in Ruhe am Rechner anschauen.

Später kann er sagen, dass es dem Baum soweit gut geht – die Bruchsicherheit ist in beiden Ebenen gegeben. Gleichzeitig gibt er der Stadt einige Empfehlungen: Als Allererstes die Standsicherheit zu untersuchen, am besten mit einer Windreaktionsmessung; ist diese unauffällig, hält er eine Bodenbelüftung sowie das Einbringen von Material wie Granulat, über das Wasser besser gespeichert werden kann, für wichtig. Ebenso sollte das Totholz aus der Krone entfernt werden. Spätestens in drei Jahren steht seiner Einschätzung nach dann wieder eine Schalltomografie an – früher, falls es Auffälligkeiten bei der Regelkontrolle gibt.