Noch ein bisschen mehr fürs Leben lernen

Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt bereitet sich auf den Start des bilingualen Zugs vor – Im Herbst beginnt Englisch-Vorkurs

Ein Ausflug in die amerikanische Geschichte, ins Periodensystem oder in die Vegetation des Regenwaldes – künftig ist das für die Schüler am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt auch auf Englisch möglich. Im Herbst startet die erste Gruppe des bilingualen Zugs, die ab dem Folgejahr in einzelnen Fächern in Englisch unterrichtet wird.

Henning Zimmermann sieht im Angebot viele Chancen. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT.Vor ein paar Jahrzehnten war ein Fachunterricht in einer Fremdsprache höchstens etwas, was man von jemandem kannte, der mit seinen Eltern im Ausland lebte und auf eine internationale Schule ging. Mittlerweile haben weiterführende Schulen auch in Deutschland die Chancen erkannt, die solch ein Unterricht bietet. Die Idee, sich in dieser Hinsicht auch fürs Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Gedanken zu machen, geht auf einen pädagogischen Fachtag zurück, erzählt Rektor Henning Zimmermann. „Man überlegt ja immer wieder, wie man sich als Schule weiterentwickeln kann, was vielleicht passen würde, und da ist der englische Fachunterricht und bilinguale Zug in den Fokus gerückt.“ Es reifte der Wunsch, die Fächer Geschichte, Geografie, Biologie, Chemie sowie möglicherweise auch Mathemantik ebenso auf Englisch zu unterrichten.

Ziemlich geschickt war, dass die Schule mit Leonie Korthals, die Geschichte und Englisch am Gymnasium unterrichtet, eine Art Vorreiterin in den eigenen Reihen hat. Sie bietet sogenannte bilinguale Inseln in der 8. Klasse an. „Das heißt, ich frage die Schüler, ob sie sich vorstellen können, für ein oder zwei Einheiten den Unterricht auf Englisch zu machen“, erzählt sie. Bietet es sich thematisch an, also beispielsweise wenn gerade die amerikanische Revolution auf dem Lehrplan steht, wird vom Deutschen ins Englische umgeschwenkt. Leonie Korthals hat gute Erfahrungen mit diesem Modell gemacht. Die Schüler, die gerne Englisch sprechen, sind motiviert, und die Themen lassen sich noch mal anders vermitteln.

Einige Eltern hätten eigentlich erwartet, dass es bereits in Klasse 5 losgeht. Das findet Henning Zimmermann aber zu früh. „Da kommen die Schüler gerade erst am Gymnasium an, müssen sich vom Klassen- auf die Fachlehrer und einen größeren Stundenumfang umstellen“, sagt er. Insofern wird der bilinguale Zug in Klasse 6 starten und zwar mit zwei Stunden Englisch zusätzlich. Mit dieser Grundlage geht es ein Jahr später in den Unterricht auf Englisch – je nach Klassenstufe werden ein oder zwei Fächer angeboten. Am Gymnasium sind dies Erdkunde, Geschichte, Biologie sowie Chemie, für die ein Team von fünf Lehrern zuständig sein wird.

Leonie Korthals und Henning Zimmermann erläutern, dass das methodische Arbeiten schon etwas anders aussieht – sprichwörtlich. Themen und Inhalte werden stärker mit Bildern und visuellen Informationen aufbereitet und vermittelt. Bei der Arbeit mit Texten geht es darum, zu lernen, welche Wörter für die Kernbotschaft nicht so wichtig und umgekehrt für ein Verständnis zentral sind und deshalb nachgeschlagen werden sollten. Manche lassen sich vielleicht über Latein oder Französisch herleiten. „Dann gibt es noch die falschen Freunde, also Wörter, die ähnlich wie im Deutschen klingen, aber eine ganz andere Bedeutung haben“, sagt Zimmermann. Auch bekommen die Schüler das notwendige Fachvokabular an die Hand.

Schüler müssen mehr investieren, bekommen aber auch viel geboten

Wer sich für einen zweisprachlichen Zug entscheidet, bekommt einiges geboten, muss aber auch mehr aufnehmen und tun – pro Fach wird eine Wochenstunde zusätzlich angesetzt, der Vorkurs umfasst zwei Wochenstunden. Aus Sicht des Rektors überwiegen aber ganz klar die Pluspunkte. Mit dem bilingualen Zug verbunden ist die Chance auf einen größeren Wortschatz und eine erweiterte Sprachkompetenz. Dies schlägt sich didaktisch in einem stärker an Beispielen orientierten und aktiven Unterricht nieder. „Die Schüler schreiben beispielsweise auch mal einen eigenen Text oder machen ein Rollenspiel“, sagt Korthals. „Das kostet natürlich auch mehr Zeit.“ Mit einem Eintauchen in Sprache, Kultur und andere Sichtweisen versprechen sich die Pädagogen auch einen Gewinn in genau dieser Hinsicht – die Kompetenz, die Perspektive zu wechseln, Verständnis für andere Kulturen, und Weltoffenheit. „Englisch ist Weltsprache und der Mehrwert geht weit über die Schule hinaus. Auch bei einem Studium ist so eine Basis natürlich ein hohes Gut“, sagt Zimmermann.

Auch das Herangehen in einem englischen Fachunterricht ist etwas anders. „Die Fehlervermeidung steht nicht an vorderster Front“, erklärt der Rektor. „Es geht nicht darum, die Schüler sofort zu korrigieren, damit sich auch Sprachfluss entwickeln kann“, ergänzt Korthals.

Und wie reagieren Schüler und ihre Eltern auf das Angebot? Bei einem Infotreffen gab es die Möglichkeit, sich genauer zu erkundigen und Fragen zu stellen. „Die Schüler waren ziemlich offen, wollten einfach viel wissen“, erzählt Korthals. Eine zentrale Sorge, dass sie durch die Wahl des bilingualen Zugs in einen anderen Klassenverbund müssen, konnte sie zerstreuen. Außer dem Vorkurs und dem späteren Fachunterricht wird sich im Alltag nichts ändern. Zum einen ist dies für ein Gymnasium mit nicht ganz so hohen Schülerzahlen einfacher, zum anderen hat es den Vorteil, dass die Klassen so bleiben, wie sie sind. „Die Schüler, die den bilingualen Zug machen, werden als leistungsstärker wahrgenommen. Deshalb finden wir es besser, wenn sie nicht abgetrennt werden“, sagt Zimmermann.

Auch sonst bleibt für die Schüler des bilingualen Zugs alles wie zuvor auch – in Bezug auf eine mögliche Wahl der Sprachen (Französisch, Latein) oder eines naturwissenschaftlichen Schwerpunkts. Eine Befürchtung der Eltern ist, dass das Lernen nach G8 einen noch größeren Raum einnimmt und ihre Kinder noch weniger Zeit für Familie und Freizeit haben. Henning Zimmermann hält dagegen: „Das ist ein hochwertiges Angebot, mit dem sie, auch wenn der Ausspruch abgedroschen klingt, noch ein Stück mehr fürs Leben lernen.“ Aus seinen Erfahrungen am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach hat er zudem mitgenommen, dass sich nicht nur Spitzenschüler in der internationalen Klasse (10. Stufe) gut geschlagen und insgesamt sehr profitiert haben.