Geschichten im Schnee

Astrid und Rüdiger Szelest zieht es regelmäßig in die russische Taiga – Dort folgen sie den Spuren von Elchen und Wölfen

Während andere in den Süden fliegen, um dem deutschen Winter zu entfliehen, zieht es Astrid und Rüdiger Szelest dorthin, wo es noch kälter ist. In der russischen Taiga gehen sie bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad auf Spurensuche im Schnee und helfen in einer biologischen Station bei der Aufzucht von Bärenwaisen. Für das Ehepaar aus Welzheim ist das der perfekte Urlaub.

In der Aufzuchtstation werden kleine Braunbären mit der Flasche aufgezogen.

Von Kornelius Fritz

 

WELZHEIM/BACKNANG. Zwei Wochen All-inclusive-Urlaub im Strandhotel? Für Astrid Szelest eine schreckliche Vorstellung: „Nach ein paar Tagen im Hotel werde ich unleidlich“, sagt sie. Im Urlaub zieht es die 49-Jährige, die bei der Stadt Backnang als Sachgebietsleiterin für die Schulen zuständig ist, in die Wildnis. Im Februar war sie wieder zusammen mit ihrem Mann Rüdiger für zwei Wochen in Russland. In Bubonitsy, rund 450 Kilometer nordwestlich von Moskau, besitzt das Ehepaar eine Blockhütte ohne Strom und fließend Wasser. Seit zwölf Jahren kommen sie regelmäßig hierher, helfen in einer biologischen Station mit und gehen auf Spurensuche im Schnee.

Bevor sie vor 30 Jahren ihren Mann kennenlernte, hätte sich Astrid Szelest einen solchen Urlaub nicht vorstellen können. „Ich habe mich von ihm anstecken lassen“, erinnert sie sich und erzählt von der ersten gemeinsamen Tour durch den Sarek-Nationalpark in Lappland. Eine Woche waren die beiden mit Zelt und Rucksack unterwegs, an sechs von sieben Tagen hat es geregnet und die Mücken waren eine Plage. Trotzdem war es für Astrid Szelest eine unvergessliche Zeit: „Wir waren ganz auf uns gestellt. Das war eine tolle Erfahrung.“

Seitdem haben sie und ihr Mann die halbe Welt bereist und bei den unterschiedlichsten Projekten mitgearbeitet: In Südafrika haben sie sich um Straßenkinder gekümmert, in Australien mit Drogensüchtigen gearbeitet und in Kirgistan Schneeleoparden aufgezogen. „Wir wollen nicht nur Touristen sein, sondern auch einen Beitrag leisten“, sagt Astrid Szelest. So komme man leichter in Kontakt mit Einheimischen und lerne das Reiseland besser kennen.

Bärenwaisen werden mit
der Flasche aufgezogen

 

Seit mittlerweile zwölf Jahren ist nun Russland das bevorzugte Reiseziel des Ehepaars. Durch eine Tierpflegerin in einem deutschen Wildpark hörten sie damals von der Station des Biologen Vladimir Bologov und beschlossen, dorthin zu fahren. Schon die Anreise war ein Abenteuer: Mit dem Flugzeug ging es nach Moskau, von dort weiter mit dem Nachtzug und schließlich mit einem Pick-up-Truck über Schotterpisten zu der Station, die abseits der asphaltierten Straßen liegt. Der nächste größere Ort mit Einkaufsmöglichkeiten und Arztpraxis ist rund 45 Kilometer entfernt.

Für die Welzheimer ist Bubonitsy trotzdem der ideale Urlaubsort: „Ich habe mich sofort verliebt in die Weite der Taiga und in die Herzlichkeit der Menschen“, erzählt Astrid Szelest. Wurden in der Station anfangs vor allem Wölfe aufgezogen, so sind es heute Bärenkinder, die von ihrer Mutter getrennt wurden. „Wenn eine Bärenmutter aufgescheucht wird, zum Beispiel durch Jäger oder Forstarbeiter, kehrt sie nie wieder in ihre Höhle zurück“, erklärt Szelest. Die Kleinen würden sterben, wenn sie nicht von Menschen aufgepäppelt würden.

Bei ihren Reisen dürfen auch die Deutschen dem knuddeligen Nachwuchs das Fläschchen geben, doch allzu eng soll die Bindung zwischen Mensch und Bär nicht werden, denn, wenn die Tiere groß genug sind, werden sie wieder ausgewildert. In mehr als 200 Fällen sei das schon gelungen, freut sich die 49-Jährige.

Weil sie das Leben in der Natur fasziniert, hat Astrid Szelest eine Ausbildung zur Wildnispädagogin und Fährtenleserin absolviert und heftet sich in Russland, aber auch daheim im Welzheimer Wald, regelmäßig an die Fersen wilder Tiere. Sie folgt den Fußabdrücken von Elchen und Wölfen, analysiert Bissspuren an Pflanzen und untersucht die Losung der Tiere. „Wir lesen Geschichten im Schnee“, sagt Szelest. In Russland folgte sie einmal den Spuren eines Luchses. Anhand der „Trittsiegel“ im Schnee konnte sie erkennen, wie sich das Tier erst langsam anschlich, dann das Tempo erhöhte und schließlich zum Sprung ansetzte. „Am Ende haben wir dann sogar noch die Überreste des Schneehasen gefunden, den der Luchs gefressen hat“, erzählt sie. Für Astrid Szelest sind solche Erlebnisse spannender als jeder Fernsehkrimi – obwohl sie den Luchs selbst gar nicht zu Gesicht bekommen hat.

Wildnistouren gegen das
„Naturdefizitsyndrom“

 

Die Touren im Schnee sind für die Verwaltungsfrau ein idealer Ausgleich zur Schreibtischarbeit auf dem Amt: „Wenn ich auf einem Trail bin, dann hat in meinem Kopf nichts anderes mehr Platz“, sagt sie. Ihre Begeisterung für die Natur möchte Astrid Szelest gerne an andere weitergeben: Deshalb bietet sie auch Camps und Touren in der Wildnis an. Im Februar hat sie wieder eine 14-köpfige Reisegruppe aus Deutschland durch die russischen Wälder geführt. Und für die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald organisiert sie im Sommer Erlebnistage für Kinder in der Region.

„Wir wollen große und kleine Leute weg von den Steckdosen holen“, lautet ihr erklärtes Ziel. Denn bei vielen hat sie ein „Naturdefizitsyndrom“ diagnostiziert. Wenn sich Kinder nicht mehr auf den Waldboden setzen wollten, aus Angst, ihre Kleidung dreckig zu machen, dann laufe etwas schief, findet Astrid Szelest und will den Nachwuchs für ein Leben im Einklang mit der Natur begeistern: „Wenn aus dem Dreck wieder Erde wird, dann haben wir es geschafft.“

Weitere Informationen zu den Projekten und Angeboten von Astrid und Rüdiger Szelest gibt es im Internet unter www.szelest.info