Vermisster vermutlich in Nordeuropa

Polizei nimmt Öffentlichkeitsfahndung nach dem gesuchten Jungen aus Winnenden zurück

Von Andrea Wüstholz

WINNENDEN. Der elf Jahre alte, in Winnenden lebende Junge, der seit Freitag vermisst wird, ist vermutlich in Nordeuropa. Dies gab das Polizeipräsidium Aalen gestern Abend bekannt.

Der Junge stammt ursprünglich aus dem Irak, ist ein prima Schüler, spricht gut Deutsch, lebt seit längerem ohne Eltern in einer Einrichtung in Winnenden und ist bisher in keinster Weise als Ausreißer aufgefallen. Seit Freitag um die Mittagszeit war er vermisst. Gegen 12.30 Uhr hatte er seine Schule in Winnenden verlassen. Mit Personensuchhunden und einem Hubschrauber suchte die Polizei nach dem Vermissten. Allerdings vergebens. Deshalb startete sie eine Öffentlichkeitsfahndung und bat die Bürger um Mithilfe. Die Suche blieb aber das ganze Wochenende über ohne Erfolg. In Winnenden waren sogar Flugblätter verteilt worden.

Am Montagnachmittag startete die Polizei erneut eine groß angelegte Suchaktion in Winnenden. Mehrere Kräfte der Polizei und ein Hubschrauber waren im Einsatz. Untersucht wurde ein Gebiet in Winnenden, auch das Wunnebad wurde durchsucht. Die Aktion wurde gegen 18 Uhr vorläufig eingestellt. Am Abend teilte die Polizei mit: „Der vermisste Junge, welcher seit Freitag aus Winnenden vermisst wird, hält sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wohlbehalten in Nordeuropa auf. Der Kriminalpolizei Waiblingen liegen nach umfangreichen Ermittlungen sehr konkrete Hinweise vor, wonach sich der Junge aus eigenem Antrieb zu Familienangehörigen nach Nordeuropa begeben hat. Die weiteren Ermittlungen dauern an.“

„Nach unserer Erkenntnis sind

die Eltern nicht in Deutschland“

Der Junge ist laut Polizei im Mai 2018 in die Bundesrepublik eingereist. Seit Mitte vergangenen Jahres lebt er in einer Wohngruppe der Paulinenpflege Winnenden, berichtet Pressesprecher Marco Kelch und ergänzt: „Uns sind die Eltern unbekannt. Nach unserer Kenntnis sind die Eltern nicht in Deutschland.“ Der Junge lebe in einer Wohngruppe in Winnenden-Schelmenholz im ehemaligen Kinderdorf. Der Elfjährige hat eine Busfahrkarte und ist sonst immer von der Stöckachschule in Winnenden mit dem Bus zur Wohngruppe gefahren. Nach derzeitigem Kenntnisstand sei der Junge vergangenen Freitag nicht in den Bus gestiegen. Der Schüler sei bisher noch nie in der Weise aufgefallen, dass er einfach für eine Weile abgehauen sei, gibt Pressesprecher Kelch Auskunft.

Dem Vernehmen nach befindet sich der Bub im Aufenthaltsstatus einer Duldung. Er zählt zur Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Die Akte sei dünn, so Marco Kelch; man wisse wenig über den Jungen. Aus Datenschutzgründen bleiben Informationen über den Lebenslauf des Irakers ohnehin unter Verschluss.

Das Landratsamt informiert ganz allgemein darüber, wie es um Flüchtlingskinder ohne erwachsene Familienangehörige im Rems-Murr-Kreis bestellt ist: Die Mädchen und Jungen leben in Gastfamilien oder in Wohngruppen von Jugendhilfeeinrichtungen. Über ihre Belange entscheidet oftmals ein Vormund, den das Jugendamt für die Kinder bestellt. Der gesuchte Junge ist einer von derzeit zehn Kindern im Alter von zwölf Jahren oder jünger, die als unbegleitete Kinder im Rems-Murr-Kreis leben. Laut Martina Keck, Sprecherin beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis, leben aktuell 195 unbegleitete minderjährige Ausländer im Kreis. Im Oktober 2016 lebten mit 303 die meisten minderjährigen allein Geflüchteten hier; im Februar des Jahres 2016 waren es 252.

Baden-Württemberg hat momentan die Quote zur Aufnahme erfüllt, weshalb minderjährige Menschen, die allein in Deutschland ankommen, in anderen Bundesländern unterkommen.