Als Kai Häfner im Murrtal die Kabine fegte

Serie: Bewegende Sportmomente (8) Seit 1995 gastieren Stars der Szene beim Backnanger Handball-Cup in der Karl-Euerle-Halle

Am Anfang war die Idee, im Jubiläumsjahr der TSG-Handballer ein besonderes Turnier auf die Beine zu stellen. Aus der einmaligen Sache Mitte der Neunziger wurde eine Veranstaltung, zu der in Backnang immer wieder Welt- und Europameister sowie deutsche Meister in der Karl-Euerle-Halle begrüßt werden. Diesen Sommer bereits zum 25. Mal.

Zeigte beim Handball-Cup in der Karl-Euerle-Halle vollen Einsatz am Ball und am Besen: Nationalspieler Kai Häfner, der beim Turnier in der Murr-Metropole erst mit den DHB-Junioren und später mit dem Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten startete. Foto: A. Becher

Von Uwe Flegel

Ob es zehn oder elf Jahre her ist, das weiß Jürgen Rauth nicht mehr. Schmunzeln muss er aber noch heute, als er erzählt: „Nach dem Turnier kontrollieren wir immer die Kabinen. Und einmal ging danach Niklas Straub, der um die zehn Jahre alt gewesen sein muss, auf Martin Heuberger zu: Du, schau dir mal die Kabine deiner Jungs an, das ist die dreckigste.“ Der damalige DHB-Junioren- und spätere Bundestrainer fühlte sich vom Steppke nicht auf den Schlips getreten, sondern kam dem Wunsch nach: „Kein Problem. Ich schicke die Jungs gleich noch einmal hoch.“ So kam es, dass heutige Weltklassehandballer wie Kai Häfner und Patrick Groetzki in jungen Jahren lernten, was schwäbische Gründlichkeit bedeutet.

Welche späteren Nationalspieler sonst noch Kabinen der Karl-Euerle-Halle geputzt haben? Rauth weiß es nicht. Infrage kommen von dem Team, das vor wenigen Wochen bei der WM begeisterte, noch der frisch gebackene Handballer des Jahres Patrick Wiencek, Rückraumspieler Steffen Fäth oder auch der nicht nominierte Tobias Reichmann. Sie alle waren dabei, als sich das DHB-Juniorenteam im Sommer 2008 und 2009 in Backnang auf internationale Großereignisse vorbereitete.

Gleichzeitig zeigt diese Episode, wie wichtig die persönlichen Kontakte waren, damit die Veranstaltung in gut vier Monaten zum 25. Mal in Folge über die Bühne gehen kann. Begonnen hat alles 1995. Die TSG feierte das 70-jährige Bestehen des Backnanger Handballs. „Wir wollten was Besonderes auf die Beine stellen. Das hat überraschenderweise hervorragend funktioniert. Da haben wir beschlossen, weiterzumachen“, erinnert sich Rauth, der schon als Spieler zu den Hauptorganisatoren zählte und noch heute eine Triebfeder des Turniers ist. Mit den damaligen Zweitligisten VfL Pfullingen, SG Göppingen/Scharnhausen und TSG Oßweil waren die besten württembergischen Teams am Start. Für die lokale Note sorgten die Regionalligisten TV Oppenweiler, TSB Horkheim sowie SV Fellbach.

Die Namen wechselten,

das Turnier und

die Organisatoren blieben

In den ersten Jahren fand zunächst der Murrtal-Pokal mit Vereinen der Region und tags drauf das Turnier mit den Stars statt. Ersteres war bald Geschichte, die Großveranstaltung ist geblieben. Erst als Koraus-Peugeot-Cup, dann als Scooteria- oder auch Sorg-Wohnen-Cup, zwischendurch mal ohne Namensgeber und mittlerweile als Riva-Handball-Cup. „Unser Ziel war immer, dass wir über Sponsoren die Kosten reinbekommen und das Eintrittsgeld sowie die Einnahmen von der Bewirtung unser Gewinn sind“, erzählt Rauth, warum er und seine Mitstreiter Jahr für Jahr am Ball geblieben sind. Dabei verhehlt er nicht, dass es Jahre gab, in denen das Turnier auf der Kippe stand, weil Sponsoren nicht ständig Schlange gestanden sind. Fakt sei, so Rauth: „Es ist fast immer was für unsere Kasse übrig geblieben.“ Auch in den Jahren, in denen neben dem Männer- auch ein hochkarätiges Frauenturnier stattfand. Doch obwohl zum Beispiel mit dem deutschen Bundesligisten TV Mainzlar, dem Schweizer Meister Spono Nottwil sowie dem Schweizer Erstligisten LK Zug, den Zweitligisten Albstadt und Göppingen sowie dem benachbarten Regionalligisten Waiblingen auch bei den Handballerinnen Hochkaräter mitmischten, war die Resonanz schlecht. Nach drei Versuchen war Schluss. Denn drauflegen will keiner.

Wird Rauth gefragt, ob es für ihn und seine Mitstreiter negative Erfahrungen gab, dann nennt er zwei. „Die Zuschauerzahl war ganz selten so, wie sie angesichts des Klassefelds hätte sein können“, sagt der 56-Jährige und überlegt: „Vielleicht liegt es ja daran, dass wir immer im Sommer in der Halle sind.“ Wobei sich das bei einem Vorbereitungsturnier nicht ändern lässt. Und: Gefüllt war die Karl-Euerle-Halle sehr oft, nur richtig proppenvoll war sie halt nie. Auch nicht 1997, als der TV Großwallstadt das Turnier gewann. Damit hat es sich aber auch schon mit Positivem vom Auftritt des sechsmaligen deutschen Meisters und zweimaligen Europacupsiegers der Landesmeister. Jürgen Rauth sagt nur: „Die hatten die Nase arg weit oben.“ Vor allem den Auftritt des Welthandballers des Jahres 1995 hat er nicht vergessen. „Erst saß Jackson Richardson sichtlich lustlos nur auf der Ersatzbank, dann stand er irgendwann doch noch mal auf Rechtsaußen rum.“

Symptomatisch für das Wesen eines Handballstars scheint das nicht zu sein. Die präsentierten sich ansonsten fast immer als Jungs zum Anfassen. Das gilt fürs südkoreanische Nationalteam und deren Superstar Yoon Kyung-Shin wie auch für Welt- und Europameister Christian „Blacky“ Schwarzer oder Michael Roth, der mit Deutschland in Los Angeles 1984 Olympiasilber gewann, und den schwedischen Welt- und Europameister Stefan Lövgren, der 1998 an Schwarzers Seite mit dem damaligen deutschen Vizemeister TV Niederwürzbach im Murrtal nicht zu schlagen war. Sie alle gaben sich nahbar, gesprächsbereit und „einen Christian Schwarzer oder Michael Roth kann ich heute noch einfach anrufen“. Ähnliches sagen die Backnanger über Ex-Bundestrainer Martin Heuberger, der das Turnier in der Murr-Metropole wie auch der eine oder andere Bundesligist gerne für ein Kurztrainingslager nutzte. „Als er mit den DHB-Junioren ein, zwei Tage vor dem Turnier in der Halle trainiert hat, bin ich hin und habe gefragt, ob er sich nicht auch für ein Team von uns mal Zeit nehmen würde.“ Tags drauf kamen einige Jugendspieler der TSG in den Genuss, unter Anleitung des erfahrenen DHB-Coaches üben zu dürfen.

Auch solche Erlebnisse sind es, die immer wieder dafür gesorgt haben, dass die Backnanger Macher trotz der vielen Arbeit und der manchmal durchaus nervigen Organisation drangeblieben sind. „Es sind viele nette und gute persönliche Kontakte entstanden“, erzählt Jürgen Rauth. Beispiele dafür sind Rolf Brack oder Michael Roth, „die fast immer bei uns waren, wenn sie einen Bundesligisten trainiert haben, egal ob Pfullingen, Göppingen/Scharnhausen und Balingen-Weilstetten oder die HSG Wetzlar“.

Wobei es finanziell immer schwieriger wird. „Die absoluten Topteams kannst du seit einiger Zeit nicht mehr bezahlen“, antwortet Jürgen Rauth auf die Frage, warum es nie gelungen ist, einen THW Kiel oder die SG Flensburg-Handewitt ins Schwabenland zu locken. Auch die Rhein-Neckar-Löwen waren nur in ihren Anfangsjahren bei der TSG. Damals mit einem noch ganz jungen Christian Zeitz, dem Ex-Nationalspieler Uli Schuppler und eben jenem Michael Roth.

Diesen Sommer feiert das Turnier seine 25. Auflage. Mittlerweile veranstaltet vom Zusammenschluss der TSG und des TVO, dem HC Oppenweiler/Backnang. Erst- und Zweitligisten sind weiterhin am Start. Nun aber vor allem solche, die wie der TVB Stuttgart sowie die SG BBM Bietigheim direkt um die Ecke daheim sind. Wobei sich die als Schwaben ja auf jeden Fall mit dem Kehren auskennen.