„Geben Sie Menschen ein Zuhause!“

In Zeiten der Wohnungsnot wollen die Caritas und die katholische Kirche Türöffner sein: Mit einem genial-pfiffigen Programm

Von Peter Schwarz

WAIBLINGEN/MURRHARDT. Es gibt Wohnungen, „die sind so heruntergekommen, ganz schlechte Bausubstanz, total verschimmelt, alles feucht, kaum isoliert“. Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas Ludwigsburg/Waiblingen/Enz ist beim katholischen Werk unter anderem zuständig für den Bereich Existenzsicherung, organisiert Hilfe für Menschen in geistiger, körperlicher, seelischer, materieller Not. Sie kommt herum. „Ich sehe viel, zum Beispiel Leute, die in völlig prekären Wohnverhältnissen hausen, in Schrottimmobilien, die abrissreif sind seit Jahr und Tag, aber in Zeiten der Wohnungsnot überteuert vermietet werden.“

Im Landkreis Ludwigsburg hat sie eine Familie besucht: „Vater, Mutter, drei Kinder. Und keine Heizung. Im Winter.“ Vor allem Menschen „in schwierigen Lebenslagen mit knappem Budget“ – Bezieher von Grundsicherung, Zugewanderte, Leute mit Handicap, Alleinerziehende – suchen auf dem Wohnungsmarkt oft bis zur Verzweiflung. „Da kann man als Kirche nicht einfach sagen: Schade, ist halt leider so.“

Andererseits, erzählt Ulrich Häufele, Geschäftsführer des katholischen Dekanats Rems-Murr, gebe es „Leute, die einfach nicht mehr vermieten“, obwohl Wohnraum da wäre. Sie sagen: Ich hab die Schnauze voll, zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Und dann auch noch an Bedürftige vermieten? Um Himmels willen, da handle ich mir bloß Ärger ein, die wirtschaften mir mein Eigentum runter – und wer garantiert mir, dass die Miete pünktlich kommt?

Genau an diesem Punkt setzt das Projekt „Türöffner – Geben Sie Menschen ein Zuhause!“ an: Die Kirche entdeckt Leerstände und fungiert als Vertrauensinstanz, als Mittler. Angenommen, die Caritas erfährt von einer Wohnung. Dann sucht sie das Gespräch mit dem Besitzer: Wie viele Leute könnten hier unterkommen? Worauf legt der Eigner Wert? Eichhorn-Wenz: „Vermietern ist oft wichtig, dass die Leute, die da einziehen, wirklich in das Haus, die Wohnung, die Nachbarschaft, die Hausgemeinschaft passen.“ Wenn Caritas und Eigentümer sich einigen, schließen sie einen Vertrag – danach sucht die Caritas passende Leute.

Die Caritas selber

tritt als Mieter auf

Und nun greift der entscheidende Dreh: Die Caritas selber tritt als Mieter auf – und die wohnungssuchenden Menschen sind ihre Untermieter. Mit anderen Worten: Gegenüber dem Vermieter garantiert das Hilfswerk die laufende Zahlung. Der Mieter lüftet nicht, ist nachts zu laut, hält es mit der Mülltrennung oder überhaupt mit dem Aufräumen nicht so genau? Auch in solchen Fällen ist die Caritas „Ansprechpartner für den Eigentümer“ und kümmert sich um eine Lösung.

„Unser Ass im Ärmel“, sagt Ellen Eichhorn-Wenz, „ist unsere Sozialbetreuung.“ Jede Familie, die im Zuge der Türöffner-Initiative eine Wohnung findet, bekommt einen Sozialarbeiter zur Seite gestellt, der schaut, dass nichts aus dem Ruder läuft. Vermieten ist Vertrauenssache, wissen Häufele und Eichhorn-Wenz. „Wir sind solvent, wir sind integer, mit uns kann man schwätzen.“

Hier eröffnet sich eine Aufgabe für alle 27 katholischen Kirchengemeinden im Kreis, sagt Häufele. Wenn sie alle das Projekt „promoten“, wenn Kirchengemeinderäte ihre Netzwerke nutzen, ihr Ortswissen anzapfen, ihre Kontakte spielen lassen – hoppla, ich weiß von einem Leerstand, ich kenne den Besitzer, da geh ich mal hin und drücke ihm den Türöffner-Flyer in die Hand –, dann kann Segensreiches wachsen.

Im Kreis Ludwigsburg läuft das Projekt schon ein paar Monate, die ersten Wohnungen wurden bereits vermittelt. Im Rems-Murr-Kreis geht es jetzt erst richtig los – aber Wegweisendes ist bereits geschehen. In Murrhardt hat der Stadtrat beschlossen: Jede Wohnung, die hier übers Türöffner-Programm vermittelt wird, bezuschusst die Kommune mit 100 Euro im Monat. „Ein toller Solidarbeitrag“, schwärmt Häufele. „Das kann Schule machen!“

Für die katholische Kirche im Rems-Murr-Kreis ist die Aktion ein dritter Meilenstein: nach der Familienpflege, die im Alltag mit anpackt, wenn Menschen zum Beispiel wegen Krankheit unvermittelt in organisatorische Nöte und Überforderung geraten; und der Stiftung „Funke“, die arme Kinder finanziell fördert. Kirche, findet Häufele, solle nicht bloß Moralpredigten schwingen, Kirche müsse sich nützlich machen, wo Sorgen drücken. Und Ellen Eichhorn-Wenz: Die Kirche, heiße es oft, sei „weit weg von den Menschen. Wir sind ganz nah dran, wirklich ganz nah.“