Die geballte Kraft von Gospel und Soul

Das Ensemble Soulfully Sacred flutet die Graber Kirche mit hinreißenden Klängen, die swingig, soulig und jazzig rüberkommen

Musikalisch auf hohem Niveau machten die drei Musiker und Sängerin Seedjay Chadet vom Ensemble Soulfully Sacred Station in der Graber Kirche. Im Rahmen der Winterkulturtage präsentierten sie die geballte Kraft des Soul, der Spirituals und Gospels.

Sängerin Seedjay Chadet wird begleitet von Thomas Roth (Nyckelharpa) Paulee D. Brown (Schlagzeug) und Bernard Brown (Piano).Foto: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

GROSSERLACH. Christoph Jäger, Bürgermeister und aktueller Präsident des Lions Club Backnang, hat Recht, als er das Publikum in der „außergewöhnlichen Atmosphäre“ der Kirche Willkommen heißt. Vom ersten Klang an spürt man das außergewöhnliche Können der Musiker, die dem Publikum bekannte Melodien, Gospels, mittelalterliche Luther-Lieder und träumerische Soulballaden in eigenen Interpretationen präsentieren.

Im Mittelpunkt stehen gefühlvolle, lobpreisende, herz- und energiegeladene Songs, die Sängerin Seedjay Chadet stimmlich virtuos zum Vibrieren bringt, begleitet vom Klang der mittelalterlichen Nyckelharpa, die der Musiker Thomas Roth mit einem kurzen Bogen vielgestaltig schwingen lässt. Dazu die professionelle Begleitung durch Paulee D. Brown am Schlagzeug und Pianist Bernard Brown, die einen rhythmischen Rahmen rund um die starke Stimme und den chromatischen Harpa-Klang formen. Die Verbindung zwischen den Musikern ist in jedem Song hör- und spürbar, die sie eigenständig interpretieren. Soufully Sacred lassen keine reinen Coversongs hören; Paulee ist die Schaltstelle dafür, dass Gospelsongs swingig, soulig und jazzig rüberkommen.

Vom ersten Klang in „When the saints go marching in“ flutet Seedjays fein artikulierte Stimme den Kirchenraum bis zur Decke. Hinreißend singt die aus Martinique stammende und in Paris lebende Sängerin über die Hinwendung zu Gott und über die Liebe. Balladesk intoniert sie „Kumbaya my Lord“, nur homöopathisch verziert vom Piano. Soulig spielt sie in „Love is the key“ mit dem beeindruckenden Tonumfang ihrer Stimme, die füllig, cremig, groovend klingt. Ihre Mimik und ihr Lachen sind ansteckend, ihr ganzer Körper ist bühnen- und tanzwillig: „I wanna dance“ animiert sie ihre Musiker zu einer soften sommerlichen Groovynummer, bei der sich die Energie auf die Zuschauer überträgt. Sitzend wird gegroovt und mit dem Fuß gewippt.

Mit wechselnden Tempi und dem ungewohnt flüsternden, rauen, auch flehenden und zitternden Klang seiner Nyckelharpa hinterlässt Thomas Roth einen großen Eindruck bei den Zuhörern. Immer wieder verbinden sich Seedjays fein artikulierte Stimme und der warme, bauchige Instrumentalklang, sodass jedes Lied ein Hörgenuss ist. In den hinteren Reihen stehen einige auf, um besser auf das altertümliche Streichinstrument zu sehen, dessen Tonhöhe er über einige Tasten am Griffbrett regelt. Wie reich diese „Schlüsselfidel“ an Klangfarben und Stimmumfang ist, zeigt Thomas Roth in einem Zwischenstück, in dem er die zwölf Resonanzsaiten mal in Bach’scher Manier Fugen und Pirouetten drehen lässt, mal damit wie auf einer Brettgitarre das „Smoke-on-the-water“-Riff schmettert und lautmalerisch eine miauende Katze aus dem Holzkörper lässt. Gänsehautmomente beschert er mit Georg Friedrich Händels „Sarabande“, in Classic-Rock-Manier, mit Anflügen von Ravels „Bolero“ und hypnotischem Klangbombast.

Der in Steinheim lebende Musiker hat das ausgefallene Instrument auf den Knien, hält es wie eine Gitarre und streicht darauf die Saiten mit einer speziellen Bogentechnik. Jahrelang war Thomas Roth ein Vertreter mittelalterlicher Musik. Er hat sich musikalisch verändert und setzt das historische Instrument nun in neue Klanglandschaften: Mal jazzig, mal knackig-rockig, dann wieder melodiös, sakral in der Komposition „Luthers Anthem“.

Das Instrument zu Luthers Zeit war die Laute; Thomas Roth erinnert mit der Nyckelharpa an den Lieddichter der evangelischen Gesangbücher. Anfangs vereinzelt, dann wird immer mehr und schwungvoller mitgeklatscht. Im Schlusslied „Amazing Grace“ verschmilzt der Kirchenraum zu einem voluminösen „Summ“-Konzert. Eine Überraschung hebt sich Thomas Roth für das Finale auf: Eine Strophe von „Amazing Grace“ spielt er mit dem Dudelsack und schreitet einmal durch die Kirche, um den Klang gleichmäßig zu verteilen. Das Publikum bedankt sich mit begeisterten stehenden Ovationen für einen ungewöhnlichen Konzertabend.